
Selbstgemacht: Das Geschäft mit individuellen Produkten
Immer mehr Unternehmen lassen ihre Produkte von Kunden gestalten. Ein Wörtchen mitreden können die Käufer etwa bei Müsli, Schuhen, Autos und Schokolade. Das hat auch für die Anbieter Vorteile.
Björn BöerChefredakteurNeugründungen waren Treiber
"Die Treiber dahinter waren Start-ups", erklärt Frank Piller vom Lehrstuhl für Technologie- und Innovationsmanagement an der RWTH Aachen. Ein typisches Beispiel sei die Firma Mymuesli aus Passau. Der Hersteller lässt Käufer ihr Müsli im Internet aus 80 Zutaten selbst mischen. Die Gründer sind inzwischen so erfolgreich, dass aus dem Drei-Mann-Betrieb innerhalb weniger Jahre ein Unternehmen mit 340 Mitarbeitern geworden ist.
Schokolade und Müsli sind aber nur zwei Beispiele. Individuellen Tee gibt es etwa bei 5 cups and some sugar, während Myuniquebag Handtaschen zum Selbst-Designen verkauft. Auch Großunternehmen tummeln sich mittlerweile in dem Markt: Coca-Cola verschickt auf Wunsch Flaschen mit dem Namen des Kunden, beim Schoko-Hersteller Ritter Sport lässt sich die Verpackung individuell gestalten.
"Es ändert sich gerade, dass auch die großen Markenartikler darauf setzen", sagt Piller, der zu Maßanfertigungen für die Masse forscht. Auch Sportkonzerne wie Adidas und Nike bieten personalisierbare Produkte an - von der Farbe bis zum Schnürsenkel. Hinzu kommen bei Adidas etwa individualisierbare T-Shirts für Sportmannschaften.
Künftig kann man einen ausgewählten Schuh mit Fotos bedrucken lassen.
Emotionale Verbundenheit mit Markenprodukt
"Die emotionale Verbundenheit spielt hier eine größere Rolle als bei der normalen Kollektion", erklärt Adidas dazu. Das hat auch für das Unternehmen Vorteile: "Die Kunden geben in diesem Fall gern etwas mehr Geld aus." Grundsätzlich müssen die Käufer für die Nicht-Standard-Ware meist deutlich tiefer in die Tasche greifen.
Dem Anbieterverzeichnis egoo.de zufolge gibt es deutschlandweit inzwischen etwa 550 Hersteller von Produkten, die sich individuell gestalten lassen. Zum Vergleich: Im Oktober 2008 waren es noch 30.
"Wenn man es richtig macht, hat man kostenseitig sogar einen Vorteil", glaubt Experte Piller. Wer das entsprechende System zur Massenproduktion habe, setze nur noch die Einzelteile zusammen. Ein Beispiel dafür sei die Autobranche, die Neuwagenkäufern schon lange freie Hand bei Farben, Polstern und Co. lasse.
Kostenlose Marktforschung
Für die Anbieter sind die Kunden-Kreationen Piller zufolge auch eine Art kostenlose Marktforschung: Sie bekommen direkten Einblick in die Wünsche und Bedürfnisse ihrer jeweiligen Zielgruppe. Und statt potenzielle Ladenhüter zu produzieren, fertigen sie Ware, die auch tatsächlich Abnehmer findet. Lange Lagerkosten entfallen.
Mit Unikaten werden wir uns aber wohl auch künftig nicht alle umgeben. "Es wird immer eine Nische sein. Die meisten Kunden wollen in den Laden gehen und das Produkt mitnehmen", prognostiziert Piller. "Erstmal zahlen die Leute nur für das Erleben. Dauerhaft werden sie nur dafür zahlen, wenn sie einen funktionalen Nutzen haben." Auch Adidas erklärt: "Es ist nicht in Planung, jedes Produkt für eine Individualisierung bereitzustellen."
Antonia Lange und Bernd Röder, dpa

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
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