
Harte Zeiten für die Modebranche
Kaufunlustige Kunden, verwegene Wachstumspläne - und dann noch das Wetter: Die Modebranche kämpft mit vielen Schwierigkeiten. Dabei geht es dem Handel sogar noch vergleichsweise gut.
Björn BöerChefredakteurGewinnwarnungen und Kostensenkungen
Einige namhafte Hersteller traf es besonders hart: Gerry Weber, Hugo Boss oder die Steilmann-Gruppe erschreckten 2015 die Börse mit Gewinnwarnungen. Die Tom-Tailor-Gruppe kündigte ein Kostensenkungs- und Effizienzprogramm an, das unter anderem die Schließung nicht so profitabler Filialen und eine deutliche Verringerung des Expansionstempos vorsah.
Die Folgen waren erheblich. Der einstige Börsenliebling Gerry Weber verlor 2015 rund 63 Prozent an Wert. Die Tom-Tailor-Aktie verzeichnete zwischen Januar und Dezember Einbußen von mehr als 55 Prozent. Der Kurs der Hugo-Boss-Aktie brach zwischen August und dem Jahresende um mehr als 30 Prozent ein.
Der Verbraucher kauft immer weniger Mode
Auch der mit großen Hoffnungen gestartete Börsengang von Steilmann geriet zum Trauerspiel: Der Modekonzern musste die Zahl der an die Börse gebrachten Papiere von ursprünglich geplanten 19,5 Millionen auf 2,5 Millionen reduzieren und auch beim Preis am untersten Ende der festgelegten Preisspanne bleiben. "Mode nicht in Mode", titelte das Branchenfachblatt "Textilwirtschaft" (dfv Mediengruppe) angesichts des Börsendebakels der Fashionbranche.
Die Gründe für diese Entwicklung seien vielfältig, betont Rasch. So mache den Unternehmen zu schaffen, dass Mode gegenüber anderen Konsumgütern an Bedeutung verloren habe. "Viele Verbraucher sind heißer auf ein Handy oder auf eine Reise, als auf neue Kleidung", meint der Branchenkenner.
Die Vertikalen treiben den Markt
Aber auch der radikale Wandel des Modehandels stellt die Modehersteller vor Herausforderungen. Filialisten wie H&M, Zara oder Primark, die alle Schritte vom Modedesign bis zum Verkauf in einer Hand vereinigen (vertikale Hersteller), haben in den vergangenen Jahren immer mehr der klassischen Textilkaufhäuser und Boutiquen aus den Innenstädten verdrängt. Damit haben sie den Markenherstellern wichtige Vertriebskanäle genommen.
Um ihre Produkte dennoch unter die Leute bringen zu können, setzten etliche Modemarken darauf, eigene Läden zu eröffnen. Zumal die Bündelung von Herstellung und Verkauf in einer Hand zusätzliche Gewinnpotenziale versprach. Doch ging die Rechnung nicht immer auf.
Winter? Welcher Winter?
Einige Hersteller seien offenbar Opfer der eigenen Wachstumspläne geworden, meint Rasch. Schließlich sei es nicht leicht, sich auf dem deutschen Markt mit seinem Überangebot an Ware und Verkaufsflächen zu behaupten.
Die ohnehin schwierige Situation sei dann durch den ungewöhnlichen Witterungsverlauf Ende 2015 noch einmal zugespitzt worden: "Der milde Winter war der Tsunami in der Modebranche", meint Rasch.
Also nur Verlierer in der Modeindustrie? Natürlich nicht. "Licht und Schatten liegen ziemlich nahe beieinander", sagt der Branchenkenner. So glänzte etwa der Sportartikelhersteller Adidas, der von der "Textilwirtschaft" ebenfalls zu den Fashion-Aktien gerechnet wird, mit einem Umsatzrekord in China und deutlichen Absatzsteigerungen im Internet. Die Folge: Die Aktie des Sportartikelherstellers gewann 2015 58 Prozent an Wert. Rivale Puma legte 17 Prozent zu.
2016 wird nicht leichter
Auch das Jahr 2016 dürfte für viele Modehersteller nicht leichter werden. Schließlich ist die Konkurrenz hart. H&M und Zara wollen weiter wachsen, Primark setzt neue Maßstäbe in der Verbindung von modischer Aktualität und Discount.
Und die Internethändler Amazon und Zalando punkten mit gigantischer Auswahl und Preistransparenz. Um sich gegen diese Konkurrenz behaupten zu können, müssen sich Gerry Weber und Co. wohl noch einiges einfallen lassen.

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
Alle Beiträge