
Das harte Leben im Tante-Emma-Laden
Es gibt ihn noch, den Krämerladen für alles Lebensnotwendige. Aber das Geschäft lohnt schon lange nicht mehr: Ein Händler wie Wolfgang Kreykenbohm macht 60 Euro Gewinn am Tag.
David WöllensteinRedakteurKreykenbohm eilt weiter in die Obst- und Gemüsehalle. Rhabarber aus dem Umland ist eingetroffen, fünf Euro kostet das Kilo. Kreykenbohm verzieht das rosige Gesicht und streicht sich über die struppigen dunklen Haare. Obwohl der Preis besser sein könnte, nimmt er eine Kiste. "Meine Kunden legen Wert auf frische, lokale Produkte."
"Für sieben Cent bückt sich niemand"
Mittlerweile ist es kurz vor fünf. Zu Hause wird er sich nochmals hinlegen. Je früher er nun nach Hause kommt, desto mehr Schlaf bleibt ihm. Seine Wohnung liegt gleich hinter dem Laden im Norden der Hansestadt.
Rund 350 Tante-Emma-Läden gibt es nach Angaben des Hamburger Einzelhandelsverbands noch in der Hansestadt - und jedes Jahr werden es weniger. In ganz Deutschland sind es vielleicht 12.000, auf dem Land weniger als in den Städten. "Auf einen Euro bleiben mir sieben Cent Gewinn. Dafür bücken sich die meisten erst gar nicht. Ich sag dafür aber 'Guten Tag', 'Was darf es sein', 'Hat es Ihnen gefallen'
und 'Auf Wiedersehen'", sagt Kreykenbohm. Am Tag blieben so 40 bis 60 Euro Gewinn.
Seit sieben Uhr hat Kreykenbohm die Regale aufgefüllt. Jetzt sitzt der 60-Jährige schläfrig auf einem Barhocker am Eingang und schreibt Preisschilder. Das Schälchen Himbeeren für 2,99 Euro, das Stück Kuchen "Frankfurter Kranz" für 1,50 Euro. Von der hinteren Ladenwand surrt die Kühlung der alten Wurst- und Käsetheke.
Gute Geschäfte nach dem Zweiten Weltkrieg
Um ihn herum türmen sich zwei Meter hohe Wandregale: Konserven, Zeitschriften, Getränke, Klopapier - hier findet sich nahezu alles, was man zum Leben braucht. Auch, wenn die Suche in dem knapp 40 Quadratmeter großen Warenhimmel ein wenig Zeit in Anspruch nimmt. "Kann ja jeder fragen, wenn er was sucht", erklärt der Kaufmann das geordnete Durcheinander.
Ursprünglich hatte Großmutter Marie den Laden 1934 als Brotgeschäft gegründet. Weit mehr als 300 Haushalte versorgten sich hier mit Brot und anderen Teigwaren. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg lief das Geschäft gut. Damals glich die Straßenecke im Hamburger Stadtteil Alsterdorf noch einem Einkaufszentrum: nebenan reihten sich Milchmann, Schlachter, Gemüse- und Kolonialwarenhändler, Schuster und Wirtschaft.
Übriggeblieben ist nur der Brotladen, den der Vater um weitere Lebensmittel erweiterte. Mitte der siebziger Jahre übernahm Wolfgang Kreykenbohm den Laden. Da war er gerade einmal 26 Jahre alt, geplant war das nicht. Damals stand der Jurastudent kurz vor dem zweiten Staatsexamen: Rechtsanwalt wäre er gerne geworden. Doch als der Bruder das kleine Geschäft nicht übernehmen wollte, sah er sich in der Pflicht.
Hamburger Jurist mit viel Humor
Eine Kundin rollt mit ihrer Gehhilfe in den Laden, im Einkaufsnetz baumelt eine Packung Tomaten. "Frau Pennau, Sie wissen doch, dass der Käufer gemäß Paragraf 433 BGB verpflichtet ist, dem Verkäufer den vereinbarten Kaufpreis zu zahlen", ruft Kreykenbohm. "Erst dann dürfen Sie die Ware in ihre Tasche stecken, sonst machen Sie sich strafbar." Frau Pennau winkt ab: "Du ollen Klookschieter, sabbel di doot."
Die 90-Jährige kennt Kreykenbohms Humor. Seit über 70 Jahren kauft sie hier ein.
Als Kreykenbohm sich umdreht und zur Kasse schlurft, scheint auf seinem Rücken ein Schriftzug durch den weißen Kittel: "Wir lieben Lebensmittel." Darunter das Logo der genossenschaftlich organisierten Edeka-Gruppe, in der auch er Mitglied ist. Von Liebe zum Produkt kann nach mehr als 35 Jahren im Geschäft keine Rede mehr sein.
Manchmal, wenn er nachts Hunger bekommt, geht er in den Laden und überlegt, worauf er Appetit hat. Meist fällt ihm nichts ein. "Am meisten freue ich mich über Selbstgemachtes, das schmeckt immer anders."
Rechnen in Brot-Metern
Sanddorn-Dragees, Bio-Mangos oder neuseeländisches Lammfilet - im Sortiment verwundern zahlreiche Produkte, die sonst eher in Reformhäusern oder angesagten Alternativmärkten erhältlich sind. "Kundenwünsche", knurrt Kreykenbohm. Reich wird er damit nicht.
Stünde die Bio-Soja-Kakao-Milch aber nicht im Regal, ginge die Kundschaft woanders hin. "Meine Großmutter rechnete immer in Brot-Metern", erinnert er sich. "War ein Kunde verloren, breitete sie die Arme aus und jammerte: Soviel Brot hätte der in diesem Jahr gekauft."
Bis vor 15 Jahren sei man noch gut über die Runden gekommen, sagt Kreykenbohm und fährt sich durch die dunklen, drahtigen Haare, die schon seit einigen Jahren silbern schimmern. "Das Problem sind nicht die großen Supermärkte, sondern die Discounter", seufzt er. Die Leute hätten heutzutage weniger Geld.
Service und Vertrauen reicht nicht mehr
Lange glaubte er, die Konkurrenz der Billigheimer mit Service parieren zu können: Lieferung frei Haus. Namen und Einkaufszettel vieler Kunden kennt Kreykenbohm auswendig. Als ein Stammkunde arbeitslos geworden war und seine Einkäufe nicht mehr zahlen konnte, räumte Kreykenbohm ihm einen Kredit von mehr als 800 Euro ein. "Man lässt doch einen Menschen nicht so einfach verhungern."
Vertrauen und Service - das erwarte heute niemand mehr, sagt er. Hauptsache billig. Im Durchschnitt berechnet er fünf bis zehn Cent mehr als die großen Supermarktketten. Der Preis sei aber nicht allein das Problem, sagt er. Auch das Angebot spiele da eine Rolle. Zwar bekomme man bei ihm fast alles. "Aber eben nicht jedes Produkt in zehnfacher Markenausführung."
Eine junge Frau mit Sonnenbrille eilt herein und verlangt zwei Brötchen. Kreykenbohm legt den Kopf schief und lächelt. "Lesen, Naschen, Rauchen, Trinken - wozu kann ich die Dame denn noch verführen?" Die Kundin lächelt, bleibt aber bei ihrer Bestellung und geht. "Laufkundschaft, davon habe ich genug", sagt der Krämer. "Mit diesen Kleckerbeträge verdiene ich kein Geld. Da halte ich mich an das Helgoländer Piratenmotto: Ausbooten, Ausbeuten, Einbooten."
Aber ist er denn nicht stolz, sein eigener Herr zu sein? "Ich kann es mir ja nicht mehr aussuchen. Niemand stellt einen 60-Jährigen ein. Und ein Jurist, der vor über 30 Jahren studiert hat, ist doch eine Lachnummer. Also muss ich weiter machen - bis zum bitteren Ende."

Redakteur
David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.
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