
Ernährungsindustrie kämpft gegen den Internetpranger
In wenigen Monaten soll eines der umstrittensten Websites Deutschlands ans Netz gehen: Das Informationsportal des Verbraucherschutzministeriums. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie kritisiert massiv den "Internetpranger".
Steffen GerthRedakteur Der Handel und etailmentEine eigene Internetredaktion
Heute protestiert die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) in einem ausführlichen Schreiben gegen das Portal. "Die Wirtschaft wendet sich vor allem gegen den produktbezogenen Teil des Portals, in dem legal hergestellte, von der Lebensmittelüberwachung und der Justiz völlig unbeanstandete Produkte mit subjektiv begründeten Wahrnehmungen an den Pranger gestellt werden", heißt es in einer Erklärung.
Der BVE hat Vorschläge entwickelt, um das Portal so zu gestalten, damit keine Hersteller zu Unrecht belastet werden:
- Im produktbezogenen Teil des Internetportals sollen Produkte aufgeführt und abgebildet werden, die in Übereinstimmung mit den geltenden lebensmittelrechtlichen Kennzeichnungs- und Aufmachungsvorschriften stehen, also
- rechtmäßig vermarktet, aber von einzelnen Verbrauchern rein subjektiv im Bezug auf bestimmte Deklarations- oder Aufmachungsaspekte für irreführend gehalten werden.
- Im Weiteren sollen die Meinungen über "scheinbar täuschende Angaben" eines konkreten Produkts und dessen Photo, gemeinsam mit einer Stellungnahme des betroffenen Herstellers, von einer "Internetredaktion" "nach Prüfung des konkreten Täuschungsvorwurfs" veröffentlicht und einer ebenfalls veröffentlichten "Bewertung" durch die Verbraucherzentrale unterzogen werden.
Die bisherige Gestaltung des produktbezogenen Teils lasse zu, dass ganze Produktsegmente oder Fragestellungen (wie Fruchtabbildungen auf Produkten) exemplarisch anhand einzelner Marken problematisiert würden mit Folgen für
die Wettbewerbsstellung der "vorgeführten" Marken. "Eine solche Stellvertreterhaftung ist rechtsfremd", klagt der BVE.
Bestehende Regeln werden unterlaufen
Mit der vorgesehenen Ausgestaltung drohe die Etablierung von demokratisch nicht legitimierten und rechtlich nicht abgesicherten "Sekundärstandards". Diese würden in Konkurrenz treten zu den gesetzlichen und von Lebensmittelüberwachung und Justiz zu kontrollierenden Vorgaben an die Aufmachung von Lebensmitteln.
"Bestehende rechtliche Regelungen werden damit unterlaufen", schreibt der BVE. Es drohe eine Verunsicherung der Verbraucher und eine Rechtsunsicherheit für die Unternehmen. Zudem führe die Politik selbst geschaffene Regelungen ad absurdum.
Grundsätzlich unterstütze die Wirtschaft jedoch die Zielrichtung des Internetportals, eine sachliche Information und einen fairen Meinungsaustausch zwischen Verbrauchern und Wirtschaft zu fördern, heißt es weiter.

Redakteur Der Handel und etailment
Steffen Gerth ist Redakteur bei Der Handel und etailment. Für das Digital-Commerce-Magazin der dfv Mediengruppe schrieb er unter anderem die wöchentliche Kolumne "Die Woche im Handel" mit Analysen zum Strukturwandel im deutschen Einzelhandel.
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