
Das steckt hinter dem Preisverfall
Ob Milch oder Energydrink, Käse oder Kartoffel-Chips: Die Deutschen können zur Zeit viele Produkte zum Schnäppchenpreis kaufen. Der Grund ist aber nicht die Geiz-ist-geil-Mentalität.
Thomas RehmRedakteurSinkende Rohstoffpreise
Die Großhandelspreise für Milch und Milchprodukte sind massiv unter Druck geraten. Denn in Europa gibt es zurzeit ein Überangebot an Milch. Einer der Gründe dafür ist das von Russland verhängte Einfuhrverbot für europäische Agrarprodukte.
Gleichzeitig sank wegen der Wirtschaftsturbulenzen auch die Nachfrage aus China. Das Land ist einer der wichtigsten Abnehmer vor allem von Milchpulver aus Europa. Die Milchproduktion stieg dagegen mit dem Auslaufen der Milchquoten-Regelung an. Die Folge: Zu viel Angebot, zu wenig Nachfrage. Die Preise brachen ein. Eine kurzfristige Erholung ist nach Einschätzung der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) nicht in Sicht.
Discounter-Krieg
Dass sich der Preisverfall nicht nur auf Milchprodukte beschränkt, dafür sorgte gleichzeitig der in den vergangenen Monaten aufgeflammte Preiskrieg unter den deutschen Discountern. Marktführer Aldi hat damit begonnen, immer mehr Markenartikel in sein Angebot aufzunehmen und bietet die Produkte deutlich unter dem bisher üblichen Preisniveau an. Konkurrent Lidl hält dagegen. Die Folge: Die Preise bei den betroffenen Produkten sind massiv ins Rutschen geraten - egal, ob es sich um den Energydrink Red Bull, Leibniz-Kekse oder Funny Frisch Kartoffel-Chips handelt. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) sieht bereits "Einsturzgefahr" für das fein austarierte Preisgefüge des deutschen Lebensmittelhandels.
Geiz ist geil
Dabei sind die Verbraucher in Deutschland eigentlich zurzeit eher dabei, Abschied von der vielgescholtenen Geiz-ist-geil-Mentalität zu nehmen. Laut GfK haben die Discounter in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten Marktanteile verloren. Die Verbraucher gaben den klassischen Supermärkten mit ihrem größeren, aber auch höherpreisigen Angebot den Vorzug. Außerdem beobachten die Marktforscher, dass die Verbraucher vermehrt statt zu billigen Handelsmarken zu Markenartikeln greifen. "Es gibt eher den Trend, auf die Qualität zu achten. Der Preis ist nicht mehr so im Fokus", urteilt GfK-Experte Wolfgang Adlwarth.
Qualität
Qualitätseinbußen durch die gesunkenen Preise brauchen die Verbraucher nach Einschätzung der Experten nicht zu fürchten. Da sind sich der AMI-Milchexperte Andreas Gorn und der GfK-Mann Adlwarth einig.
Leidtragende
Bei Bauern und Umweltschützern stößt das niedrige Preisniveau bei Milch und Milchprodukten allerdings auf scharfe Kritik. Der Deutsche Tierschutzbund warnt, die von einer breiten Mehrheit der Gesellschaft geforderten höheren Tierschutzstandards seien mit Dumpingpreisen nicht möglich. Viele Milchbauern fühlen sich in ihrer Existenz bedroht.

Redakteur
Thomas Rehm ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Der erfahrene Fachjournalist schrieb zuvor viele Jahre für Titel der dfv Mediengruppe, darunter das Konsumgüter- und Verpackungsportal packaging-360.com, und begleitet heute die Themen Handel, Konsumgüter und Digitalisierung.
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