
Warum Otto sich nicht bei Görtz einkaufen sollte
Die Otto Group, so schreiben Medien, schaut sich also Görtz genauer an. Von einer möglichen Minderheitsbeteiligung ist gerüchteweise die Rede. Die Schuhkette sucht in der Tat nach Investoren. Doch lohnt sich ein Einstieg bei der Kette, die sich zwar mit großer Mühe gesundschrumpft, doch in vielerlei Hinsicht so unattraktiv wirkt wie der Warenhaus-Konzern Karstadt? Ein Investment bei Görtz wäre eine ungewisse Wette auf die Zukunft, denn die Gegenwart der Marke ist immer noch von Strukturen der...
Görtz, wie Otto eine Unternehmensgeschichte hanseatischer Prägung, steckt mitten in der Sanierung. Die aber ist schwerfällig.
Das drückt auch auf die Stimmung und die Motivation der Mitarbeiter. Kunden geht es bei Görtz inzwischen wie weiland bei Karstadt in seinen schlimmsten Krisenzeiten. Man findet keine Ansprechpartner, wird lustlos weiter gereicht („Fragen Sie mal den Kollegen da hinten in der Abteilung“) oder gerät an Personal, das Schnürsenkel binden kann, aber wenig von Schuhen versteht („Das Antik-Finish geht nach ein paar Polituren wieder weg“).
Kritik an den Mitarbeitern, die eigentlich DAS Asset bei Brick & Mortar sind, zieht sich beispielsweise bei Qype serienweise bei verschiedenen Filialen durch die Bewertungen - mit zum Teil gar abenteuerlichen Anekdoten. Markenwerte werden da binnen Minuten ramponiert.
Das Sortiment: Die üblichen Verdächtigen. Die werden beispielsweise in der großen Görtz-Filiale an der Frankfurter Zeil so präsentiert wie man Schuhe seit der Erfindung der Sandale nun einmal vorzeigt. Das Laden-Ambiente ist angestaubt. Von Inszenierung und Einkauferlebnis, mit dem der stationäre Handel nun einmal gegen die Onliner punkten muss, keine Spur. Der angekündigte Qualitätschwenk beim Sortiment muss da schon ein gewaltiger werden, um aus der langweiligen Mitte heraus zu kommen.
Auch in Sachen Preis kann Görtz je nach Stichprobe nicht mithalten. Showrooming zeigt: Zalando ist zuweilen günstiger.
Offline-Erfahrung schädigt die Marke
Einkaufserfahrungen, die Kunden in die Arme der Online-Konkurrenz treibt, aber eben nicht in den Online-Shop von Görtz. Denn die Offline-Erfahrung schädigt die Marke - und das nachhaltiger und schneller als ein Sanierungskurs darauf antworten kann. Der Online-Umsatz zeigte denn auch gegen den Trend eher nach unten. Das ist auch aus einem anderen Grund kein Wunder:
Jochen Krisch urteilte über den Online-Auftritt noch im Juni 2012:
„Wer wie Görtz online nicht mehr als einen 08/15-Katalogshop zu bieten hat, geht ein strategisch hohes Risiko ein, weil er dadurch vor allem offenbart, wie schmalbrüstig im Sortiment selbst ein führender Filialist aufgestellt ist - im Vergleich zu den Zalandos dieser Welt, die sich zunehmend als Marktplätze positionieren.“
Das ist mehr als ein Makel. Deuten doch alle Branchenzahlen darauf hin, dass die Umsätze sich weiter von den Läden zu den Versandhändlern und in die Online-Shops verschieben.
Warum dann also in Beton investieren, wenn sich da nicht gerade eine attraktive Marke eingenistet hat. Die aber ist Görtz immer weniger.
Und Online? Das kann Otto besser. Was Otto beispielsweise mit 1-2-Fashion als einen mutmaßlichen Testballon für sein ambitioniertes Projekt Collins aka Antevorte „auf die Schnelle“ auf die Beine gestellt hat, kann mit dem Online-Ambiente von Görtz leicht mithalten.
Auch die von manchen Branchenmedien gepriesene Multichannel-Strategie ist in weiten Teil derzeit kaum mehr als Stückwerk. Wohlmeinend darf man die Ansätze als Experimente sehen. Auf der Habenseite stehen Warenwirtschaftssysteme, die so miteinander verbunden sind, dass alle Online und Offlinebestände der Görtz-Gruppe über ein zentrales System gelenkt werden können.
So hat Görtz offenbar auch begonnen, Verkäuferinnen mit iPads auszustatten, mit denen sie prüfen können, ob Schuhe im Lager vorrrätig sind oder diese auch gleich im Webshop bestellen können. Ganz langsam. Doch was nützt das, wenn Mitarbeiter … siehe oben.
Nein, wenn Otto einen Grund für eine Beteiligung an Görtz finden sollte, dann muss er tief in den Büchern und Einkaufstrukturen versteckt sein, die vielleicht mit hanseatischem Blick klarer zu erkennen sind. Allein mit Blick auf die Marke macht ein Investment keinen Sinn. Zumal das Aufhübschen jede Menge Geld verschlingen wird
Außerdem müsste man sehr, sehr geduldig sein.
Karstadt wird seit nun rund zehn Jahren reanimiert. Mit welchem Erfolg?
Seitdem sind die Märkte, der Wandel eher noch schneller, Kunden noch wankelmütiger geworden.
Chefredakteur
Olaf Kolbrück, 48, war lange Jahre Reporter Internet und E-Business bei Horizont. Seine Karriere bei Horizont, Fachmagazin für Marketing und Medien, startete er 2000 als Redakteur für Marketing, Web 2.0 und E-Commerce. Daneben gründete er den renommierten Marketing-Blog Off-the-Record.de und zählt zu den profiliertesten Bloggern für digitale Werbung und Marketing. Im Juli 2013 erschien sein Fachbuch "Erfolgsfaktor Online-Marketing - So werben Sie erfolgreich im Netz / E-Mail, Social Media, Mobile & Co. richtig nutzen" (Deutscher Fachverlag, Frankfurt). Anschließend ist von ihm der Kurzgeschichten-Band "Gebete an die Cloud - 5 phantastische digitale Geschichten" erschienen. (Printversion) 2009 gewann er den Innovationspreis des Deutschen Fachverlags. 2011 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Zu seiner früheren redaktionellen Tätigkeit zählen Positionen bei der Handelsgruppe Rewe in Köln und bei der Neue-Rhein-Zeitung. Nebenbei schreibt er Krimis. Sie finden den Autor bei Twitter unter dem Namen @OlafKolbrueck oder auch auf Facebook sowie bei Google+. Kolbrück bloggt auch noch hier. Mehr über Olaf Kolbrück als Autor gibt es auf kolbrueck.de.
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