
"Wir werden Erlebnis-Lieferant"
Nur zusammen stark: Thalia-Chef Michael Busch will Händler und Verlage vernetzen, gemeinsame Plattformen etablieren und weitere Allianzen schmieden, damit Buch und Branche auch im Internetzeitalter eine Zukunft haben.
"Das zeigt, dass wir ein zukunftsfähiges Konzept für den Buchhandel haben und dass es strategisch richtig ist, unsere Vertriebskanäle immer enger miteinander zu verknüpfen. Jetzt müssen wir den nächsten Schritt gehen und zu einem Content-, Service- und Erlebnis-Lieferant werden, um für die Menschen auch in Zukunft relevant zu bleiben."
Online-Schub durch stationäre Präsenz
Um das zu erreichen stärkt Thalia ausdrücklich auch den stationären Handel. Im vergangenen Geschäftsjahr hat Thalia zwölf Buchhandlungen eröffnet oder übernommen, im November dieses Jahres kommen Filialen in Hagen, Düsseldorf und Leipzig hinzu, 2019 eine in Wien.
Denn: "Die lokale Präsenz gibt immer auch online einen Schub, das merkt man sofort", berichtet Busch und nennt als Beispiel den Zusammenschluss mit dem Traditionshaus Wittwer aus Stuttgart Mitte des Jahres. "Omnichannel ist der richtige Weg, denn beide Kanäle befruchten sich. An den Bons sehen wir, dass nicht nur die online bestellte Ware abgeholt wird, sondern mehr auf dem Kassenzettel steht, wenn der Kunde die Filiale wieder verlässt."
Also will der Thalia-Chef die Buchhandlungen "noch mehr als bisher zu lebendigen Treffpunkten in der Nähe werden, um Menschen wieder vermehrt in die Innenstädte zu locken."
Die persönliche Beratung in den Filialen ergänzt der Buchhandelsfilialist künftig beispielsweise durch einen Service, der durch die Music Playlists von Streamingdiensten inspiriert wurde: So kuratieren neben den Thalia Buchexperten auch Autoren, Blogger, Prominente oder lokale Institutionen ihre individuellen Empfehlungen als Thalia Bücher-Listen."Wir wollen unsere Buchhändler darüber hinaus mit allem ausstatten, was sie brauchen, um das Einkaufen für Kunden inspirierend und spielerisch einfach zu machen", erläutert der Thalia-Chef.
Beispiel dafür sei die kürzlich flächendeckend eingeführte App, über die sich Beratung und Bezahlung direkt am Bücherregal abwickeln lassen. Hierfür hat das Unternehmen alle Buchhandlungen mit Tablet-PCs ausgestattet. Außerdem haben Kunden die Möglichkeit über die Thalia App ihren Lieblingsbuchhändlern zu folgen oder E-Books direkt vor Ort zu erwerben.
Aktuell testet Thalia zudem eine rund um die Uhr verfügbare Abholstation für Bestellungen, denn bereits heute werde jedes 5. online bestellte Buch in der Buchhandlung abgeholt – Tendenz steigend. "Wir als Buchhändler allein können die Innenstädte nicht beleben, aber die Menschen davon überzeugen, dass sich der Besuch bei uns lohnt." So investiere Thalia „massiv, um den Buchhandel im deutschsprachigen Raum flächendeckend zu erhalten“, sagt Busch und regt dazu mehr branchenübergreifende Kooperationen an. Mit der Tolino-Allianz habe das ja bereits bestens geklappt: Die Branche hat dem übermächtigen Onlinekonkurrenten Amazon und dessen E-Book-Reader Kindle die Stirn geboten.
Tolino: Gemeinsam gegen Amazon
Vor fünf Jahren brachten die deutschen Buchhandelsgrößen Club Bertelsmann, Hugendubel, Thalia und Weltbild gemeinsam mit der Deutschen Telekom den E-Book-Reader Tolino auf den Markt und stellten die Lesegeräte wie auch später die Tolino-Tablets für alle Buchhändler in Deutschland, Österreich und der Schweiz zur Verfügung.
Im März 2013 wurde der erste Tolino vorgestellt, dank einer Werbekampagne inklusive TV-Spots hatte er bereits zum Weihnachtsgeschäft im deutschsprachigen Raum einen Bekanntheitsgrad von 50 Prozent, wie Thalia-Chef Busch stolz berichtet. Inzwischen liegt der Marktanteil der deutschsprachigen Lesegerät-Branchenlösung bei rund 40 Prozent. Und so sind Kooperationen der Weg der Zukunft, ist Busch überzeugt. "Nur mit Allianzen und Vernetzungen können alle Branchenteilnehmer am Markt sinnvoll agieren und skalieren. Sonst hat jeder ein bisschen was gemacht und keiner hat es richtig gekonnt."
E-Book-Abo Skoobe
Daher habe Thalia erneut auf eine strategische Partnerschaft innerhalb der Buchbranche gesetzt und im Rahmen einer Kapitalerhöhung 50 Prozent des E-Book-Flatrate-Anbieters Skoobe erworben.
Somit ist der Buchhändler neben der Verlagsgruppe Random House, der Holtzbrinck Publishing Group und dem Medien-Dienstleister Arvato nun Mitgesellschafter. Thalia Kunden erhielten somit Zugang zu einem weiteren E-Book-Abonnement und es entstehe für die Branche eine attraktive Plattform für digitale Abo-Modelle, die auch anderen Tolino-Partnern offenstehe, wirbt Busch.
"Plattformen sind wichtig, damit neue Angebote in Schwung kommen. Große Player können dabei helfen, sie anzustoßen, aber dann ist es sinnvoll, sie der gesamten Branche zu öffnen", erläutert Busch.
Kampagne "Welt, bleib wach"
Auch bei der Werbung für das Lesen kann sich der Thalia-Chef gut vorstellen, gemeinsam als Branche aufzutreten. Im Rahmen der Neupositionierung der Marke Thalia hat der Buchhändler vor kurzem die Kampagne "Welt, bleib wach" gestartet.
Die aufmerksamkeitsstarken Motive mit beispielsweise Donald Trump sollen die Konsumenten ermutigen, das heutige Medienverhalten zu reflektieren. "Die Frage ist doch: Wer gewinnt beim Kunden? Das Buch, die Musik oder die Reise?", argumentiert Busch. "Wir wollen Menschen wieder für das Lesen begeistern, und zwar nicht alleine, sondern im Schulterschluss mit Verlagen, Autoren und Institutionen“, bekräftigt Busch. "Jeder Vierte liest überhaupt nicht mehr. Das wollen – und müssen – wir ändern." Die neue Kampagne solle laut und mutig sein: "Denn nur so können wir Menschen erreichen, aus deren Alltag das Lesen komplett verschwunden ist", ist Busch überzeugt.
Offen für gemeinsame Kampagnen
Und auch das funktioniere nur zusammen: "So möchten wir 'Welt, bleib wach' für die Branche öffnen und haben die Hoffnung, dass sich Börsenverein, Buchhändler und Verleger mit in unsere Kampagne für das Lesen einbringen." Die ersten Branchenkollegen hätten sich bereits gemeldet.Um Thalia zukunftsfit zu machen seien erhebliche Anstrengungen notwendig, räumt Busch abschließend ein.
"Der Umbau hin zu einer agileren und effizienteren Organisation, die zu hundert Prozent auf Kundenbedürfnisse ausgerichtet ist, kann man mit einem Marathon vergleichen. Wir haben die ersten Kilometer gut gemeistert. Aber jetzt müssen wir mit Ausdauer und klugem Einsatz von Ressourcen den nächsten Abschnitt bewältigen."
Redakteurin
Sybille Roemer kennt als Redakteurin der afz – allgemeine fleischer zeitung die Herausforderungen der Digitalisierung in Metzgerei und Einzelhandel. Der Autorin der Fachbücher "Praxisführer E-Commerce" und "Erfolgsfaktor Online-Handel" und Dozentin an der Philipps-Universität Marburg ist wichtig, stets die Kundenperspektive im Blick zu haben: Digitalisierung sollte kein Selbstzweck sein, sondern Vorteile für alle Beteiligten bringen.
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