
"Gedopter Aufschwung": Wirtschaft warnt vor Euphorie
Noch heben die Volkswirte ihre Prognosen an. Allerdings gibt es Anzeichen, dass der Aufschwung in Deutschland nicht von Dauer sein könnte.
Björn BöerChefredakteurDer niedrige Euro im Vergleich zum US-Dollar, der Exporte außerhalb des Euroraums günstiger macht, habe einen Wachstumsschub von etwa einem Prozent gebracht. Der Verfall des Ölpreises - der inzwischen wieder anzieht - habe für ein Plus von geschätzt 0,7 Prozent gesorgt. Dazu trieben die Mini-Zinsen die Bau- und Immobilienwirtschaft an.
Rückfall in "Dümpel-Konjunktur" nicht ausgeschlossen
Im Kern sei die deutsche Wirtschaft gar nicht so wettbewerbsfähig aufgestellt wie es derzeit den Anschein habe, mahnte Wansleben. Der Aufschwung werde in erster Linie von den konsumfreudigen Verbrauchern getragen, die wegen höherer Löhne und sicherer Jobs reichlich Geld ausgeben. Ein Rückfall in eine "Dümpel-Konjunktur" mit einem Wachstum unter 0,5 Prozent sei für die Zukunft keineswegs ausgeschlossen: "Zu jedem Hoch gibt's irgendwann auch mal ein Ab. Dann reiben wir uns die Augen."
Auch die große Koalition müsse aufwachen. Wahlgeschenke wie Rentenpaket und Mindestlohn, der im Osten im Niedriglohnbereich seine Spuren hinterlasse, dürften sich nicht wiederholen: "Koste es, was es wolle, geht nicht mehr." Weil die Arbeitskosten stiegen, würden wieder mehr Firmen im Ausland investieren: "Der heimische Standort verliert an Attraktivität." So wird zwar vom DIHK im laufenden Jahr ein Beschäftigungsplus von 250.000 Stellen erwartet - angesichts des kräftigen Wachstum sei das aber ein "bisschen enttäuschend", sagte Chefvolkswirt Alexander Schumann.
Unternehmen gleichwohl optimistisch
Für die kommenden Monate sind die Unternehmen dennoch optimistischer als noch zu Jahresbeginn, wie eine DIHK-Umfrage unter mehr als 23 000 Firmen ergab. Die Firmen wollen mehr investieren und einstellen. An frühere Spitzenwerte reichen die Geschäftserwartungen aber nicht heran.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) erwartet für das zweite Quartal 2015 einen Wachstumsschub. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte imim Vergleich zu Januar bis März um 0,5 Prozent steigen nach 0,3 Prozent im Vorquartal, heißt es im DIW-Konjunkturbarometer. Die Erholung des Euroraums und die höhere Wettbewerbsfähigkeit dank des schwachen Euros dürften der Exportindustrie Impulse verleihen.

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
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