
Ein Plädoyer für bessere Startups
Wahrscheinlich war gestern, der Tag der iPhone5 Präsentation, einer der wenigen Tage in Deutschland an denen kein neues Startup im E-Commerce gegründet wurde. Vielleicht waren auch alle gerade auf der Dmexco. Das mag ein wenig übetrieben sein. Fest steht aber: Es gibt im E-Commerce kaum ein Modell, dass in Berlin, München, Bielefeld oder Uelzen nicht flugs in einer weiteren Abwandlung noch mal als Webshop zusammengebastelt wird. Dabei sind Copycats an sich ja nichts Verwerfliches. Eigenartig ...
Auf die gleichen Zahlen zu setzen, das mag beim Roulette noch klappen. Man muss den Gewinn ja nicht teilen. Im wahren Leben, draußen, wo es dann anders als im Casino wieder Uhren an den Wänden gibt, klappt das nie. Das eigene Geld reicht nicht, um beim System des Profi-Spielers, der eine Durststrecke einkalkuliert, mithalten zu können; das Spielfeld ist zu klein, um dort mehrere Einsätze zu verteilen. Auch die Wirtschaftspresse, der Spielanzeige der Zahlen im Casino vergleichbar, ist kein guter Ratgeber. Wer glaubt, dass dann Geld bei Investoren zu holen sei, weil nun alle das Konzept kennen, kommt ein wenig spät. Selten genug, dass beim Roulette zweimal hintereinander die 17 fällt.
Scheinbar schlaue Spieler versuchen dann gerne, das Wettsystem ein wenig abzuwandeln. Ein kleiner anderer Dreh im E-Commerce-Modell, eine ein wenig andere Gewichtung in der Zielgruppe. Vielfach herbeigezwungen, um ein wenig anders zu wirken. Gähn. Es taugt nicht.
Denn es geht nicht darum, schlicht einen anderen Dreh zu finden, der vielleicht noch eine gute PR-Story hergibt, oder der bei einem US-Startup im Mittleren Westen auf der Website ganz hübsch aussah.
Wer reüssieren will, der muss entweder schnell, laut und mit einem Sack voll Geld mit einem Copycat in einen Markt (Land) einsteigen, den das Vorbild noch nicht auf dem Radar hatte. Oder er muss eine interessante und kreative Idee bieten, neu und anders sein. Klar eine Binse, aber sie soll auch zu einem anderen Satz hinführen.
Erfolg misst sich nämlich nicht an der Frage, wie und wo kann ich möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen. Sondern erstens an der Frage: Welchen Dienst oder Service vermisse ich selbst? Zweitens: Welcher Dienst oder Service könnte anderen Spaß machen? Entrepreneure sind schließlich keine Historiker, die sich mit Dingen von Gestern beschäftigen, sondern Menschen, die eine Wette auf die Zukunft eingehen.
Start-ups sollen sich zur Inspiration vielleicht noch einmal "The Social Network" über die Entstehungsgeschichte von Facebook ansehen. Geld spielte da zu Beginn der Plattform noch keine Rolle. Zuckerberg hatte eine ganz andere Motivation. Es ging um Spaß und irgendwie auch im Freiheit und die Machbarkeit des Möglichen.
Erfolgreichen Unternehmen geht es nie nur um Umsatz. Sie haben eine Mission. Und sei es, dass sie die Welt ein wenig hochtrabend zu einem besseren Platz machen wollen.
Zuckerberg: The thing I really care about is the mission, making the world open.
Steve Jobs: Going to bed at night saying we've done something wonderful, that's what matters to me.
Geld verdienen wollen ist okay. Ein Start-up, das aber seinen Antrieb allein im Umsatz sieht, wird nie die Motivation und Zähigkeit aufbringen, sich im Markt zu etablieren. Start-ups sollten Problemlöser sein.
Dafür aber sollten sie ihren Markt und ihre Zielgruppe kennen. Diese müssen Start-ups studieren, nicht das Konzept und den Code der Wettbewerber. Its the Data, stupid.
Nur dann kann auch der zweite Schritte klappen. Die Installation von Prozessen, die Luft zum Atmen, zur Weiterentwicklung lassen und die Basis für nötige Effizienz schaffen. Dann kann man auch die Durststrecke am Roulette-Tisch durchhalten.
Chefredakteur
Olaf Kolbrück, 48, war lange Jahre Reporter Internet und E-Business bei Horizont. Seine Karriere bei Horizont, Fachmagazin für Marketing und Medien, startete er 2000 als Redakteur für Marketing, Web 2.0 und E-Commerce. Daneben gründete er den renommierten Marketing-Blog Off-the-Record.de und zählt zu den profiliertesten Bloggern für digitale Werbung und Marketing. Im Juli 2013 erschien sein Fachbuch "Erfolgsfaktor Online-Marketing - So werben Sie erfolgreich im Netz / E-Mail, Social Media, Mobile & Co. richtig nutzen" (Deutscher Fachverlag, Frankfurt). Anschließend ist von ihm der Kurzgeschichten-Band "Gebete an die Cloud - 5 phantastische digitale Geschichten" erschienen. (Printversion) 2009 gewann er den Innovationspreis des Deutschen Fachverlags. 2011 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Zu seiner früheren redaktionellen Tätigkeit zählen Positionen bei der Handelsgruppe Rewe in Köln und bei der Neue-Rhein-Zeitung. Nebenbei schreibt er Krimis. Sie finden den Autor bei Twitter unter dem Namen @OlafKolbrueck oder auch auf Facebook sowie bei Google+. Kolbrück bloggt auch noch hier. Mehr über Olaf Kolbrück als Autor gibt es auf kolbrueck.de.
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