Vietnam will den Onlinehandel in die Fläche bringen
Vietnams E-Commerce steht vor einem neuen Wachstumsschub, schöpft sein Marktpotenzial aber bislang nur teilweise aus. Nach Angaben von Vietnam.vn liegt der Online-Anteil am gesamten Einzelhandel derzeit bei lediglich 15 bis 16 Prozent. Damit bleibt Vietnam hinter Thailand zurück und deutlich hinter Märkten wie China und Südkorea, wo der Anteil des Onlinehandels am Einzelhandelsumsatz bei rund 25 bis 26 Prozent liegt. Für 2025 wird dennoch ein Wachstum des gesamten vietnamesischen E-Commerce-Sektors um etwa 25 Prozent erwartet.
Auf dem Seminar „E-Commerce – Ein neuer Wachstumszyklus“ am 28. Juli beschrieb Nguyen Lam Thanh von TikTok Vietnam den Markt als Übergangsphase: Nach einer relativ freien Entwicklungsperiode rückt nun ein umfassenderer Rechtsrahmen in den Mittelpunkt. Zugleich sollen die auf Plattformen angebotenen Waren stärker standardisiert werden, um Verbraucherrechte zu sichern und den tatsächlichen Mehrwert der Angebote zu erhöhen. Parallel dazu meldet TikTok Shop eine deutliche Dynamik: Der gesamte Transaktionswert stieg im Jahresvergleich um 66 Prozent.
Die größte Wachstumsreserve liegt nach Einschätzung der Beteiligten außerhalb der Städte. Der Onlinehandel konzentriert sich bislang stark auf urbane Räume, während ländliche Regionen mit Logistik, Lieferkosten und veränderten Kaufgewohnheiten kämpfen. Vietnam verfügt über Zehntausende Kooperativen und Handwerksdörfer sowie über zahlreiche Produkte mit regionaler und kultureller Prägung. Viele davon erreichen über digitale Plattformen jedoch noch keinen breiteren Kundenkreis. Gerade hier sehen Vertreterinnen und Vertreter der Branche ein ungenutztes Marktpotenzial.
Für Kunsthandwerk und Dorfprodukte eröffnet der digitale Vertrieb nach Einschätzung von Ha Thi Vinh, Vizepräsidentin des Verbandes vietnamesischer Handwerksdörfer, neue Chancen. Entscheidend sei nicht allein die Produktion, sondern auch die Fähigkeit, Herkunft, Familiengeschichte, Herstellungsprozess und kulturellen Wert der Produkte zu vermitteln. Verbraucher interessierten sich zunehmend nicht nur für Design oder Preis, sondern auch für die Geschichte hinter einem Produkt. Handwerksdörfer müssten daher lernen, Marken aufzubauen, Produktwerte zu steigern und moderne Märkte zu erschließen. Das könne Einkommen sichern und zugleich zur nachhaltigen Bewahrung der Handwerksdörfer beitragen.
Ein neues Kooperationsabkommen zwischen TikTok und dem Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt soll diesen Wandel beschleunigen. Beide Seiten wollen Anwendungen im E-Commerce nutzen, um Einzelpersonen, Genossenschaften und Handwerksdörfer bei Vermarktung, Markterschließung und Wertsteigerung ihrer Produkte zu unterstützen. Ziel ist es, die digitale Wirtschaft stärker in ländlichen Gebieten zu verankern und lokale Anbieter besser an Plattformökonomien anzuschließen. Quelle: Thanh Nien.

Redakteur
David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.
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