
Flug, Mietauto, Hotel: Kleine Bausteine für "grüne" Geschäftsreisen
Die rundum nachhaltige Geschäftsreise gibt es noch nicht, ebenso wenig wie Standards zum Beispiel bei der Definition "grüner" Hotels. Aber viele kleine Ansatzpunkte, die sich auch in Geschäftsberichten gut machen.
"Einfach anfangen"
Dass weltweit einheitliche Standards fehlen, das Netz der Ladesäulen für E-Autos dünn geknüpft ist und E-Flugzeuge auf lange Sicht eine Vision bleiben - all das ficht sie nicht an. "Das ist wie mit dem E-Commerce vor 25 Jahren: Man muss einfach anfangen", sagt Markus Orth, Geschäftsführer der Lufthansa City Center.
Bloß: Wo "einfach anfangen?" Die systematische Herangehensweise beginnt - das empfehlen alle - mit der Analyse des Reiseaufkommens und der damit verbundenen Emissionen. Da fängt aber das Problem der Standards schon an: Für die CO₂-Ermittlung gibt es viele, zum Beispiel von den Luftfahrtverbänden IATA und ICAO, verschiedenen Umweltschutzbehörden, dem Kompensationsdienstleister Atmosfair sowie vom Verband Deutsches Reisemanagement. BCD Travel pflegt (über sein Beratungsunternehmen Advito) den eigenen, nach ISO zertifizierten Standard "Gate 4".
Reiseführer zur Nachhaltigkeit
Die Dienstleister nehmen daher für sich in Anspruch, sozusagen Reiseführer auf dem Nachhaltigkeitstrip zu sein, Auswertungen nach mehreren Standards zu bieten - und ihre Kunden dazu zu beraten, was geht. Denn: "Nachhaltigkeitsreports müssen revisionssicher sein", sagt Markus Orth von LCC. "Das wird inzwischen in jeder Ausschreibung gefordert."
Im Mittelpunkt der möglichen Maßnahmen stehen Flüge und dort vor allem SAF, "Sustainable Aviation Fuel", also nachhaltiger Flugzeugtreibstoff. Das aus nachwachsenden Rohstoffen oder kompostierbaren Abfällen gewonnene Kerosin läuft bereits bei mehreren Fluggesellschaften im Testbetrieb. Der Charme: SAF kompensiert kein CO₂, sondern vermeidet es.
Nachhaltiger Treibstoff soll Flüge grün machen
Die Dienstleister suchen auf verschiedenen Wegen Zugang: LCC über die Lufthansa, Amex GBT über eine Kooperation mit Shell, BCD Travel unter anderem über die Einkaufsgemeinschaft Sustainable Aviation Buyers Alliance. Das Grundprinzip (es gibt Abweichungen): Die Firmenkunden bezahlen für SAF, das zwar irgendwo auf der Welt eingesetzt, aber ihnen zugeschrieben wird, samt Scope-3-Zertifikaten für die Nachhaltigkeitsreports.
Der Stoff ist nicht billig - die LCC nennen zwei Zahlen als Beispiele: Ein Economy-Class-Flug von Frankfurt nach London und zurück wird 112 Euro teurer, wenn er vollständig dem SAF-Kontingent zugerechnet wird, ein Business-Class-Ticket nach New York und zurück 1.066 Euro. Während LCC SAF-Kontingente ab 2.000 Euro anbietet (was 1.330 Litern entspreche), sucht Amex GBT zurzeit eher große Abnehmer.
"Kleinere Mengenabnahmen werden aber bald möglich", sagt Nicole Sautter, Manager Global Sustainability bei American Express Global Business Travel (Amex GBT). Sie ist jedenfalls sicher, die mit Shell vereinbarte erste Charge von einer Million Gallonen SAF (3,8 Millionen Litern) an die weltweiten Kunden zu bringen. Und wachsende Nachfrage, so ihr Plan, mache SAF irgendwann günstiger.
Emissionsarm buchen
SAF allein reicht aber nicht. "Bis alle 40.000 Verkehrsflugzeuge weltweit mit dem neuen Kraftstoff fliegen, wäre es für das Klima vermutlich zu spät", mahnt die Touristik-Fachzeitschrift FVW. Nach Aussage der Lufthansa war Ende März weltweit gerade einmal so viel SAF verfügbar, dass die LH-Flotte davon einen Tag lang in der Luft bleiben könnte.
Zweicharmanteste Lösung ist daher die Buchung emissionsarmer Fortbewegung. Die gängigen Online-Buchungstools sind in der Lage, Flug- und Bahn-Verbindungen vergleichend darzustellen, jedenfalls dort, wo es Sinn hat, also vor allem innereuropäisch. Es liegt an Unternehmen, die Auswahl über Reiserichtlinien zu steuern.
Der nächste Schritt ist die Anzeige anfallender CO₂-Emissionen pro Flug, und zwar während der Buchung, sodass CO₂ zum Auswahlkriterium werden kann. Amex GBT hat das in seinem Online-Buchungstool Neo umgesetzt, BCD Travel zeigt Emissionsdaten im Buchungstool Concur Travel, auch LCC arbeitet an einer vergleichbaren Lösung. Derpart stellt bei den Geschäftsreisebuchungen die CO₂-Emission auf dem Reiseplan dar.Der Trend geht dabei fort von der pauschalen Berechnung "Strecke mal Flugzeugtyp gleich Emission pro Flug" und hin zur Betrachtung jedes einzelnen Flugs. Dafür müssen Daten wie Auslastung, Frachtzuladung und Flugzeugalter berücksichtigt werden, so Nicole Sautter von Amex GBT.
Lufthansa und "Green Fares"
Auch die Fluggesellschaften selbst sind in Sachen CO₂-Vermeidung unterwegs. Lufthansa etwa hat sich verpflichtet, bis 2030 "mindestens fünf Prozent ihres Treibstoffbedarfs durch nachhaltigen Flugkraftstoff (SAF) abzudecken". Die Lufthansa Group hat das auch in ein Produkt umgesetzt: Die "Sustainable Corporate Value Fares" für Vertragsfirmenkunden, seit Anfang Februar auf dem Markt, sind für sieben Konzern-Airlines (einschließlich Lufthansa und Eurowings Discover) und für innereuropäische Flüge buchbar.
Die Lufthansa verspricht den Ausgleich der flugbezogenen CO₂-Emissionen - zu 20% durch den Einsatz von SAF, zu 80% "über einen Beitrag zu hochwertigen, zertifizierten Klimaschutzprojekten". Firmenkunden erhalten Scope-3-CO₂-Minderungszertifikate.
Die "Sustainable Corporate Value Fares" gelten nur für Kunden mit Vertrag. Nach Auskunft der Lufthansa Group sind sie "in allen von unseren kontrahierten Firmenkunden genutzten Kanälen verfügbar", auch in Online-Buchungstools. Für die Allgemeinheit stehen sie unter dem Namen "Green Fares" auf den Webseiten der sieben Lufthansa-Group-Airlines bereit, außerdem auf so genannten Partner-Plattformen über den relativ neuen Buchungsstandard NDC - in einigen großen Buchungssystemen ist der noch im Pilotbetrieb. Einige Geschäftsreisebüros bieten "Green Fares" daher zusätzlich über telefonische Buchungen an.
Nachfrage nach E-Autos übersteigt das Angebot
Aber Flüge sind nicht alles. Wie steht es mit Mietwagen? "So viel Angebot ist gar nicht da, wie es in den Ausschreibungen Nachfrage nach E-Autos gibt", seufzt Markus Orth von LCC. Bei Sixt, dem Marktführer in Deutschland, waren Ende 2022 europaweit rund 14% der angebotenen Fahrzeuge elektrisch. Bis 2030 sollen es 70 bis 90% sein.
Laut Sixt "steigt gerade im B2B-Bereich die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen", so Luis Roever, Executive Director E-Mobility. Um das zu fördern, "bieten wir E-Autos in der Regel günstiger an als Verbrenner in einer vergleichbaren Kategorie". Auf Wunsch könne Sixt seinen Firmenkunden die Bereitstellung von E-Autos garantieren.
Das klingt einfach - hat aber Tücken. Thomas Osswald von Derpart berichtet von dem Fall, dass bei der Rückgabe eines E-Wagens am Flughafen keine Zeit für das Aufladen blieb und der Verleiher eine hohe Rechnung fürs Laden stellte. "Unternehmen müssen solche Fälle in ihren Reiserichtlinien berücksichtigen", rät Osswald.
Mehr eigene Ladestationen
Sixt kennt das Problem und nennt zwei Lösungen: "Derzeit bauen wir eine eigene Ladeinfrastruktur an unseren Stationen auf, sodass wir Fahrzeuge, die nicht mit ausreichendem Akkustand zurückgegeben werden, für unsere Kunden zu einem marktüblichen Preis aufladen können", sagt Luis Roever. "Bis Mitte des Jahres sollen die meisten unserer Stationen in Deutschland über eigene Ladepunkte verfügen." Über das neue Produkt "Sixt Charge" soll außerdem noch in diesem Jahr der Zugang zu 300.000 öffentlichen Ladepunkten in Europa geschaffen werden.
Im Bereich Hotellerie ist die Bereitstellung nachhaltiger Optionen noch etwas komplizierter. "Eine Hotelkette müsste eine Vereinheitlichung des Reportings über alle Hotelmarken vorantreiben und klare Protokolle darüber haben, wie und was innerhalb jeder Marke zu messen ist", sagt Alexander Albert von BCD Travel. "Dies wird noch komplexer, wenn man die Anzahl der Managementgesellschaften, der einzelnen Eigentümer, Betreiber und so weiter berücksichtigt, die einzelne Hotels besitzen und verwalten." BCD Treavel habe daher eigene Kriterien für den hauseigenen Standard "Gate 4", so Albert.
Es fehlt ein Standard für "grüne" Hotels
Amex GBT bietet die Möglichkeit, dass Unternehmen die Hotels, die sie als "grün" erachten, im Online-Buchungssystem Neo markieren, LCC hat sie in den Systemen gekennzeichnet, Derpart rät dazu, ein zweites, grünes Hotelprogramm in den Online-Buchungstools zu hinterlegen - allen Ideen fehlt aber bisher der Charme des offiziellen Standards, der in Reportings einfließen könnte. "Da stehen wir am Anfang", sagt Thomas Osswald. Amex GBT weist auf einen Standard des Global Sustainable Tourism Council hin, an dem das Unternehmen mitarbeite.
Wichtig ist - da sind sich alle einig - die Einbindung der Reisenden in das Projekt "Nachhaltigkeit". Im Zentrum stehen einerseits CO₂- oder Mobilitätsbudgets, die allen Reisenden zugeteilt werden und mit denen sie durch kluges Buchen sparsam umgehen sollen. Andererseits gibt es interne "CO₂-Bepreisungen", über die Budgets zum Beispiel für den Kauf von SAF geschaffen werden können. "Solche Dinge waren früher Sache der Personalabteilungen, das geht zunehmend auf Travel- und Mobilitätsmanager über", sagt Markus Orth von LCC. "Auf diese Weise wird Nachhaltigkeit zum Ich-Thema der Reisenden."
Dieser Artikel erschien zuerst in Der Handel.
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Redakteur
Stefan Becker arbeitet seit Sommer 2022 als Redakteur für „Der Handel“ und Etailment.de, nachdem er zuvor ein gutes Jahr als freier Mitarbeiter dabei war. Der Diplom-Journalist (TU Dortmund) kommt aus dem Lokaljournalismus („Recklinghäuser Zeitung“, Volontariat beim „Solinger Tageblatt“) und verbindet im Deutschen Fachverlag seine Erfahrungen aus dem Verbraucher- (sieben Jahre „Öko-Test“) und dem Fachzeitschriften-Journalismus (sechs Jahre „Touristik-Report“).
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