
Tag und Nacht an der Kasse
Mit speziellen Sprechstunden oder Schnupperangeboten werben die Industrie- und Handelskammern um die begehrten Azubis. Doch im Betriebsalltag sieht die Realität für die jungen Leute mitunter düster aus.
Björn BöerChefredakteurKein Personalraum, keine Toilette
Paula kann in dem Restaurant, in dem sie ausgebildet wird, ein Lied davon singen. Zwar gibt es laut Arbeitsplan klare Grenzen. "Leider arbeiten ich und meine Kollegin aber mindestens 10 bis 12 Stunden täglich ohne Pause." Auf Nachfrage bekomme sie nur zur Antwort, "dass das in der Gastro nun mal so sei". Weder Personalraum noch -Toilette gebe es. Und der Chef - offiziell der Ausbilder - sei eigentlich nie da.
DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller bekommt solche Sorgen oft zu hören. "Für die Auszubildenden ist es oftmals schwierig, sich gegen Überstunden und einen ausbleibenden Ausgleich zu wehren", sagt er, "denn sie wollen einen guten Eindruck machen und nach ihrer Abschlussprüfung übernommen werden".
Gerät eine Firma in Not, kann es die Azubis besonders hart treffen, wie das Beispiel von Laura zeigt. Sie will Mediengestalterin Bild/Ton werden und hat zwei von drei Ausbildungsjahren geschafft. Aber: "Seit einem Jahr besteht unsere Firma nur noch aus Azubis." Der Chef bilde Laura und zwei andere junge Leute offiziell aus, doch das einzige, was sie von ihm gehört hätten: "dass wir doch ganz viel schöne Technik im Lager rumstehen haben, mit der man sich beschäftigen kann". Aufträge und Drehtermine gibt es immer weniger. Lauras Trost: Es fallen weniger Überstunden an.
Unternehmen beklagen Bewerbermangel
Landauf, landab klagen vor allem Betriebe in Problembranchen, sie bekämen zu wenig geeignete Bewerber. Auch Gewerkschafter kennen die Sorgen und wischen sie zumindest hinter vorgehaltener Hand nicht unbedingt vom Tisch. Die offizielle Linie bei der DGB-Jugend ist aber: Viele Unternehmen bemühen sich zu wenig um die jungen Leute - und verlangen quasi schon fertige Arbeitskräfte.
Die Unterschiede sind enorm - auch bei der Bezahlung. Angehende Bankkaufleute bekommen laut DGB im dritten Jahr etwa 964 Euro. Haggenmiller: "Wenn junge Friseure aber 430 Euro im Monat Ausbildungsvergütung im Durchschnitt bekommen, manchmal ist es auch weit darunter, und dann noch ihre eigenen Materialen wie Scheren für 60 Euro mitbringen müssen, ist natürlich wenig Kohle da, ein eigenständiges Leben zu führen."
Basil Wegener, dpa

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
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