Erster bei Patenten, 19. beim Onlineverkauf: Deutschlands zwei Ranglisten

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Ein neues Länderranking sieht Deutschland bei Patenten auf Platz 1 und bei der digitalen Adoption auf Platz 11. Im E-Comerce: 22,97 Prozent, Rang 19 von 29, unter dem EU-Schnitt.

Deutsche Unternehmen melden mehr Patente an als Unternehmen in jedem anderen der 29 Länder, die das B2B-Softwareunternehmen Leadfeeder für sein Ranking „Doing Business in Europe“ untersucht hat. Im Gesamtergebnis reicht das für Platz 5, hinter Schweden, Dänemark, den Niederlanden und Finnland. Der Grund liegt laut Studie in einer einzigen Kategorie: der digitalen Adoption in den Unternehmen. Dort steht Deutschland auf Rang 11 – hinter Belgien, Litauen und Irland.

Für Händler ist der Befund relevanter als die Platzierung. Denn die drei Kennzahlen, aus denen sich diese Kategorie zusammensetzt, sind Cloud-Nutzung, KI-Einsatz und der Anteil der Unternehmen, die Bestellungen über E-Commerce entgegennehmen. Es sind Zahlen der amtlichen Statistik, nicht des Anbieters – und sie lassen sich unabhängig nachrechnen.

Was die Studie misst – und was nicht

Leadfeeder, das nach eigenen Angaben zur Dealfront Group GmbH gehört und die Marken beider Unternehmen zusammengeführt hat, hat 29 europäische Länder anhand von neun Indikatoren aus vier Kategorien bewertet: wirtschaftliche Aktivität, Investitionen, Innovation und Digitalisierung. Die Daten stammen von Eurostat, der WIPO und dem Conference Board. Die Gewichtung – zwischen 2 und 8 von insgesamt 40 Punkten je Indikator – hat die Redaktion des Anbieters gesetzt. Eine methodische Begründung für die Verteilung nennt die Studie nicht. Elf weitere Länder wurden mangels vollständiger Daten ausgeschlossen, darunter die Schweiz, die laut Studie mit 1.235 Patentanmeldungen je Million Einwohner deutlich über dem deutschen Wert läge.

Deutschlands Werte im Einzelnen: 779,6 Patentanmeldungen je Million Einwohner (Rang 1), 3.339 Markenanmeldungen je Million (Rang 5), eine Beschäftigungsquote von 81,1 Prozent (gemeinsam Rang 6) und eine Arbeitsproduktivität von 96,5 (Rang 4). Bei den Bruttoanlageinvestitionen liegt Deutschland mit 20,3 Prozent des BIP auf Rang 24 – ein Wert, der allerdings auch Wohnungsbau und öffentliche Infrastruktur umfasst und deshalb keine Aussage über Unternehmensinvestitionen erlaubt. Die Studie selbst weist darauf hin, dass eine hohe Quote eher anzeigt, in welcher Aufbauphase eine Volkswirtschaft steckt.

Auffällig für den Handel: Beim Indikator „Unternehmen mit Bestellungseingang über E-Commerce" nennt die Studie nur die fünf Spitzenreiter. Der deutsche Wert taucht weder im Länderprofil noch in der Kategorieauswertung oder im herunterladbaren Datensatz auf – ausgerechnet bei der Kennzahl, die den Handel am unmittelbarsten betrifft.

Die amtlichen Zahlen

Die von Leadfeeder verwendeten Digitalisierungswerte decken sich mit den Primärquellen. Nach Eurostat nutzten 2025 EU-weit 20,0 Prozent der Unternehmen ab zehn Beschäftigten KI-Technologien, angeführt von Dänemark (42,0 Prozent), Finnland (37,8) und Schweden (35,0); Schlusslicht ist Rumänien mit 5,2 Prozent. Für Deutschland weist das Statistische Bundesamt für 2025 26 Prozent aus, bei Cloud-Diensten 54 Prozent. Die Studienwerte von 26,0 und 53,9 Prozent sind also belastbar.

Interessanter als der Durchschnitt ist die Streuung nach Unternehmensgröße. Von den Unternehmen ab 250 Beschäftigten nutzen laut Destatis 57 Prozent KI, von den mittleren (50 bis 249 Beschäftigte) 36 Prozent, von den kleinen (10 bis 49 Beschäftigte) 23 Prozent. Bei Cloud-Diensten liegen die Werte bei 86, 65 und 51 Prozent. Die Lücke, die das Ranking als Länderrückstand ausweist, ist der Sache nach vor allem eine Lücke zwischen Konzern und Mittelstand.

Der Wert, den die Studie nicht nennt

Der fehlende deutsche E-Commerce-Wert lässt sich in der Eurostat-Datenbank direkt abrufen. Nach dem Datenbestand vom 1. September 2026 hatten 2024 in Deutschland 22,97 Prozent der Unternehmen ab zehn Beschäftigten E-Commerce-Umsätze (Eurostat, isoc_ec_esels). Der EU-Durchschnitt liegt bei 23,83 Prozent. Unter den 29 Ländern des Rankings entspricht das Rang 19.

Vor Deutschland liegen nicht nur Litauen (42,07 Prozent), Irland (39,57), Dänemark (38,76), Schweden (36,50) und Finnland (34,07), sondern auch Spanien (32,22), Kroatien (32,03), Serbien (30,83), Österreich (30,77) und die Niederlande (30,26). Hinter Deutschland folgen unter anderem Italien (20,41), Frankreich (18,34) und Polen (17,80). Die beiden größten Volkswirtschaften des Rankings liegen damit beide unter dem EU-Schnitt.

Auch hier wiederholt sich das Größenmuster: 20,93 Prozent bei Unternehmen mit 10 bis 49 Beschäftigten, 29,09 Prozent bei 50 bis 249, 43,18 Prozent ab 250 Beschäftigten.

Zwei methodische Hinweise gehören dazu. Erstens das Bezugsjahr: Die Erhebung 2025 fragt die E-Commerce-Umsätze des Vorjahres ab, die Werte beziehen sich also auf 2024, nicht auf 2025, wie es die Methodik der Studie ausweist. Zweitens der Datenstand: Eurostat revidiert nach der Erstveröffentlichung. Die Studie nennt für Litauen 43,0 Prozent – das entspricht dem Eurostat-Artikel mit Datenstand Februar 2026, während die Datenbank heute 42,07 Prozent ausweist. Für Irland liegt der aktuelle Wert um drei Prozentpunkte höher als der zitierte. Auf die deutsche Position wirkt sich das nicht aus, auf einzelne Ränge im Mittelfeld möglicherweise schon.

Was der Verband dagegenhält

Die Eurostat-Zahl von 26 Prozent ist nicht die einzige Messung, die für Deutschland kursiert. Der Digitalverband Bitkom berichtet für 2026, 41 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten setzten KI bereits ein, weitere 48 Prozent planten oder diskutierten den Einsatz. Ein Jahr zuvor hätten erst 17 Prozent KI genutzt.

Die beiden Werte messen nicht dasselbe: Eurostat erfasst amtlich und beginnt bei zehn Beschäftigten, Bitkom Research befragte telefonisch 604 Unternehmen ab 20 Beschäftigten zwischen der zweiten und sechsten Kalenderwoche 2026 – und damit später und in einer Grundgesamtheit ohne die kleinsten Betriebe, die den Eurostat-Schnitt drücken. Wer den deutschen Rückstand belegen will, findet in beiden Quellen Material – wer ihn bestreiten will, ebenfalls.

Bemerkenswert ist die Selbsteinschätzung: Nach der Bitkom-Befragung sehen 78 Prozent der Unternehmen die wirtschaftliche Krise auch als Krise zögerlicher Digitalisierung. 65 Prozent geben an, früh digitalisierte Wettbewerber der eigenen Branche seien ihnen inzwischen voraus. 13 Prozent halten die Digitalisierung für existenzbedrohend. 2024 waren es 4 Prozent.

Was das für den Handel bedeutet

Drei Punkte lassen sich aus der Datenlage ableiten, ohne die Studie zu überdehnen:

Erstens verschiebt sich der Wettbewerbsvergleich. In Litauen verkaufen 42,07 Prozent der Unternehmen digital, in Irland 39,57, in Dänemark 38,76 – in Deutschland 22,97. Für deutsche Händler im Cross-Border-Geschäft ist der relevante Vergleichsmaßstab damit nicht der eigene Markt. Wer nach Skandinavien oder ins Baltikum verkauft, trifft auf Handelspartner mit höherer Prozessdigitalisierung – bei Schnittstellen, Bestellwegen und Datenaustausch.

Zweitens ist der Größeneffekt die eigentliche Nachricht. Er zieht sich durch alle drei Kennzahlen: Beim E-Commerce reicht die Spanne von 20,93 Prozent bei kleinen bis 43,18 Prozent bei großen Unternehmen, bei KI von 23 auf 57 Prozent, bei Cloud von 51 auf 86 Prozent. Für Händler mit zehn bis fünfzig Beschäftigten beschreibt der Länderdurchschnitt nicht ihre Lage, sondern verdeckt sie.

Drittens taugt Innovationsstärke nicht als Ersatz. Patentanmeldungen messen Anmeldungen, nicht Verwertung, nicht Marktanteil und schon gar nicht Prozesse im Vertrieb. Der Befund der Studie, dass eine hohe Patentquote den Rückstand bei der Adoption nicht kompensiert, ist die belastbarste ihrer Aussagen.

Offene Fragen

Ungeklärt bleibt, wie stark das Gesamtergebnis von der gesetzten Gewichtung abhängt: Bei einer anderen Verteilung der 40 Punkte wäre Platz 5 nicht gesichert. Die Kategorie „Investitionen" misst mit den Bruttoanlageinvestitionen eine Größe, aus der sich über die Investitionsbereitschaft von Handelsunternehmen nichts ableiten lässt. Und offen ist, warum eine Studie, die Deutschland auf Rang 11 der Digitalisierung führt, den einzigen Handelsindikator dieser Kategorie für Deutschland nicht ausweist.

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David Wöllenstein
RedaktionDavid Wöllenstein

Redakteur

David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.

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