
IAA: Visionen statt Vorzeigbares
Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet heute eine IAA 2009 der nüchternen Sachlichkeit. Derhandel.de hat sich auf der Automesse in Frankfurt umgeschaut.
Thomas RehmRedakteurViele Visionen, wenig Greifbares
Genau das ist die Crux der diesjährigen Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA), die von morgen an bis einschließlich 27. September 2009 in Frankfurt am Main ihre Pforten öffnet. Visionen haben die Hersteller reichlich, Vorzeigbares für den aktuellen Bedarf der Kundschaft aber herzlich wenig.
Der neue Opel Astra ist so ein bodenständiger Vertreter, oder die Kombi-Versionen von Mercedes-Benz E-Klasse, VW Golf und Skoda Superb. Doch dann wird das Angebot schon dünn. Ein neues Auto, auf das die Massen warten, zukunftsweisend, handlich, sparsam, sicher, bezahlbar, ist kaum auszumachen.
Die Auto-Szene ist elektrisiert
Am nächsten kommt diesem Ideal noch der VW Polo Bluemotion, der mit einem Verbrauch von 3,3 Litern Diesel und einem CO-2-Ausstoß von 87 g/km glänzt. Der startet immerhin Anfang 2010.
Ansonsten drehen sich munter Elektro-Studien im Rampenlicht, die anschließend wieder in der Asservartenkammer der Aussteller verschwinden und bestenfalls als Museumsnummer noch einmal die Scheinwerfer erblicken werden.
War vor zwei Jahren beim Branchengipfel "Hybrid" das Zauberwort, scheint die Szene diesmal buchstäblich elektrisiert. Dabei entlarvt sogar VW-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg selbst den Hype: "Wir rechnen bis 2020 mit einem Marktanteil der Elektrofahrzeuge von ein bis 1,5 Prozent." Ein Prozent - und das in mehr als zehn Jahren! Wofür dann dieser mediale Aufwand?
Zentrale Fragen des E-Autos noch ungeklärt
Von der massenhaften Verbreitung der strombetriebenen Mobile, wie die Hersteller gerne glauben machen wollen, ist die Menschheit jedenfalls noch meilenweit entfernt. Zumal die zentralen Fragen wie Reichweite, Infrastruktur, Preis der Batterien und vor allem die umweltschonende Stromgewinnung noch längst nicht geklärt sind.
Die Verunsicherung nach dem Einbruch auf den Weltmärkten ist an den Messeständen jedenfalls zu spüren. Die Partystimmung vergangener Jahre ist verflogen. Selters statt Sekt und Currywurst statt Kaviar - wenn es in den geschrumpften Lounges überhaupt noch etwas für das leibliche Wohl der Geschäftspartner gibt. Dazu sind die Stände allenthalben bescheidener ausgefallen.
So belegt Daimler zwar weiterhin die gesamte Frankfurter Festhalle, hat diesmal aber auf einige Etagen nach oben verzichtet, nur eine Rolltreppe eingebaut und dafür die Decke abgehängt. Nüchterne Sachlichkeit ist eingekehrt - und langbeinige Hostessen sind lediglich bei den Vertretern des Fiat-Konzerns in Halle 6 zu bestaunen. Nach guten Geschäften mit Hilfe der Abwrackprämie lassen sich wenigstens die Italiener ihr "dolce vita" nicht vermiesen.
Zweckoptimismus nach der Abwrackprämie
Mit dem Auslaufen der staatlichen Förderung ist natürlich auch Matthias Wissmann, als Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) Gastgeber des Gipfels, klar, dass die Verkaufszahlen 2010 in Deutschland nicht an die rund 3,5 Millionen Zulassungen in diesem Jahr heranreichen werden.
Doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt: "Die Abwrackprämie hat die Klein- und Kompaktwagenklasse erheblich gefördert und hatte praktisch keine Auswirkungen auf das Premiumsegment. Das wussten wir. Ich rechne für das kommende Jahr aber mit einer stärkeren Nachfrage nach Premium- und Geschäftsfahrzeugen - und das ist nun mal die Domäne der deutschen Hersteller", so der oberste Auto-Lobbyist.
Allerdings: Mit Ausnahme der genannten Kombis finden Fuhrparkmanager auf dieser IAA kaum neue Modelle für die Flotte.
Bernd Nusser

Redakteur
Thomas Rehm ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Der erfahrene Fachjournalist schrieb zuvor viele Jahre für Titel der dfv Mediengruppe, darunter das Konsumgüter- und Verpackungsportal packaging-360.com, und begleitet heute die Themen Handel, Konsumgüter und Digitalisierung.
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