Lange vor dem Shitstorm gab es das Forum. Rund zehn Jahre, bevor sich der Terminus Social Media durchsetzen konnte gab es bereits Plattformen, die im Grunde die gleichen Prinzipien erfüllten. User trafen sich mehr oder minder anonym. Sie kommunizierten direkt miteinander oder auf einem öffentlichen schwarzen Brett und sie gruppierten sich um Themen. Die schnelle Form dieser Kommunikation war der Chat, die etwas behäbigere Form war und ist bis heute das Forum. Noch heute gehört die Analyse der großen Foren wie Chefkoch.de oder GuteFrage.net zum Pflichtprogramm für jeden Social Media Manager der es ernst meint. Auf Chefkoch.de werden auch Fragen zu Autos oder Immobilienkrediten diskutiert. Die schiere Größe des Forums sorgt dafür, dass ein Fragender auch eine Antwort erhält.
Der Shitstorm und die Hausmeister
Genau auf eine solche Situation hat es Tom Kedor abgesehen. Kedor betreibt das Autoforum Motor-Talk.de. 2,3 Millionen Mitglieder debattieren über alle Marken. Es geht um die neuesten Elektromodelle von Tesla ebenso wie um die Frage, wie man ein Scheibenwischerblatt beim Citroen C1 auswechselt. 91 Prozent seiner Nutzer sind auf der Suche nach einer Problemlösung, weiß Kedor aus Umfragen, und 48 Prozent recherchieren den nächsten Autokauf. Letzteres ist natürlich eine besonders wichtige Zahl, denn sie macht die Plattform für die Werbegelder der Automobilindustrie spannend.
Kedor hat beobachtet, dass die Stimmung in den Foren schwankt. Fast jeder Teilnehmer hat schon unfreundliche Antworten erhalten. Gelegentlich schläft ein Forum komplett ein. Das große Problem für den quirligen Berliner ist die Tatsache, dass er in der Regel erst dann von Problemen in einem Forum erfährt, wenn der Ton rauer wird. Dann ist es meistens schon zu spät, um den Forenzweig zu retten. Wie aber kann man aufkommende Probleme in Foren früher erkennen?
Kedors erste These lautete: Ein Forum ist gesund, wenn dort viel Aktivität stattfindet. Leider taugt dieser Indikator nicht, denn es gibt saisonale Schwankungen, Themen, die die Hersteller setzen und Top Themen wie zum Beispiel eine PKW-Maut, die die Aktivität im Forum beeinflussen.
Bauchgefühl und Daten
Nach diesem Irrtum wollte sich der Berliner nicht mehr auf sein Bauchgefühl verlassen und analysiert die Daten. Knapp 70 Datensätze kann er aus den Foren extrahieren, darunter zum Beispiel die „Dankeschöns“, die ein Forenteilnehmer für eine hilfreiche Antwort aussprechen kann.
Und genau hier wird es für das Forum kritisch. Man sollte meinen, Motor-Talk könnte gar nicht genug Wolfgangs haben, aber das Gegenteil ist der Fall. Treffen zwei Wolfgangs und vor allem deren Anhänger aufeinander, so ist der Konflikt vorprogrammiert. Die Diskussion verlässt die Sachthemen, der Ton wird rauer und persönlicher. Neulinge werden davon abgestoßen.
Inzwischen hat Tom Kedor ein Frühwarnsystem installiert. Immer wenn mehrere Wolfgangs in einem Forum aufeinandertreffen und wenn die Zahl unbeantworteter Themen steigt, läuten die Alarmglocken und Kedor schickt Forenmanager und Moderatoren aus, um die Kommunikation zu prüfen und eventuell einzugreifen. Oberstes Ziel ist es, die Foren für „Hein, den Hilfesuchenden“ und „Katja, die Kaufinteressentin“ relevant zu halten.
Redakteur
Frank Puscher arbeitet seit über 20 Jahren als Journalist in der Online-Branche. Er schreibt regelmäßig für Publikationen wie InternetWorld Business, Ct, InternetMagazin, WebSelling oder die Absatzwirtschaft. Seine Lieblingsthemen sind Usability, E-Commerce und Online-Marketing. Seit 12 Jahren arbeitet Puscher außerdem als Moderator auf Online-Veranstaltungen. Außerdem berät er Unternehmen und öffentliche Institutionen im Umgang mit Online-Marketing und Social Media. Puscher ist diplomierter Volkswirt, herzblütiger Schwabe und Spezialist für Gutschein-Themen. Er gibt mit seinem Verlag Spielfigur ein Golf-Gutscheinbuch für die Metropolregion Hamburg heraus. Frank Puscher im Web: www.puscher.de, www.spielfigur.de
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