3D-Illustration einer abstrakten KI-Agentenfigur, die autonom ein Produkt für den Kunden auswählt
© Black Forest Labs / Flux

Das Zeitalter des Agentic Commerce beginnt

Noch sind es vereinzelte Einsätze, doch KI-Einkaufsagenten werden kommen. Michael Witzenleiter aus dem Etailment.de-Expertenrat zeigt, wie die „Lizenz zum Kaufen“ funktioniert. Und welche Konsequenzen auf Händlerinnen und Händler zukommen: Sie müssen botfähig werden.

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Stell dir vor, du sagst einfach: „Finde mir eine elegante Armbanduhr unter 150 Euro“, und eine KI macht sich selbstständig ans Werk. Sie durchforstet Dutzende Shops, vergleicht Preise, prüft Bewertungen, achtet auf Lieferzeiten – und kauft. Ganz ohne dein Zutun. Willkommen in der Ära des sogenannten „Agentic Commerce“, in der KI-gesteuerte Shopping-Agenten nicht mehr nur träumerische Zukunftsvision sind, sondern bereits an der digitalen Ladentheke stehen und bereit sind, für dich einzukaufen.

Amazon arbeitet an genau solchen Funktionen. Unter dem Titel „Buy for Me“ testet der Konzern derzeit KI-Agenten in den USA, die Kaufabbrüche verhindern sollen, indem sie lästige Kaufprozesse automatisieren. Allerdings läuft das derzeit nur in der App. Nutzer sehen dort Produktdetailseiten, die Amazon für sie generiert, ehe ein Bot dann den Kauf im fremden Shop durchführt.

Digitaler Zwilling mit Geschmack
Doch Amazon ist nicht allein. Google erweitert seine Shopping-Funktionen kontinuierlich – mit virtuellen Anproben, Preisalarmen und personalisierten Empfehlungen. Visa, Microsoft und Co. entwickeln im Hintergrund ganze Agenten-Ökosysteme, in denen nicht du entscheidest, sondern dein digitaler Zwilling – ausgestattet mit deinem Geschmack, deinen Preisgrenzen und deinem Kalender.

Walmart hat sogar bereits einen eigenen Agenten namens „Sparky“ in der App, der dich beim Einkaufen begleitet. Das Ziel von Walmart dabei: 50 Prozent des Umsatzes wird online erwirtschaftet – innerhalb von fünf Jahren. Wenn’s nach den Retail-Riesen geht, ist dein nächster persönlicher Einkaufsberater keine menschliche Influencerin, sondern eben ein Software-Agent, der ganz genau weiß, welche Zahnpasta du nutzt, wie oft du neue Sneaker kaufst und welche Angebote dich wirklich triggern.

KI übernimmt die lästigen Dinge
Und was haben die Kunden davon? Vor allem: Zeitersparnis. Keine stundenlange Suche mehr, kein Scrollen durch Preisvergleichsportale – die KI übernimmt alles. Darüber hinaus bieten solche Dienste ein Maß an Personalisierung, das sogar Netflix neidisch machen würde.

Der Agent weiß, ob du lieber vegane, lokale oder nachhaltige Produkte kaufst. Er kennt deine Lieblingsfarben, deine Retourenquote und sogar deine Geduldsspanne bei Lieferzeiten. Und dadurch bekommst du als Kunde natürlich auch mehr Transparenz und Kontrolle – zumindest in der Theorie. Denn ein guter Agent sollte lernfähig sein, deine Daten nicht verramschen und dir genau sagen können, warum er sich für ein Produkt entschieden hat.

Neue Welt für den Handel
Für den Handel ist das allerdings eine ganz neue Welt – mit neuen Spielregeln. Wer keinen Zugang zu den Agenten hat, wird von ihnen nicht berücksichtigt. Wer keine strukturierten Daten oder fairen Preise anbietet, fliegt raus – noch bevor ein Mensch überhaupt das Produkt zu Gesicht bekommt. Und auch Upsells werden bei den Agenten vermutlich immer schwerer.Klassische Kundenbindungsprogramme, teure Anzeigen und emotionale Markenkampagnen? Zunehmend irrelevant, wenn dein persönlicher Einkaufsagent nüchtern auf Basis von Algorithmen entscheidet, was in deinen Warenkorb wandert.

Das bedeutet: Händler wie auch Marken müssen entweder ihre eigenen Agenten aufbauen oder sich für Drittanbieter-Ökosysteme fit machen – technisch, rechtlich und strategisch. Und vor allem so schnell wie möglich direkten Kundenkontakt durch eigene E-Mail- oder Whatsapp-Verteiler aufbauen, um zukünftig den direkten Draht zu den Kunden nicht zu verlieren.

Allerdings: So ganz traut die Mehrheit der Konsumenten dem Braten noch nicht. Studien zeigen, dass zwar rund 40 Prozent der US-Erwachsenen schon einmal von KI-Shopping-Agenten gehört haben – aber nur ein Bruchteil nutzt sie tatsächlich.

Zurückhaltendes Deutschland
Im deutschsprachigen Bereich ist das Thema sogar noch nicht wirklich präsent. Besonders ältere Zielgruppen sind zurückhaltend. Zu viel Skepsis, zu wenig Kontrolle, zu viele offene Fragen rund um Datenschutz, Entscheidungstransparenz und Fehlkäufe. Denn was, wenn der Agent das falsche Produkt kauft? Oder das richtige – aber bei einem Händler, den du meidest? Noch sind es Fragen. In Zukunft aber eventuell reale rechtliche Probleme.

Dabei steht längst der nächste Umbruch an: Eine E-Commerce-Welt, in der Agenten nicht nur für dich, sondern auch mit anderen Agenten kommunizieren – Agent-to-Agent-Commerce. Dein Shopping-Agent verhandelt mit dem Händler-Agent über den besten Preis, klärt Rückgabemodalitäten, prüft Lagerverfügbarkeit – und das alles in Millisekunden, bevor du morgens deinen ersten Kaffee trinkst. Du sagst ihm nur noch „letzte Preis“, und der Rest läuft per KI.

Das dürfte dann auch nicht nur im B2C-Bereich spannend sein. Aber gerade dort kann man sich das natürlich auch wunderbar für komplexe Kaufprozesse wie Reisebuchungen etc. vorstellen.

Das Ende klassischer Werbung?
Werbung in klassischer Form wird dabei nahezu bedeutungslos. Es zählt nicht mehr, wie laut du schreist, sondern wie relevant du bist – für die KI. Händler und Marken müssen sich darauf einstellen, „Agenten-kompatibel“ zu werden: mit sauberen Produktdaten, nachvollziehbaren Bewertungen, fairen Lieferbedingungen und API-Zugängen statt Influencer-Deals. Mal ganz zu schweigen davon, Shops technisch so zu optimieren, dass Bots die Chance haben, aktiv zu werden.

Und so werden aus Konsumenten Zuschauer. Sie geben nur noch das Ziel vor – „eine leichte Sommerjacke, maximal 100 Euro, bitte nachhaltig und schnell lieferbar“ – und lehnen sich zurück. Der digitale Butler erledigt den Rest. Du musst nicht mal mehr klicken. Nur noch zustimmen – oder reklamieren.

Das klingt fast wie ein James-Bond-Film im E-Commerce. „Lizenz zum Shoppen“ quasi. Der Held trägt keine Smokingjacke, sondern ein neuronales Netzwerk und ist auf Shoppingtour im Internet. Sein Auftrag? Deinen Warenkorb zu retten. Und wie Bond kennt er keine Pause – rund um die Uhr im Einsatz für das perfekte Angebot. Nur, dass er eben nicht Martini trinkt. Sondern Metadaten.

Gruselig oder spannend? Vielleicht fragst du dich aber bald nur noch: Warum hab ich das nicht schon viel früher gemacht?

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Michael Witzenleiter
Geschrieben vonMichael Witzenleiter

Gründer und Geschäftsführer des KI-Start-ups Conversion Maker

Michael Witzenleiter ist Gründer und Geschäftsführer des KI-Start-ups Conversion Maker. In dem Podcast „Das Gelbe vom AI“ fasst er wöchentlich die News im Bereich der künstlichen Intelligenz zusammen. Seine Erkenntnisse im Bereich A/B-Testing und Verkaufspsychologie, die er in über 15 Jahren im Onlinemarketing gesammelt hat, teilt er in seinem Buch "Quick Guide A/B Testing" sowie dem Podcast CRO.café.

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