Fachkraft prüft ruhig Warenherkunft im Lager als Symbol für besonnenes Zoll-Risikomanagement
© Black Forest Labs / Flux

Keine Panik wegen Zöllen

Gegen Zölle kann der Handel nichts ausrichten, weder im Import noch im Export. Es gibt aber Wege, das Risiko besser einzuschätzen, um rechtzeitig neu zu kalkulieren.

SBStefan BeckerRedakteur
5 Min.· Aktualisiert am
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Mario Urso kann sich den Kommentar nicht verbeißen: „Wir freuen uns, dass wir einen Promotor in den USA haben, der das Thema Zölle auf die Tagesordnung bringt“, sagt der Partner der Beratungsgesellschaft KPMG Deutschland, der den Bereich Trade & Customs leitet. Um hinzuzufügen: „Spaß beiseite: Das Thema ist zu ernst und hat eine Schnelligkeit erreicht, wie ich sie noch nicht gesehen habe.“

Urso hat einen Rat, der immer gilt, wenn die Dinge zu wirbeln beginnen: „Ruhe bewahren. Keine Schnellschüsse.“ Ähnlich Janine Lampprecht, CEO der Zollberatung Grenzlotsen. Sie empfiehlt, die Ankündigungen neuer Zollvorgaben in den Medien stets als genau das zu sehen: als Ankündigungen. „Unternehmen sollten sich nur auf die konkrete Verordnung stützen, die kommt meistens deutlich später“, sagt sie. „Und es gibt immer unfassbar viele Sonderfälle. Die Medien müssen das vereinfachen.“

Was nicht bedeutet, dass nichts zu tun wäre. Stark veränderte Zölle können massive Auswirkungen auf die Geschäfte von Handelsunternehmen haben. Damit eine besonnene Reaktion möglich wird, empfehlen Experten unisono drei Schritte: Transparenz, interne Mittel zur Dämpfung der Auswirkungen und am Ende Entscheidungen über die Strategie.

„Als Erstes empfehlen wir, für Transparenz zu sorgen“, sagt etwa Michael Tervooren, Partner Customs & International Trade Germany bei PwC Deutschland. „Welche Waren werden mit welchem Zollsatz importiert und exportiert? Wo liegt ihr Ursprung? Was genau steht in den Verträgen?“

Plötzlich China-Zoll
Gut gepflegte Daten helfen, unangenehme Überraschungen zu vermeiden. Ein deutscher Händler, der Turnschuhe einer deutschen Marke in die USA verkauft, kann mit den US-Zöllen für China belegt werden – dann nämlich, wenn die Schuhe in China hergestellt wurden. Auch wer etwa Fahrradteile aus China importiert, so Expertin Lampprecht, kann bis zu zirka 50 Prozent Anti-Dumping-Zölle aufgebrummt bekommen.

„Die Herkunftsländer sind relevant für Zusatzzölle, daher achten die Behörden verstärkt auf Nachweise“, sagt Lampprecht. Das gelte für deutsche und besonders auch für US-Behörden. „Die US-Behörden sind sehr streng.“ Karina Lück, Director Operations Transformation bei PwC Deutschland, nennt sie sogar „eher aggressiv“: „Im Zweifel nimmt der US-Zoll an, die Ware komme aus China, und verzollt sie entsprechend.“

Korrekte Beschreibungen wichtig
Auch die korrekte Warenbeschreibung ist essenziell. „Bestimmte Textilien aus Hochrisikoländern können bei unklarer Herkunft einen Verdacht auf Kinderarbeit begründen, während Kugellager mit speziellen technischen Eigenschaften unter die Dual-Use-Verordnung fallen und genehmigungspflichtig sein können“, erklärt Thomas Regler, Deutschland-Chef des Zolldienstleisters Customs Support Group. „Um das sauber hinzubekommen, müssen Produkt- und Zollexperten im Unternehmen miteinander sprechen.“Aber transparente Daten vermeiden nicht nur Überraschungen, sondern ermöglichen auch, Szenarien durchzuspielen. „Wenn ich weiß, welche Waren ich mit welchem Zollsatz bewege, kann ich sofort simulieren, was Zolländerungen für mich bedeuten“, so Michael Tervooren.

Nächster Schritt sind Reaktionen „im eigenen System“, wie Stephan Fetsch es nennt, Head of Consumer Goods bei KPMG Deutschland: Unternehmen können die Auswirkungen der Zölle bis zu einem gewissen Grad dämpfen oder konterkarieren.

Konzerne etwa haben die Möglichkeit, Verrechnungspreise für konzerninterne Lieferungen zu senken. „Dadurch können die Zielmargen in den USA trotz Zöllen stabil bleiben – und damit auch die Verkaufspreise“, so Fetsch. „Das geht aber nur begrenzt.“ Denn die Zölle verschwinden nicht, sondern senken die Margen dann bei der Konzernmutter.

Was nicht zollrelevant ist
„Verrechnungspreise enthalten oft nicht zollrelevante Faktoren“, fügt Michael Tervooren von PwC hinzu. „Unternehmen müssen darauf achten, dass sie nicht im Zollwert auftauchen.“ Das sei ebenso eine Frage transparenter Daten wie Transportkosten – denn unter den Zoll fallen nur sogenannte drittländische Transportkosten, also zum Beispiel nicht die inneramerikanischen Anteile.Tervooren nennt auch das „Non-Residence Importer Model“ für Fälle, in denen beim Verkauf in die USA bisher der Empfänger als Zollanmelder aufgetreten ist. Wechselt die Zollanmeldung nämlich zum Händler, fällt die Marge des Empfängers aus dem Zollwert heraus, entsprechend sinkt der Zoll. Die „First Sale Method Rule“ des US-Zolls wiederum erlaubt es, nicht den finalen Endkundenpreis als Zollwert zu nehmen, sondern den ersten Verkaufspreis innerhalb der Lieferkette, der deutlich niedriger liegt.

Leichter gesagt als getan
Die Forderung nach transparenten Daten ist leichter gestellt als erfüllt. „Viele Unternehmen nutzen verschiedene Zolldienstleister für die verschiedenen Länder“, so KPMG-Experte Urso. „Dabei gehen häufig Daten verloren, und es fehlt der gesamte Überblick. Wir stellen gerade für viele unserer Kunden Anträge in 26 EU-Ländern, um die Zolldaten zu konsolidieren.“ Dabei tauchten oft unbekannte Lieferketten auf. „Es gibt immer unbekannte Warenbewegungen, weil Abteilungen Waren bestellen, die sie nicht bestellen sollten.“ Und für die im schlechtesten Fall hohe Zölle anfallen.

Letztlich aber läuft für Händler alles auf die Frage hinaus, ob sie ihre Preise in den USA halten können oder nicht. Das hat wesentlich damit zu tun, ob ihre Waren substituierbar sind, ob es also Vergleichbares aus US-Produktion gibt. Und wie treu die Kunden sind. „Starke Marken können Zölle eher weitergeben, andere nicht“, sagt Stephan Fetsch lapidar. Nur bei hoher Markenloyalität und geringer Preiselastizität ist das möglich.

Das führt zur dritten Stufe der Reaktion, zum Grundsätzlichen: Lohnt es sich, auf Märkte außerhalb der Zollstreits umzuschwenken? Im Export zum Beispiel auf ein Land mit Freihandelsabkommen? Oder in anderen Ländern als China einzukaufen? Oder gleich die Produktion in die USA zu verlagern?Das sind alles langfristige Entscheidungen: „Die USA haben schon unter Joe Biden versucht, Produktion ins Land zu holen“, so Mario Urso von KPMG. „Das hat deutsche Unternehmen nicht bewegt, dem zu folgen, jedenfalls nicht spürbar.“ Auch jetzt sei ihm kein Unternehmen bekannt, das über Produktionsverlagerungen nachdenke.

Keine 100-Prozent-Zölle
Zumal die Zukunft völlig unabsehbar ist. „Die US-Regierung agiert unvorhersehbar, weil sie Deals schließen will. Mit China und Großbritannien ist es ihr auch bereits gelungen“, sagt Stephan Fetsch von KPMG.

Nur zwei Dinge halten die Experten für ausgemacht: 100-Prozent-Zölle werden nicht kommen. „Das brächte eine völlig andere Situation und würde zu Masseninsolvenzen in den USA führen“, sagt Mario Urso.

Und: Zölle werden zunehmend Teil umfassender Anforderungen an die Compliance von Händlern. „Wir müssen alle besser werden in der Lieferkette“, sagt Fetsch. „Bisher standen immer die Produkte selbst im Mittelpunkt. Wir müssen aber auch die Herkunft verstehen.“

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SB
Geschrieben vonStefan Becker

Redakteur

Stefan Becker arbeitet seit Sommer 2022 als Redakteur für „Der Handel“ und Etailment.de, nachdem er zuvor ein gutes Jahr als freier Mitarbeiter dabei war. Der Diplom-Journalist (TU Dortmund) kommt aus dem Lokaljournalismus („Recklinghäuser Zeitung“, Volontariat beim „Solinger Tageblatt“) und verbindet im Deutschen Fachverlag seine Erfahrungen aus dem Verbraucher- (sieben Jahre „Öko-Test“) und dem Fachzeitschriften-Journalismus (sechs Jahre „Touristik-Report“).

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