Teil 1: Stablecoins – wo der Markt Ende August 2026 wirklich steht

Teil 1: Stablecoins – wo der Markt Ende August 2026 wirklich steht

Revolut hat mit EURR seinen Euro-Stablecoin gestartet, ein Bankenkonsortium aus 37 Häusern steht in den Startlöchern, und der digitale Euro rückt näher. Gleichzeitig ist der gesamte regulierte Euro-Stablecoin-Markt kleiner als der Jahresumsatz eines mittelgroßen Onlinehändlers. Teil 1 dieser Standortbestimmung sortiert Zahlen, Anbieter und Regulierung.

David WöllensteinDavid WöllensteinRedakteur
6 Min.
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Der Anlass: EURR ist da – in sehr kleinem Maßstab

Revolut hat am 26. August 2026 mit der Ausgabe von EURR begonnen. Der Start erfolgt nach Angaben von CoinDesk zunächst für ausgewählte Kundinnen und Kunden in Dänemark, Polen und Portugal. Eine Ausweitung auf weitere EWR-Märkte hat das Unternehmen für dieses Jahr angekündigt, vorbehaltlich operativer und regulatorischer Bereitschaft.

Emittent ist nicht Revolut, sondern die Bridge Building S.A. mit Sitz in Luxemburg – die europäische Gesellschaft des von Stripe übernommenen Infrastrukturanbieters Bridge, zugelassen als E-Geld-Institut. Der Token läuft demnach auf Ethereum und Polygon und ist zum Nennwert gegen Euro einlösbar. Die öffentliche Reserve-Seite von Bridge, die den Token als „Revolut Euro" führt, wies zum Zeitpunkt der CoinDesk-Veröffentlichung 374 EURR im Umlauf aus, hinterlegt mit 374 Euro Bareinlagen; auch einen Tag nach dem Start lag der ausgewiesene Umlauf im dreistelligen Bereich. Der Maßstab ist also, Stand jetzt, ein Pilot.

Zwei Punkte gehören zur Einordnung dazu:

Erstens der Ticker. EURR ist bereits vergeben. Der maltesische Emittent StablR gibt seit 2024 einen Euro-Stablecoin unter demselben Kürzel aus; CoinDesk beziffert dessen Marktkapitalisierung auf 6,4 Millionen US-Dollar. Zwei unterschiedliche Token mit identischem Ticker sind für Endkundinnen und -kunden eine Verwechslungsquelle – und für Händler, die Zahlungseingänge automatisiert verarbeiten wollen, ein Prüfpunkt bei der Adressvalidierung. Ob Revolut oder Bridge die Kollision adressieren, ist bislang nicht öffentlich kommuniziert.

Zweitens der Zusammenhang mit Tether. Revolut nimmt USDT für Kundinnen und Kunden im EWR und in der Schweiz zum 31. August 2026 vom Markt, weil Tether keine MiCA-Zulassung beantragt hat. Der Euro-Token füllt damit auch eine Lücke im eigenen Angebot.

Der Datenkern: 673,9 Millionen Dollar

Die belastbarste öffentlich verfügbare Bestandsaufnahme liefert der Euro Stablecoin Trends Report 2026 von Decta vom 5. Juli 2026. Der Zahlungsdienstleister hat alle euro-gebundenen Stablecoins über 52 Wochen zwischen dem 30. Juni 2025 und dem 28. Juni 2026 erfasst und dabei acht Token identifiziert, die MiCA-konform, aktiv emittiert und handelbar waren. Alle Werte sind, wie im Report ausgewiesen, in US-Dollar angegeben.

Die zentralen Befunde:

  • Die Marktkapitalisierung aller acht Token stieg demnach von 295,6 auf 673,9 Millionen US-Dollar – ein Plus von 128,0 Prozent. Den Höchststand von 704,9 Millionen erreichte der Markt in der Woche des 8. Juni 2026.
  • Marktführer bleibt EURC von Circle mit 430,4 Millionen US-Dollar zum Jahresende, ein Zuwachs von 109,8 Prozent.
  • Auf Platz zwei folgt EURCV der Société-Générale-Tochter SG-Forge mit 137,8 Millionen und der höchsten Wachstumsrate im Feld (180,6 Prozent); die Produktseite des Emittenten wies zum 27. August 2026 einen Umlauf von 145,3 Millionen Euro aus.
  • Dritter ist EURI von Banking Circle mit 51,1 Millionen – ein Token, der zu Jahresbeginn noch keine Marktkapitalisierung auswies.
  • Das aggregierte durchschnittliche Tageshandelsvolumen aller acht Token stieg von 47,0 auf 67,3 Millionen US-Dollar.

Der Report hält außerdem fest, was aus dem Feld verschwunden ist: Tethers EURT wurde eingestellt, Stasis' EURS steht nicht im ESMA-Register für E-Geld-Token, dezentrale oder algorithmische Konstruktionen wie EURA, cEUR oder sEUR können die MiCA-Anforderung eines lizenzierten Emittenten mit 1:1-Fiat-Deckung strukturell nicht erfüllen. Der regulierte Markt ist also nicht nur gewachsen, er ist auch bereinigt worden.

Die Größenordnung im Verhältnis: Der gesamte Stablecoin-Markt liegt laut CoinDesk bei über 300 Milliarden US-Dollar. Euro-gebundene Token machen davon nach DeFiLlama-Daten weniger als 800 Millionen aus – rund ein Viertel Prozent. Wer über Stablecoins im europäischen Zahlungsverkehr spricht, spricht bis auf Weiteres über einen Dollar-Markt mit einer Euro-Nische am Rand.

Der regulatorische Stand

Die MiCA-Übergangsfrist ist am 30. Juni 2026 ausgelaufen; seit dem 1. Juli 2026 gilt die Zulassungspflicht uneingeschränkt. Die ESMA hat in einer öffentlichen Erklärung vom 23. Juni 2026 nicht zugelassene Anbieter zum geordneten Rückzug aufgefordert, ihnen die Aufnahme neuer Kunden untersagt und koordinierte Maßnahmen der nationalen Aufsichtsbehörden angekündigt. Euro-Stablecoins gelten unter MiCA (Verordnung (EU) 2023/1114) als E-Geld-Token: Der Emittent braucht eine E-Geld- oder Banklizenz, die Deckung muss vollständig in Fiat vorliegen, der Token muss im ESMA-Register geführt sein.

Was MiCA nicht regelt. Die Verordnung schreibt Reserven, monatliche Nachweise und Rücktauschrechte vor. Sie schreibt keine Anforderungen an die Schlüsselverwaltung der Emittenten vor. Wie relevant diese Lücke ist, zeigte der Fall StablR: Am 24. Mai 2026 wurde nach Darstellung von CCN über einen kompromittierten Schlüssel in einem 1-aus-3-Multisig-Setup unbesicherte Token geprägt – 4,5 Millionen EURR und 8,35 Millionen USDR. Der Angreifer verkaufte sie über dezentrale Börsen und realisierte demnach rund 2,8 Millionen US-Dollar. EURR verlor zeitweise 23 Prozent gegenüber seiner Bindung. Der Emittent war MFSA-lizenziert, MiCA-konform und veröffentlichte monatliche Reservenachweise.

Anmerkung der Redaktion: Der Fall belegt nicht, dass MiCA-konforme Token unsicher sind – er belegt, dass „reguliert" eine aufsichtsrechtliche Kategorie ist und keine Aussage über die operative Sicherheit des Emittenten trifft. Für die Anbieterauswahl ist das ein eigener Prüfpunkt.

Die Gegenstimme: die EZB

Die Europäische Zentralbank argumentiert seit Längerem gegen eine breite Stablecoin-Nutzung im Euroraum. In ihrem Finanzstabilitätsbericht warnte sie im November 2025, ein deutliches Wachstum könne Privatkundeneinlagen aus den Banken abziehen und deren Refinanzierung schwankungsanfälliger machen. Als Hauptrisiko benannte sie einen Ansturm auf große Stablecoins mit Rückwirkung auf den US-Staatsanleihemarkt (Paywall).

Ein EZB-Arbeitspapier vom März 2026 untersucht denselben Mechanismus formal und kommt zu dem Ergebnis, dass eine Verbreitung von Stablecoins die geldpolitische Transmission schwächen und die Kreditvergabe an die Realwirtschaft dämpfen könne. Arbeitspapiere geben die Auffassung der Autoren wieder, nicht die offizielle Position der EZB – die Stoßrichtung deckt sich jedoch mit den Aussagen des Direktoriums.

Dass diese Position nicht interessenfrei ist, gehört zur Einordnung: Die EZB betreibt mit dem digitalen Euro ein konkurrierendes Vorhaben. Nach dem aktuellen Zeitplan wäre eine erste Ausgabe frühestens 2029 möglich – vorausgesetzt, die Verordnung wird 2026 verabschiedet. Eine zwölfmonatige Pilotphase ist für die zweite Jahreshälfte 2027 vorgesehen.

Wer als Nächstes an den Start geht

Der Wettbewerb um den regulierten Euro-Token ist in Bewegung. Das Bankenkonsortium Qivalis – ein Gemeinschaftsunternehmen, das im September 2025 mit neun europäischen Banken startete und nach Angaben von ING im Mai 2026 auf 37 Banken aus 15 Ländern angewachsen ist – strebt eine Zulassung als E-Geld-Institut bei der niederländischen Zentralbank an und plant den Start für die zweite Jahreshälfte 2026, vorbehaltlich der Genehmigung. Ob dieser Termin hält, ist offen; die Zulassung lag zum Redaktionsschluss nicht vor.

Damit stehen für den Euro-Raum drei Konstruktionen nebeneinander: der Fintech-Token mit Massen-App im Rücken, der Bankenverbund und das Zentralbankprojekt. Welche davon im Handel ankommt, entscheidet sich nicht an der Emittentenstruktur, sondern an der Rechnung im Checkout.

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David Wöllenstein
RedaktionDavid Wöllenstein

Redakteur

David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.

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