"Das Weihnachtsgeschäft wird gut"

"Das Weihnachtsgeschäft wird gut"

Der Volkswirtschaftler Horst Gischer über die Gründe, warum dem Einzelhandel wegen der Finanzkrise nicht bange sein muss. Zumindest noch nicht.

Steffen GerthSteffen GerthRedakteur Der Handel und etailment
3 Min.· Aktualisiert am
Teilen
Also muss der Einzelhandel die Finanzkrise nicht fürchten?
Zumindest im Augenblick nicht.

Das heißt, der Handel hat ein gutes Weihnachtsgeschäft?
Ich vermute stark, dass es so kommen wird. Denn es gibt Nachholeffekte. Schließlich litten die vergangenen zwei, drei Weihnachtsfeste unter ungünstigeren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Doch jede Menge Arbeitsplätze sind wieder sicherer geworden, zudem haben viele Menschen Jobs gefunden. Daher wollen sich die Leute in diesem Jahr wieder belohnen und sich schön beschenken.

Aber wer sein Erspartes an der Börse verliert, der wird keinen Sinn haben für Konsum. Der spart sein Geld.
Daher spreche ich ja von Verzögerungseffekten angesichts der Finanzmarktkrise. Viele Verbraucher rechnen ja damit, dass dieser Zustand nur vorübergehend Bestand haben wird, und dass sich in drei, vier Wochen die Wogen wieder geglättet haben. Aber je anhaltender die Krise ist, desto größer ist der Anreiz zum Sparen. Und dann schwindet die Kauflaune.

Der Einzelhandelsverband verblüfft zudem mit famosen Arbeitsmarktzahlen. Angeblich seien durch die neuen Ladenöffnungszeiten 60.000 neue Jobs entstanden. Glauben Sie das?
Also, diese Zahl überrascht mich schon sehr. Zumal für breite Käuferschichten diese veränderten Öffnungszeiten kaum ersichtlich sind. Man muss vielmehr prüfen, ob sich die Netto-Öffnungszeiten nennenswert verändert haben. 60.000 ist eine schwer vorstellbare Zahl. Es ist zu prüfen, ob das wirklich alles „richtige” Stellen sind, oder mehrheitlich nur Saisonkräfte oder Aushilfen in Spitzenzeiten.

Und was erwarten Sie für 2009? Selbst die Bundesregierung spricht nun davon, dass sich Deutschland einer Rezession nähert.
Wirtschaftliche Abschwünge sind nichts Neues. Und im Moment erleben wir eine Stagnation, aber keine Rezession. Einen nennenswerten Einbruch der deutschen Wirtschaft halte ich für unwahrscheinlich.

Warum?
Weil der Gesamtrahmen anders ist als vor fünf, zehn Jahren. Fast alle leidvollen Reformen, wie bei den Sozialversicherungen oder auf dem Arbeitsmarkt, sind bereits umgesetzt worden. Außerdem produzieren die Unternehmen bei relativ hoher Kapazitätsauslastung. Das heißt, dass sinkende Auftragsniveaus nicht mehr so stark einen Beschäftigungs-Rückgang durchschlagen. Auch die Wirtschaftsinstitute sprechen nicht ohne Grund von maximal rund zusätzlichen 250.000 Arbeitslosen für das kommende Jahr. Das bedeutet, dass die Masseneinkommen stabil bleiben, und der private Konsum nicht einbrechen wird.

Interview: Steffen Gerth

Zur Person: Der gebürtige Westfale Horst Gischer hat Bankkaufmann gelernt und ist seit 1997 Professor für Volkswirtschaftslehre an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg.
Teilen
Steffen Gerth
Geschrieben vonSteffen Gerth

Redakteur Der Handel und etailment

Steffen Gerth ist Redakteur bei Der Handel und etailment. Für das Digital-Commerce-Magazin der dfv Mediengruppe schrieb er unter anderem die wöchentliche Kolumne "Die Woche im Handel" mit Analysen zum Strukturwandel im deutschen Einzelhandel.

Alle Beiträge
Morning Briefing

Alles, was heute zählt — jeden Morgen in Ihrem Postfach.

Das Morning Briefing kuratiert die wichtigsten News aus E-Commerce und Handel. Kompakt, einordnend, werktäglich ab 7 Uhr.

  • 10.800+ Abonnenten
  • Werktäglich ab 7 Uhr
  • Jederzeit abbestellbar

Mit der Anmeldung stimmen Sie unserer Datenschutzerklärung zu. Abmeldung jederzeit möglich.