
Wöhrl steht bei Karstadt Gewehr bei Fuß
Der Modefilialist Wöhrl kann sich eine Übernahme einzelner Karstadt-Häuser vorstellen. Vordringliche Aufgabe vor der Expansion sei aber die Restrukturierung nach dem Führungswechsel.
Führungswechsel im Familienunternehmen
Der 44-jährige bringt exzellente Erfahrungen aus dem Top-Management von Familienunternehmen der Modebranche mit: Nach Stationen bei C&A und Otto war Kossendey mehr als acht Jahre bei Peek & Cloppenburg Düsseldorf tätig; zuletzt als Generalbevollmächtigter verantwortlich für die Expansion in Südost-Europa.
Gerhard Wöhrl übergibt das Unternehmen mit dem "besten Ergebnis seit zehn Jahren", wie Finanzvorstand Alfred Gutekunst bilanzierte. Zwar waren die Umsätze im vergangenen Geschäftsjahr (Stichtag: 31. März) um 3,9 Prozent auf 362 Millionen Euro gesunken, im Gegenzug konnte das Ergebnis vor Steuern jedoch auf mehr als 7 Millionen Euro (Vorjahr 1,1 Millionen Euro) verbessert werden.
"Wir denken ergebnis- und nicht umsatzorientiert", betonte Gutekunst. Durch Einsparungen im Marketing aber auch durch zahlreiche kleinere Sparmaßnahmen - beispielsweise aus dem Mitarbeiter-Ideenprogramm "Kleinvieh macht auch Mist" - habe das Unternehmen Millionenbeträge einsparen können.
Restrukturierung vor Expansion
Den von Gerhard Wöhrl eingeleiteten Weg der Restrukturierung und Konsolidierung will der neue Vorstandsvorsitzende "in enger Abstimmung mit dem Aufsichtsrat" fortsetzen. Kossendey gehört dem Vorstand seit Januar 2010 an und hat einen 5-Jahres-Vertrag unterschrieben. Von P&C brachte er Thorsten Schmitz mit, der ebenfalls im Osteuropa-Geschäft Erfahrungen besitzt.
"Ich habe mir alle 41 Häuser sehr genau angeschaut", sagte Kossendey. "Es gibt kein Tabu", bekräftigte der Manager im Hinblick auf mögliche Schließungen. Alle Standorte würden auf ihre aktuellen und zukünftigen Marktchancen geprüft.
"Wir müssen unsere Flächenproduktivität erhöhen", gab Gerhard Wöhrl dem neuen Unternehmenschef als Hausaufgabe mit auf den Weg und verwies auf die vertikalen Konzepte von H&M und Zara, die sich aufgrund ihrer hohen Produktivität die teuren 1a-Lagen leisten könnten.
"Unser Konzept ist lokaler ausgerichtet und benötigt rund 4.000 Quadratmeter für einen Standort - Flächen, die früher rar waren, die aber derzeit im Markt verfügbar sind", erklärte Wöhrl. Die zahlreichen Insolvenzen im Textilhandel haben Lücken hinterlassen, die die Nürnberger füllen wollen. Allerdings gelte das Motto "Better before bigger", betonte Wöhrl, der dem Unternehmen 40 Jahre angehörte.
Keine "Dreier-Geschäftsführung" beabsichtigt
Die Familie wird nun durch Gerhard Wöhrls Sohn Olivier weiter in der Wöhrl AG vertreten sein, der seit einigen Jahren Aufsichtsratsvorsitzender ist. Auch der Neffe des 65-jährigen Gerhard Wöhrl, Christian Greiner, der im kommenden Jahr in den Vorstand der Ludwig Beck AG eintritt, gehört dem Aufsichtsrat an.
Das Unternehmen ist vollständig im Besitz der Familie: Gerhard Wöhrl hält 69,75 Prozent der Anteile an der Wöhrl AG, sein Bruder Hans Rudolf Wöhrl besitzt 29,75 Prozent. Die restlichen 0,5 Prozent gehörten dem im Januar 2010 verstorbenen Unternehmensgründer Rudolf Wöhrl, dessen Testament noch nicht eröffnet ist. Derzeit übertragen die Brüder Gerhard und Hans Rudolf Wöhrl zudem sukzessiv Anteile an ihre Kinder.
Gerhard Wöhrl machte auf der Pressekonferenz zum Stabwechsel deutlich, dass er der neuen Führung auch ohne offizielles Amt weiterhin beratend zur Seite stehen wird. "Es wird aber keine Dreier-Geschäftsführung geben", stellte Kossendey klar. Im laufenden Geschäftsjahr will das Unternehmen die Umsätze auf Vorjahrsniveau halten, das Ergebnis allerdings erneut verbessern.