
Das „Über-KI-reden-vs-KI-verstehen-Paradoxon”
Eine Auswertung von 1.224 Nachrichten aus meinem LinkedIn-Postfach zeigt: Der technische Fortschritt mit KI ist real — die Qualität der Kommunikation sinkt trotzdem. Warum das kein KI-Problem ist, sondern ein sehr menschliches. Und was E-Commerce-Entscheider daraus für ihre eigene Kundenkommunikation lernen sollten.
Dr. Christian MaaßManaging Director Tech & Data, Thomann Music- Erstens: Wenn neunzig Prozent der Kommunikation Lärm sind, dann ist Relevanz der wertvollste Rohstoff im Postfach. Worauf will ich hinaus? Wer KI nutzt, um besser zuzuhören statt lauter zu senden, der wird einen größeren Kommunikationserfolg haben als die, die nur auf den Sende-Button drücken. Dies setzt natürlich voraus, dass man entsprechende Auswertungen durchführen kann; allerdings stecken die meisten Unternehmen diesbezüglich noch im Zeitalter der Systemmodernisierung fest. Wenn das so sein sollte: Spätestens jetzt müssen sie ihre etwaigen technischen Schulden glatt ziehen, um auf die erforderliche Datenbasis zugreifen zu können.
- Zweitens: Stellen Sie vor jedem Roll-out die einfache Frage, ob die KI die Qualität Ihrer Botschaften erhöht oder nur deren Menge. Mehr Nachrichten, die niemanden interessieren, sind kein Fortschritt, sondern ein echter Reputationsverlust.
- Drittens: Klären Sie zuerst Zielgruppe, Botschaft und Mehrwert für den Kunden (Strategie), dann Prozess und Verantwortung (Organisation) und dann erst das Tool und die Datenbasis (Technik). Wer mit dem Tool beginnt, baut das Haus vom Dach her. Leider ist das im E-Commerce-Umfeld eine oft verbreitete Droge. Bereits vor 20 Jahren ging es auch beim so genannten Web 2.0 nur darum, wann man damit anfängt und weniger um das “warum eigentlich”.
Im Kern sollte das eigentlich normal sein. Ein Blick in meine Mailbox bestätigt das Gegenteil.
Fazit
Das eigentliche Paradoxon ist nicht, dass alle über KI reden. Es ist, dass viele das Reden über KI mit dem Verstehen von KI verwechseln. Die Technologie ist längst gut genug. Was fehlt, ist die Disziplin, sie richtig einzusetzen und Strategie, Organisation und Technik in Einklang zu bringen, damit etwas Gutes für den Kunden dabei herauskommt. Insofern: Erst synchronisieren, dann skalieren.

Managing Director Tech & Data, Thomann Music
Dr. Christian Maaß ist Geschäftsführer Tech & Data bei Thomann Music, dem weltgrößten Händler von Musikinstrumenten, Partner bei der Digitalberatung Etribes und Vorstand im Bundesverband E-Commerce & Versandhandel. Zuvor bekleidete er verschiedene Führungspositionen bei Unternehmen wie Bertelsmann, Otto und Vistaprint. Maaß studierte und promovierte in Oxford, Chicago, Paderborn und Hagen und ist Autor mehrerer Fachbücher zu den Themen E-Commerce und Online-Produktentwicklung.
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