
So wichtig ist dem Handel die Nachhaltigkeit
Nicht Automatisierung, nicht KI, schon gar nicht die letzte Meile spukt den Handelsmanagern derzeit im Kopf herum. Das beherrschende Thema ist Nachhaltigkeit.
Auf dem Kongress "LZ Open" moderierte ich eine Session mit rund 100 Teilnehmern. Das Thema: Digitaler Retail. Zu Beginn gab es ein kleine Umfrage im Zusammenarbeit mit den Kollegen von Hungry Ventures und dem Umfrage-Tool Slido. Da gab es eine kleine Überraschung.
Auf die Frage „ Was sind für Sie die 2 wichtigsten Themen für das Jahr 2020?“ nannten 75% Nachhaltigkeit. Weit dahinter, bei der natürlich nicht repräsentativen Umfrage, digitale Kundenbindung mit 41% und automatisierte Supply Chain mit 22%.
Eine Umfrage nach Herausforderungen mittels Schlagworten sah das Thema Nachhaltigkeit zudem quasi gleichauf mit „Amazon“.
Das ist natürlich nur ein Stimmungsbild.
Aber klar scheint: Der Handel spürt den Druck der Gesetze und den Druck der Verbraucher.
Die Schlagzeilen bestätigen das. Beispiele:
China verbietet Plastiktüten in den Läden.
Tarek Müller will mit About You bald eine Nachhaltigkeitsinitiative auf den Weg bringen: „Wir müssen nachhaltiger werden. Wir wollen Teil der Lösung sein, nicht Teil des Problems“, sagte er jüngst via Facebook.Zalando ist mit der Nachhaltigkeitsstrategie "do.MORE" bereits vorgeprescht und verpflichtet sich zur Klimaneutralität für das eigene Geschäft, Lieferungen und Retouren. In Unternehmenszentralen wurde bereits zu mehr als 90% auf erneuerbare Energien umgestellt. Bis 2023 soll zudem bei den Verpackungen Einwegplastik abgeschafft werden. Demnächst soll die Eigenmarke Zign als Öko-Label voll auf Nachhaltigkeit setzen. Außerdem wird nachhaltige Mode in einer eigenen Kategorie gesammelt und am Produkt mit einem speziellen Label versehen. Derzeit umfasst das nachhaltige Sortiment von Zalando mehr als 15.000 Artikel von über 240 Marken
Auch die Hersteller wandeln sich. Adidas setzt 2020 mehr als 50% recycelten Polyester ein, produziert mit dem Futurecraft Loop, einen Laufschuh, der komplett aus einem einzigen recyclingfähigem Material besteht. Nur eines von vielen Label, die auf nachhaltigere Sortiment setzt.
Der Nachholbedarf ist überball aber noch immens.Den gibt es bei den Onlinehändlern unter anderem beim Produktsortiment, erneuerbaren Energien und dem Umgang mit Retouren. Das sagt eine Umfrage des Gütesiegel-Anbieters Trusted Shops.
43% der Shop-Betreiber nutzen beispielsweise weder Green Hoster noch beziehen sie Strom aus Windenergie und Co. Der häufigste Grund dafür ist, dass den Inhabern dieser Aspekt gar nicht bewusst ist. Nur noch schlechter sieht es im Bereich der Retouren aus: Die Hälfte aller Online-Händler gab an, keinen nachhaltigen Umgang diesbezüglich zu pflegen. Mit Blick auf Verpackungen sieht das Bild besser aus. Nur 9% der Online-Händler geben an, ihre Verpackungssysteme nicht nachhaltig zu gestalten.
Aber auch hier arbeiten die großen der Branche an Optimierungen: leichtere Verpackungen, kleinere Pakete – oder Gedankenspiele, die bis zum kompletten Verzicht eines Zusatzkartons beim Versand reichen.Nachhaltigkeit ist denn auch ein Wachstumsmarkt: Die gesamte Modeindustrie beispielsweise müsste jährlich 20 bis 30 Mrd. Dollar in Innovationen investieren, um die Nachhaltigkeitswende zu schaffen. Das schätzt die Boston Consulting Group, die gemeinsam mit der Amsterdamer Initiative Fashion for Good den Report "Financing the Transformation in the Fashion Industry: Unlocking Investment to Scale Innovation in Fashion" (pdf) veröffentlicht hat.
Eine noch unkalkulierbare Variable dabei ist der Kunde.Zwar bekennen sich laut einer Umfrage des Güte-Siegel-Anbieters Trusted Shops 60% der Deutschen zur Nachhaltigkeit. Aber nur jeder Fünfte würde dafür sogar mehr bezahlen. Dabei sollte der Zuschlag nicht mehr als 5% betragen.
„Eine große Herausforderung besteht aktuell darin, einzuschätzen, was Nachhaltigkeit tatsächlich bedeutet und wie Kunden Produkte finden können, die den eigenen sozialen und ökologischen Werten entsprechen“, erklärt denn auch Sara Diez, Vice President Womenswear bei Zalando.
Ein Problem dabei: Wenn es zum Schwur kommt, zählt dann doch der Preis oder der Look.
Laut einer YouGov-Umfrage stellen Instagram- und Snapchat-Nutzer aktuelle Trends und Marken beim Kleidungskauf über ökologische Kriterien. Und ob Otto, Rewe oder Aldi – die stationären Händler, die mit ihren Nachhaltigkeitsberichten, klimaneutral verstromten Filialen und recyclingfähigen Eigenmarken-Produktverpackungen zeigen, wie ehrgeizig sie an der Wende arbeiten, müssen immer wieder registrieren, dass die Kunden zwar mehrheitlich für Nachhaltigkeit plädieren, dann aber an der Kasse überwiegend lieber auf den Preis schwören.
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Chefredakteur
Olaf Kolbrück, 48, war lange Jahre Reporter Internet und E-Business bei Horizont. Seine Karriere bei Horizont, Fachmagazin für Marketing und Medien, startete er 2000 als Redakteur für Marketing, Web 2.0 und E-Commerce. Daneben gründete er den renommierten Marketing-Blog Off-the-Record.de und zählt zu den profiliertesten Bloggern für digitale Werbung und Marketing. Im Juli 2013 erschien sein Fachbuch "Erfolgsfaktor Online-Marketing - So werben Sie erfolgreich im Netz / E-Mail, Social Media, Mobile & Co. richtig nutzen" (Deutscher Fachverlag, Frankfurt). Anschließend ist von ihm der Kurzgeschichten-Band "Gebete an die Cloud - 5 phantastische digitale Geschichten" erschienen. (Printversion) 2009 gewann er den Innovationspreis des Deutschen Fachverlags. 2011 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Zu seiner früheren redaktionellen Tätigkeit zählen Positionen bei der Handelsgruppe Rewe in Köln und bei der Neue-Rhein-Zeitung. Nebenbei schreibt er Krimis. Sie finden den Autor bei Twitter unter dem Namen @OlafKolbrueck oder auch auf Facebook sowie bei Google+. Kolbrück bloggt auch noch hier. Mehr über Olaf Kolbrück als Autor gibt es auf kolbrueck.de.
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