
Ein Tabu fällt: Jetzt brummt der Autohandel im Internet
Vor ein paar Jahren habe ich einen VW-Manager auf einem Kongress gefragt, wann der Autobauer nun endlich PKW im Internet verkauft. Er verdrehte ein wenig die Augen, als habe man ein Tabu-Thema erwähnt, und dann folgte eine lange umständliche Antwort, die sich so zusammenfassen lässt: "Ach nö". Beim Autokauf wolle der Kunde mehr noch als bei jedem anderen Produkt die reale Ware prüfen, sehen, anfassen. Vorbei. Inzwischen arbeiten immer mehr Automarken insgeheim an E-Commerce-Konzepten. Der Kun...
Da kommt noch mehr: Autokauf im Internet. Der Kunde ist dazu bereit
Vor ein paar Jahren habe ich einen VW-Manager auf einem Kongress gefragt, wann der Autobauer nun endlich PKW im Internet verkauft. Er verdrehte ein wenig die Augen, als habe man ein Tabu-Thema erwähnt, und dann folgte eine lange umständliche Antwort, die sich so zusammenfassen lässt: "Ach nö". Beim Autokauf wolle der Kunde mehr noch als bei jedem anderen Produkt die reale Ware prüfen, sehen, anfassen.
Vorbei.
Inzwischen arbeiten immer mehr Automarken insgeheim an E-Commerce-Konzepten. Der Kunde verlangt danach. Jeder neunte Autofahrer (11 Prozent) hat bereits einen Neuwagen im Netz gekauft. Das geht aus der aktuellen Studie "Digitales Marketing im Automobilhandel" des Managementberatung-Dienstleisters Accenture hervor.
Zählt man Gebrauchtwagen dazu, dann sind es sogar noch mehr: Jeder fünfte deutsche Autofahrer (22 Prozent) hat online bereits ein Auto gekauft. Zwar vermissen deutsche Autofahrer laut Studie beim Online-Kauf die Vorfreude im Verkaufsraum (70 Prozent) und die Probefahrt (61 Prozent), doch wenn Preis und Kaufprozess stimmen, dann packen die Deutschen die Karosse auch in den digitalen Warenkorb.
Für die Branche müsse diese Entwicklung vor allem ein Anlass sein, sich konsequenter als bisher damit zu beschäftigen, wie sie ihre Produkte in der digitalen Welt vermarktet, so Andreas Baier, Geschäftsführer des Bereichs Automobilwirtschaft bei Accenture.
Eine zentrale Schwachstelle vieler Online-Präsenzen sei die 'Führung' des Kunden: Informationen sind häufig nicht einfach und intuitiv zu finden. 89 Prozent der Befragten wünschen sich einfachere und klarere Angaben zu Preisen auf den Internetseiten. Die Online-Programme, mit denen Kunden ein Fahrzeug konfigurieren können, müssten intuitiver sein, sagen 88 Prozent. 78 Prozent finden, Informationen auf den Internetseiten sollten grundsätzlich einfacher zugänglich sein. 72 Prozent sagen, die Seiten der Hersteller seien nicht gut genug mit Seiten der Händler verzahnt.
Und wenn es nicht das Auto selbst ist, dass digital verkauft wird, dann sollten es zumindest die Ersatzteile sein. 36 Prozent der deutschen Autofahrer haben zum Beispiel den Kauf und das Aufziehen der neuen Reifen schon einmal online abgewickelt.
Davon profitieren derzeit auch eine Reihe von Start-ups wie Tirendo, das den bislang eher untermotorisierten Online-Reifenhandel mit einem Spot mit Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel anschiebt.
Die Autobauer selbst gehen jenseits mal mehr, mal weniger stiefmütterlich betriebenem Zubehör-Verkauf im Web bislang eher Mittelwege:
Audi hat mit der „Audi City“ im Sommer eine Art Cyberstore gestartet, in dem die Autos nicht mehr real, sondern im digitalen Raum präsentiert werden. Der erste Standort wurde in London in der Nähe des Piccadilly Circus eröffnet.
Hyundai bietet sein Einsteiger-Sondermodell i10 Click in Österreich ausschließlich online an.
Es hat aber auch einen Grund, dass die Autobauer sich bislang nur zögerlich dem Tabu-Thema E-Commerce nähern. Angst um die Händler. Die dürften nämlich ihre schleichende Abschaffung fürchten und wollen weiter geschützt werden.
Der Weg aber scheint vorgezeichnet. Schon heute kann sich jeder Fünfte vorstellen, ein Auto im Netz zu kaufen, ohne es vorher gesehen zu haben. Weitere 19 Prozent stehen dem zumindest nicht ablehnend gegenüber. Das sagt eine aktuelle Studie von TNS Infratest und Mobile.de.
Chefredakteur
Olaf Kolbrück, 48, war lange Jahre Reporter Internet und E-Business bei Horizont. Seine Karriere bei Horizont, Fachmagazin für Marketing und Medien, startete er 2000 als Redakteur für Marketing, Web 2.0 und E-Commerce. Daneben gründete er den renommierten Marketing-Blog Off-the-Record.de und zählt zu den profiliertesten Bloggern für digitale Werbung und Marketing. Im Juli 2013 erschien sein Fachbuch "Erfolgsfaktor Online-Marketing - So werben Sie erfolgreich im Netz / E-Mail, Social Media, Mobile & Co. richtig nutzen" (Deutscher Fachverlag, Frankfurt). Anschließend ist von ihm der Kurzgeschichten-Band "Gebete an die Cloud - 5 phantastische digitale Geschichten" erschienen. (Printversion) 2009 gewann er den Innovationspreis des Deutschen Fachverlags. 2011 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Zu seiner früheren redaktionellen Tätigkeit zählen Positionen bei der Handelsgruppe Rewe in Köln und bei der Neue-Rhein-Zeitung. Nebenbei schreibt er Krimis. Sie finden den Autor bei Twitter unter dem Namen @OlafKolbrueck oder auch auf Facebook sowie bei Google+. Kolbrück bloggt auch noch hier. Mehr über Olaf Kolbrück als Autor gibt es auf kolbrueck.de.
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