
Der Mythos vom iPad als Umsatz-Booster
Wer gegenwärtig Meldungen und Beiträge über Tablets als Umsatz-Booster für den E-Commerce ließt, kommt schnell ins Grübeln. Spätestens im Weihnachtsgeschäft, so hört man, gerne auch von Studien aus dem Umfeld von Mobile-Dienstleistern, müssten demnach die Akkus der mobile Shopper heiß laufen, der PC als Antikware in der Ecke verstauben und nur noch eingeschaltet werden, wenn man mobil auf einen kollosal schlecht gestalteten Webshop trifft. Was durchweg wahrscheinlicher ist als Schnee zu Weihn...
Spätestens im Weihnachtsgeschäft, so hört man, gerne auch von Studien aus dem Umfeld von Mobile-Dienstleistern, müssten demnach die Akkus der mobile Shopper heiß laufen, der PC als Antikware in der Ecke verstauben und nur noch eingeschaltet werden, wenn man mobil auf einen kollosal schlecht gestalteten Webshop trifft. Was durchweg wahrscheinlicher ist als Schnee zu Weihnachten in Höhenlagen. Aber es gibt noch andere Gründe warum die Erwartungen an das iPad so überzogen sind, wie die Weihnachtswunschzettel des Nachwuches überlang.
69 Prozent der Tablet-Nutzer sagen, dass sie mindestens einmal im Monat mit ihrem Tablet einkaufen. Soweit Zahlen von Mobi und Mobext.
Doch Vorsicht: ich kaufe mehr sogar mehrmals im Monat, ach was, in der Woche mit dem iPad ein Doch darunter sind dann auch Bücher, Apps und ein paar Folgen Dr. Who. Für Mode, Möbel, Marken bleibt da weniger Geld und Zeit übrig.
Jeder fünfte kauft auch eher mal auf dem Tablet dafür weniger bei Bricks & Mortar. Was dann gerne verschwiegen wird: Er rennt auch seltener los, um zum Shoppen den PC hochzufahren. Der Umsatz verschiebt sich also lediglich um einen Kanal.
Kaum eine Studie kommt daher ohne den Hinweis aus, dass Tablet-Nutzer einen deutlich höheren Warenkorb erzeugen als Desktop-Kunden oder Smartphone-Nutzer. 21 % mehr als am PC, 54 % mehr als am Smartphone, sagt beispielsweise eine Studie von Adobe.
Tablets - Digitale Einkaufstüte der Besserverdienenden
Das sollte uns nicht überraschen. Wer sich ein Tablet kauft hat schlicht - auch hinterher noch - mehr Geld, das er ausgeben kann. Wenn wir einmal die US-Zahl zugrunde legen, die das Durchschnittseinkommen der Tablet-Nutzer bei ziemlich überdurchschnittlichen 63.0000 US-Dollar verortet, dann sind es eher die Besserverdienenden, die hier schlicht die digitale Einkaufstüte gewechselt haben und nicht die gefühlten Phantastilliarden an Kids, die mit ihrem Smartphone bei Facebook chatten.
Es wundert denn auch nicht, dass es eher die Anbieter in Luxus- und Premiumsegmenten sind oder Plattformen wie Fab mit schönen Dingen, die die Welt nicht, zumindest nicht unbedingt braucht, die hier regelmäßig Jubelzahlen präsentieren. Wenn erst einmal die Discount-Kunden über den Gebrauchtgeräte-Markt einsteigen, wird der Tablet-Warenkorb auch wieder kleiner werden.
Sicher, die Zahlen für die Tablet-Umsätze sind besser als zu seligen WAP-Zeiten. Doch angesichts der Verbreitung kann es immer noch sinnvoller sein, die Stammkunden auf dem Smartphone abzuholen.
3,2 Millionen verkaufte Tablets werden in diesem Jahr wohl verkauft, meint die Bitkom. Das mag man viel finden, auch weil man selbst nur Leute kennt, die damit auch auf der Couch hocken und "Draw Something" spielen. Aber im Vergleich zu Smartphones (23 Millionen verkaufte Exemplare 2012) ist das immer noch so, als würde sie statt auf den Werbeblock bei "Bauer sucht Frau" auf einen Spot im Umfeld von "Scobel" setzen.
Der Löwenanteil des Traffics im E-Commerce kommt noch lange via Desktop
Man sollte sich auch nichts vormachen. Auch wenn Tablets beim Traffic-Anteil auf E-Commerce-Websites am Smartphone vorbeiziehen - dann profitiert davon weniger der klassische Händler als vielmehr Amazon. Dem Kindle sei Dank.
Und: Der Desktop wird auf Sicht weiter für mindestens 80 Prozent des Traffics sorgen. Es könnte also für einen Großtreil der Branchen verfrüht sein, jetzt die Losung "Mobil first" bzw. "Tablet first" auszurufen. So sinnig und nötig solch eine Strategie langfristig auch sein mag. Timing zählt.
Denn auf Dauer hat das Tablet zwei gigantische Vorteile: Es ermöglich das Shoppen im Genussmodus auf der Couch und es profitiert vom "Dual Screening", der parallelen Nutzung von TV und Tablet. Der Werbeblock im TV, der schon jetzt häufig bei Online-Händlern die Server rauchen lässt, wird dank griffbereitem iPad dann für noch deutlichere Umsatzschübe und Impulskäufe sorgen.
Chefredakteur
Olaf Kolbrück, 48, war lange Jahre Reporter Internet und E-Business bei Horizont. Seine Karriere bei Horizont, Fachmagazin für Marketing und Medien, startete er 2000 als Redakteur für Marketing, Web 2.0 und E-Commerce. Daneben gründete er den renommierten Marketing-Blog Off-the-Record.de und zählt zu den profiliertesten Bloggern für digitale Werbung und Marketing. Im Juli 2013 erschien sein Fachbuch "Erfolgsfaktor Online-Marketing - So werben Sie erfolgreich im Netz / E-Mail, Social Media, Mobile & Co. richtig nutzen" (Deutscher Fachverlag, Frankfurt). Anschließend ist von ihm der Kurzgeschichten-Band "Gebete an die Cloud - 5 phantastische digitale Geschichten" erschienen. (Printversion) 2009 gewann er den Innovationspreis des Deutschen Fachverlags. 2011 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Zu seiner früheren redaktionellen Tätigkeit zählen Positionen bei der Handelsgruppe Rewe in Köln und bei der Neue-Rhein-Zeitung. Nebenbei schreibt er Krimis. Sie finden den Autor bei Twitter unter dem Namen @OlafKolbrueck oder auch auf Facebook sowie bei Google+. Kolbrück bloggt auch noch hier. Mehr über Olaf Kolbrück als Autor gibt es auf kolbrueck.de.
Alle Beiträge