Teil 1 dieser Serie hat den Druck beziffert: 4,37 Milliarden Sendungen in Deutschland 2025 bei 1,8 Prozent Wachstum und einem Erlös je Sendung, der preisbereinigt rund 15 Prozent unter dem Wert von 2015 liegt (KEP-Studie 2026 des BPEX, Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamts). Teil 2 hat gezeigt, dass Handelsunternehmen ihren eigenen Automatisierungsgrad im Schnitt bei 5,3 von 10 Punkten sehen und für 69,4 Prozent von ihnen die Investitionskosten die größte Hürde sind (EHI, Erhebung Frühjahr 2026). Teil 3 fragt, wie diese Rechnung aufgeht und wann nicht.
Der Markt: Investitionen werden verschoben
Der VDMA-Fachverband Fördertechnik und Intralogistik meldete im März 2026 für das Jahr 2025 einen Rückgang des Produktionsvolumens um 7 Prozent auf 25,8 Milliarden Euro. Die Exporte sanken ebenfalls um 7 Prozent auf 18,6 Milliarden Euro. Für 2026 erwartet der Verband ein unverändertes Volumen und spricht von einer Bodenbildung.
„Während das erste Halbjahr 2025 noch recht stabil verlief, ging die Produktion im zweiten Halbjahr zurück. Etliche Investitionen wurden verschoben, der strukturelle Bedarf bleibt aber hoch“, wird der Vorstandsvorsitzende des Fachverbands, Jan Drömer, in der Verbandsmitteilung zitiert. Eine Erholung erwartet er „spätestens ab 2027“. Der VDMA führt Drömer für die NEURA Mobile Robots GmbH – jene Gesellschaft, die aus der Insolvenz des Fahrerlose-Transportsysteme-Herstellers ek robotics hervorgegangen ist. Bei ek robotics war er nach Unternehmensangaben seit 2017 Chief Information Officer, als er 2024 den Verbandsvorsitz übernahm.
Weltweit meldet das Marktforschungsunternehmen Interact Analysis für 2025 einen um 7 Prozent gestiegenen Auftragseingang in der Lagerautomatisierung, führt ihn aber auf gestiegene Stahl- und Lohnkosten in den Projektpreisen zurück, nicht auf Mengenwachstum. Deutschland benennt das Haus dabei ausdrücklich als Schwächeregion, weil Großkunden in kostengünstigere Regionen verlagerten.
Amortisation: Wo Anbieter und Berater auseinandergehen
Eine unabhängige Benchmarkstudie zu Amortisationszeiträumen in der Lagerautomatisierung existiert öffentlich nicht. Was existiert, sind Anbieterangaben und eine Gegenposition.
AutoStore nennt in der Quartalspräsentation vom 13. August 2026 als Kennzahl über rund 2.000 Standorte eine Amortisationsdauer von ein bis drei Jahren. Der AutoStore-Distributor Element Logic gibt in einem Whitepaper vom Oktober 2024 zwei bis drei Jahre im Schnitt an, im günstigsten dokumentierten Fall unter einem Jahr und im ungünstigsten bis zu sechs Jahre.
McKinsey formuliert in einem Blogbeitrag vom 27. September 2024 eine andere Perspektive: „Payback periods for projects are often longer than the lease on the building being automated“ – die Amortisationszeiträume seien häufig länger als der Mietvertrag für das Gebäude, in dem automatisiert werde (eigene Übersetzung). In einem Beitrag vom Dezember 2023 schildert das Haus zudem einen anonymisierten Fall: Ein Konsumgüterkonzern investierte demnach über 150 Millionen US-Dollar in ein vollautomatisiertes Zentrallager. Weil die Prognosen zu Lagerumschlag und Kanalmix nicht zutrafen, blieb ein Teil der Automatisierung ungenutzt.
Für den Handel ist das keine akademische Unterscheidung, sondern eine Frage der Vertragsgestaltung. Nach Angaben von JLL (28. Juli 2026) lagen die Spitzenmieten für Logistikflächen ab 5.000 Quadratmetern Mitte 2026 in München bei 11,00 Euro und in Berlin bei 10,50 Euro je Quadratmeter und Monat. Die Fertigstellungen in den fünf Immobilienhochburgen summierten sich im ersten Halbjahr 2026 auf rund 187.000 Quadratmeter und lagen damit 35 Prozent unter dem Vorjahreswert. Die Angabe bezieht sich ausdrücklich nur auf die Metropolregionen, nicht auf Gesamtdeutschland.
CBRE überschreibt einen Abschnitt seiner Mitteilung vom 17. Juli 2026 mit „Höhere Mieten erhöhen Automatisierungsdruck“, formuliert im Text aber eine Einschränkung. Jan Linsin, Head of Research Germany, wird dort zitiert: „Automatisierung entwickelt sich zunehmend vom Effizienzthema zum Wettbewerbsfaktor. Wirtschaftlich sinnvoll sind entsprechende Investitionen allerdings vor allem bei längeren Vertragslaufzeiten, während viele Nutzer weiterhin vergleichsweise kurze Mietverträge bevorzugen.“
Was das Anbieterrisiko für Kunden bedeutet
Bei Projektlaufzeiten von mehreren Jahren ist die Bonität des Systemintegrators selbst ein Projektrisiko. 2025 gab es dafür konkrete Belege.
Der kanadische Anbieter von Würfellagersystemen Attabotics beantragte Anfang Juli 2025 Gläubigerschutz und entließ 192 Beschäftigte; das Unternehmen hatte nach Berichten von Automated Warehouse und The Logic über 165 Millionen US-Dollar Kapital eingesammelt und war nie profitabel. In Deutschland meldete der Hersteller fahrerloser Transportsysteme ek robotics im Juli 2025 Insolvenz in Eigenverwaltung an. Nach Unternehmensangaben rund 300 Beschäftigte und über 12.000 ausgelieferte Fahrzeuge. Das Unternehmen wurde von Neura Robotics übernommen.
Wenn Projekte zurückgebaut werden
Für 2025 und 2026 sind mehrere gescheiterte Automatisierungsvorhaben öffentlich dokumentiert.
Die US-Handelskette Kroger kündigte am 18. November 2025 an, drei mit Technik von Ocado betriebene automatisierte Fulfilment-Center zu schließen und ein viertes Projekt in Charlotte nicht weiterzuverfolgen. Vollzogen wurde die Schließung Ende Januar 2026. Ocado meldete am 5. Dezember 2025 eine Entschädigungszahlung von 350 Millionen US-Dollar, die sowohl die drei Schließungen als auch den Verzicht auf Charlotte abdeckt. Die von Kroger im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025 gebuchte Wertberichtigung von rund 2,6 Milliarden Dollar bezieht sich auf das gesamte automatisierte Fulfilment-Netzwerk, nicht allein auf die drei Standorte. Ein Jahr zuvor, im Februar 2025, hatte Kroger noch zwei zusätzliche Standorte angekündigt.
Zur vollständigen Darstellung gehört, dass Ocado das Geschäft mit Kroger nicht verloren hat: Fünf Fulfilment-Center laufen weiter, Detroit wird ausgebaut, und für Phoenix ist die Inbetriebnahme mit Tiefkühlmodul für 2026 vorgesehen. Der kanadische Ocado-Partner Sobeys beschloss im Januar 2026 die Schließung seines Roboterlagers in Calgary und zahlt nach Ocado-Angaben 18 Millionen Pfund Kompensation.
Ein vergleichbar dokumentierter Fall aus Deutschland liegt nicht vor. Das dürfte auch daran liegen, dass Betreiber gescheiterte Projekte selten öffentlich machen. Aus dem DACH-Raum gibt es immerhin einen Fall: Die Migros Aare geriet mit ihrem Verteilzentrum in Schönbühl in die Kritik. Nach einer SRF-Recherche vom Januar 2025 wurden zwei weitere Genossenschaften erst gefragt, als der Bau bereits lief, und sagten ab. Ehemalige Kaderangestellte berichten, ein Drittel der gekühlten Kommissionierfläche stehe leer. Von der Wertberichtigung des Konzerns entfielen demnach rund 100 Millionen Franken auf dieses Projekt. Und die eingangs zitierte TMG-Befragung enthält einen Befund, der selten zitiert wird: 16 Prozent der Unternehmen berichteten nach Automatisierungsprojekten von Effizienzverlusten.
Was sich aus der Datenlage ableiten lässt
Brownfield vor Greenfield. Interact Analysis erwartet, dass kurz- und mittelfristig Nachrüstungen bestehender Anlagen die Automatisierungsvorhaben dominieren; einen Rebound bei Neubauten sieht das Haus erst ab 2027 und dann moderater als im Pandemieboom. Für Retrofit-Projekte nennt der Anbietervertreter Markus Gorlt (Transitic Systems) in einem Interview mit materialfluss vom 8. April 2026 Amortisationszeiträume von zwei bis sechs Jahren bei 30 bis 60 Prozent der Investitionskosten einer Neuanlage – Angaben aus dem Anbieterumfeld, die sich nicht unabhängig prüfen ließen.
Der Mietvertrag gehört in die Investitionsrechnung. Wenn die Amortisationsdauer die Laufzeit des Mietvertrags übersteigt, ist die Kalkulation unvollständig. In einem Markt mit steigenden Spitzenmieten und einem um 35 Prozent geschrumpften Fertigstellungsvolumen ist das keine Randbedingung.
Die Prognosequalität ist der kritische Faktor. Der McKinsey-Fall und die Kroger-Entscheidung haben gemeinsam, dass nicht die Technik versagte, sondern die Annahmen über Lagerumschlag, Kanalmix und Volumenentwicklung. Wer eine Anlage auf ein Auftragsprofil auslegt, das sich innerhalb der Amortisationsdauer verschiebt, hat ein Prognose-, kein Technikproblem.
Offene Fragen
Ob 2027 die vom VDMA erwartete Erholung bringt, dürfte sich weniger an der Technik entscheiden als an der Industriekonjunktur. Einen hohen strukturellen Bedarf sehen sowohl der VDMA als auch Interact Analysis – wobei beide Institutionen ein Interesse an einem wachsenden Markt haben.
Für die Investitionsentscheidung selbst bleibt eine Lücke, die diese Serie nicht schließen konnte: Es existiert keine öffentliche, anbieterunabhängige Benchmarkerhebung zu Amortisationszeiträumen, Schwellenwerten und Fehlerquoten in der Lagerautomatisierung. Alle belastbaren Zahlen stammen entweder von Anbietern oder aus kostenpflichtigen Marktstudien. Für ein Investitionsgut dieser Größenordnung ist das bemerkenswert wenig.

Redakteur
David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.
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