
Fachhandel kämpft gegen Beratungsklau
Im Laden informieren, im Netz kaufen. Beratungsklau ist für stationäre Händler ein Ärgernis. Doch ein Rezept dagegen haben bislang nur Wenige gefunden. Tipps nur noch gegen Bares - ist das die Lösung?
Björn BöerChefredakteurDer Fachhandel steht vor einem ungelösten Problem
Wie am besten damit umzugehen ist, darüber rätselt die Branche. Auch Kai Hudetz vom Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) kennt die Problematik. Doch er weißt auch auf Veränderungen hin. "Das Problem des Beratungsklaus hat sich in den vergangenen Jahren erheblich reduziert", meint er. Hatten sich 2011 die Verbraucher noch bei mehr als einem Viertel der Internet-Einkäufe im stationären Handel Informationen beschafft, so sei dies inzwischen nur noch bei gut jedem zehnten Internet-Einkauf der Fall.
Doch ein Grund für Entwarnung sei das nicht - im Gegenteil. "Der Rückgang ist letztlich darauf zurückzuführen, dass die Verbraucher heute mehr Vertrauen zu den Online-Händlern haben", sagt Hudetz. Früher hätten die Kunden die Produkte erst noch sehen und anfassen wollen, bevor sie online bestellten. "Aber inzwischen haben Zalando, Amazon und Co. gezeigt, dass das gar nicht nötig ist. Den man kann die bestellte Ware ja einfach zurückschicken, wenn sie nicht gefällt."
Dass aber sei für die Ladengeschäfte auf Dauer eigentlich noch schlimmer als der Beratungsklau. "Viele Kunden kommen gar nicht mehr in den Laden - nicht einmal zum Schauen", beschreibt Hudetz die Gefahr. In den USA habe sich in den vergangenen vier Jahren die Besucherfrequenz vieler Geschäfte im Vorweihnachtsgeschäft halbiert. Und auch in Deutschland klagten inzwischen immer mehr Geschäfte über sinkende Kundenzahlen.
Das Internet als Fluch und Segen
Doch das Internet ist für den stationären Handel nicht nur Fluch, sondern auch Segen. Etwa ein Drittel der Käufer in den Läden hätten ihre Einkaufstouren zuvor im Internet vorbereitet, betont Kai Falk vom Handelsverband Deutschland. Und Hudetz schlägt in dieselbe Kerbe, wenn er sagt: "Jede Menge Leute informieren sich im Amazon-Shop und kaufen dann doch im Laden."
Für die betroffenen Fachgeschäfte ist dies allerdings kaum ein Trost, wenn wieder einmal ein Kunde von ihrem Know-how profitieren, dafür aber nicht zahlen will. Einen eigenen Weg im Umfang mit den unberechenbaren Kunden geht deshalb inzwischen der Münchner Fotohändler Stefan Wilhelm. In seinem Geschäft am Münchner Marienplatz verlangt er für die Beratung bares Geld von den Kunden, um den Schnäppchenjägern nicht hilflos ausgeliefert zu sein.
Je nach Umfang kostet eine Beratung zwischen 5 und 25 Euro. Wer bei Wilhelm dann tatsächlich etwas kauft, bekommt das Geld natürlich zurück. Der Schritt sei riskant gewesen. Und er sei wohl nicht unbedingt ein Patentrezept für andere Händler, meint Wilhelm. Doch am Marienplatz habe er sich ausgezahlt: "Die Leute kommen und zahlen freiwillig - ohne Muh und Mäh."
Erich Reimann, dpa

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
Alle Beiträge