Dichtes Roboter-Lagersystem für automatisierte Online-Lebensmittelbestellungen mit Techniker
© Black Forest Labs / Flux

Teil 2: Automatisierungsgrad 5,3 von 10 – was im Lager wirklich läuft

Serie „Handelslogistik 2026“, Teil 2 von 3: Handelsunternehmen bewerten ihren eigenen Automatisierungsgrad im Schnitt mit 5,3 von 10 Punkten, Robotik mit 2,8 und KI mit 2,6. Das ist der Befund einer EHI-Befragung vom Frühjahr 2026 und er liegt deutlich unter dem Eindruck, den Messeberichte und Anbietermitteilungen vermitteln.

David WöllensteinDavid WöllensteinRedakteur
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Teil 1 dieser Serie hat den Druck beschrieben: 4,37 Milliarden Sendungen in Deutschland 2025 bei nur noch 1,8 Prozent Wachstum, ein preisbereinigt um rund 15 Prozent unter dem Wert von 2015 liegender Erlös je Sendung und steigende Personalkosten (Quelle: KEP-Studie 2026 des BPEX, Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamts). Die naheliegende Antwort heißt Automatisierung. Der zweite Teil fragt, wie weit sie tatsächlich ist.

Der Ausgangsbefund: eine Selbsteinschätzung

Das EHI Retail Institute hat für die Studie „KI und Automatisierung in der Handelslogistik 2026“ Handelsunternehmen gebeten, den eigenen Automatisierungsgrad auf einer Skala von 1 bis 10 einzuordnen. Der Mittelwert liegt bei 5,3 Punkten. Robotik kommt auf 2,8, Künstliche Intelligenz auf 2,6 Punkte. 66,7 Prozent der Befragten setzen automatische Lagersysteme ein. Als größte Hürde bei Automatisierungsprojekten nennen 69,4 Prozent die Investitionskosten. Bei KI-Projekten steht mit 61,1 Prozent die Integration in Bestandssysteme an erster Stelle.

Einordnung der Redaktion: Es handelt sich um eine Selbsteinschätzung von 36 Handelsunternehmen, erhoben zwischen dem 24. März und dem 15. Mai 2026. Bei dieser Stichprobengröße entsprechen 66,7 Prozent 24 und 69,4 Prozent 25 Unternehmen. Die Nachkommastellen suggerieren eine Genauigkeit, die die Basis nicht hergibt. Als Richtungsbefund ist die Erhebung dennoch der aktuellste verfügbare Wert für den deutschen Handel.

Für die produzierende Industrie liegt eine ähnliche Zahl vor: Nach einer Befragung der TMG Consultants (Feldphase März bis Juli 2024, über 100 teilnehmende Unternehmen) hatten 63 Prozent ihre Intralogistik gar nicht oder nur in Ansätzen automatisiert, 4 Prozent erreichten die höchste Stufe. Die Grundgesamtheiten sind nicht vergleichbar. Handel und Industrie unterscheiden sich in Sortimentsstruktur und Auftragsprofil erheblich.

Etabliert: die Behälterlagersysteme

Bei der automatisierten Lagerung von Kleinteilen konkurrieren drei Bauformen, ohne dass eine die anderen verdrängt hätte: klassische automatische Kleinteilelager mit Regalbediengeräten, Shuttle-Systeme und Würfellager. Belastbare öffentliche Marktanteilszahlen nach Systemklasse existieren nicht. Die entsprechenden Datenreihen liegen bei kostenpflichtigen Marktforschungshäusern.

Was sich beziffern lässt, sind Anbieterzahlen. AutoStore meldet in der Quartalsmitteilung vom 13. August 2026 rund 2.000 installierte Systeme in 68 Ländern, einen Quartalsumsatz von 192 Millionen US-Dollar (plus 43 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal) und einen Auftragsbestand von 596 Millionen Dollar – Angaben eines börsennotierten Anbieters aus der eigenen Quartalsmitteilung.

Am selben Tag meldete das Unternehmen in einer separaten Börsenmitteilung eine strategische Liefervereinbarung mit Amazon. Sie schaffe „einen Rahmen für die Lieferung von AutoStore-Produkten und -Lösungen an Amazon auf globaler Basis“, enthalte aber „zum jetzigen Zeitpunkt keine Abnahmeverpflichtungen“ (eigene Übersetzung). Ein Auftragsvolumen ist damit nicht verbunden.

Das Marktforschungsunternehmen Interact Analysis revidierte 2025 die Erwartungen für stationäre Automatisierung nach oben und für mobile Robotik nach unten. Der Wettbewerb zwischen Shuttle-Systemen und mobilen Lösungen verschärfe sich, so das Haus, angetrieben von höheren Durchsätzen bei Tote-to-Person-Systemen – diese Einschätzung stammt allerdings aus der Beschreibung eines kostenpflichtigen Reports und ist nicht datiert.

Im Wachstum, aber nach unten korrigiert: mobile Roboter

Die International Federation of Robotics zählte in ihrem Report World Robotics 2025 (veröffentlicht am 7. Oktober 2025, Erhebungsjahr 2024) in der Anwendungsklasse Transport und Logistik 102.900 verkaufte Einheiten, ein Plus von 14 Prozent. Das ist gut die Hälfte aller professionellen Serviceroboter. Nach einer gemeinsamen Auswertung von IFR und VDMA entfallen davon rund 81.800 Einheiten auf mobile Intralogistikroboter; 84 Prozent dieser Roboter stammen von Herstellern aus dem asiatisch-pazifischen Raum, 11 Prozent aus Europa.

Einordnung der Redaktion: Die IFR-Erhebung beruht auf einer Stichprobe von 294 Anbietern und wird nicht auf die Gesamtbranche hochgerechnet. Der Verband weist ausdrücklich darauf hin, dass sich die Stichprobenzusammensetzung jährlich ändert und Vergleiche zwischen verschiedenen Report-Ausgaben nicht zulässig sind.

Eine Korrektur nach unten kam von Interact Analysis. Das Haus senkte im Dezember 2024 seine Prognose für mobile Roboter mit Bezugsjahr 2027 um 18 Prozent und reduzierte in einem Folgereport vom Mai 2025 die erwartete jährliche Wachstumsrate von 26 auf 21 Prozent. Zur Begründung nennt Interact Analysis eine engere Marktdefinition, US-Zölle sowie eine anbieterweise Neubewertung der Absatzvolumina, in deren Folge die Marktgrößen für 2024 und früher um rund 8 Prozent nach unten korrigiert wurden.

Produktiv, aber im engen Korridor: Roboterkommissionierung

Die Kommissionierung einzelner Artikel durch Roboter ist im Handel angekommen.

Die Rohlik Group setzt in ihren Fulfilment-Centern in Berlin-Schönefeld und Wien nach Unternehmensangaben 24 KI-gestützte Pickroboter des Stuttgarter Anbieters Sereact ein und nennt als Spitzenwert bis zu 600 Artikel je Stunde und Roboterarm. Ocado gibt für sein System „On-Grid Robotic Pick“ ein theoretisches Maximum von 630 Artikeln pro Stunde an und ergänzt, die reale Leistung schwanke mit Größe und Komplexität des Artikels.

Beide Werte sind Spitzenwerte. Reale Pickraten über ein volles Betriebsjahr veröffentlicht weder ein Anbieter noch eine unabhängige Stelle. Zum Vergleich: Der in Fachbeiträgen kursierende Wert von 1.200 Picks pro Stunde geht auf eine Produktankündigung zur LogiMAT 2023 zurück.

Anbieter formulieren die Grenzen inzwischen selbst. Der Intralogistikanbieter KNAPP schreibt in einem eigenen Praxisblog, es gebe „immer noch Einschränkungen bei der Erkennung oder dem Picken von Artikeln“, ein Mensch könne „eben (noch) ein Stück mehr, ist flexibler“. Als schwierig gelten weiterhin sehr breite Sortimente, verformbare Artikel und Verpackungen, die für Bildverarbeitungssysteme mehrdeutig sind. Das Fraunhofer IPA führt den „Griff in die Kiste“ nach wie vor als Forschungsthema.

Noch nicht angekommen: humanoide Roboter

Das Fraunhofer IML veröffentlichte am 24. März 2026 die Studie „Automatisierung auf zwei Beinen? Humanoide Roboter in der Logistik“. Die Marktanalyse identifiziert rund 80 verschiedene Systeme in einem stark fragmentierten, überwiegend von außereuropäischen Anbietern geprägten Markt. Befragt wurden Unternehmensvertreter, von denen knapp 100 vollständig antworteten. Über 80 Prozent von ihnen erwarten einen produktiven Einsatz innerhalb der nächsten zehn Jahre. Die Studienautoren ordnen humanoide Robotik als eine Technologie ein, die noch am Anfang ihrer Entwicklung stehe, und empfehlen Testfelder, offene Standards und Sicherheitsnormen für die Mensch-Roboter-Kollaboration.

Der bekannteste Referenzfall gibt ein Gefühl für die Größenordnung. Der Humanoid „Digit“ von Agility Robotics arbeitet beim Logistikdienstleister GXO im Standort Flowery Branch, Georgia. Das Unternehmen meldete am 20. November 2025, dort seien mehr als 100.000 Behälter bewegt worden. Der kommerzielle Einsatz begann nach Herstellerangaben im Juni 2024. Einen Zählzeitraum weist die Mitteilung nicht aus. Legt man die 17 Monate zwischen Start und Meldung sowie Kalendertage zugrunde, ergeben sich rechnerisch rund 200 Behälter pro Tag.

Auch die IFR trennt in ihrem Positionspapier „Humanoid Robots – Vision and Reality“ vom August 2025 zwischen Faszination und technischer Wirklichkeit und hält eine breite Adoption als Universalhelfer kurz- bis mittelfristig für unwahrscheinlich.

Was Handelsentscheider daraus ablesen können

Zwischen dem, was auf Messen gezeigt wird, und dem gemessenen Automatisierungsgrad im Handel liegt eine erhebliche Spanne. Solange Handelsunternehmen ihre eigene Robotik-Reife im Schnitt bei 2,8 von 10 Punkten sehen und Investitionskosten für 69,4 Prozent die größte Hürde sind, ist die praxisnähere Frage nicht, wann humanoide Roboter einsatzfähig werden, sondern ob Prozesse dokumentiert, Stammdaten belastbar und Schnittstellen definiert sind. Das ist die Voraussetzung, an der laut einer McKinsey-Analyse auch Großprojekte scheitern – dazu mehr in Teil 3.

Drei Größen, die in dieser Debatte regelmäßig auftauchen, haben keine belastbare öffentliche Datengrundlage: Marktanteile nach Systemklasse, Energiekennzahlen je Behälterbewegung und reale Pickraten über ein volles Betriebsjahr. Für alle drei existieren nur Anbieterangaben oder kostenpflichtige Marktstudien.

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David Wöllenstein
Geschrieben vonDavid Wöllenstein

Redakteur

David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.

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