
Wie KI die Verschwendung von Lebensmitteln im Handel verringern kann
Keine reine Zukunftsmusik mehr: KI-gestützte Systeme, bei denen künstliche Intelligenz erkennt, wann ein vom Haltbarkeitsdatum kritisches Produkt abläuft, um es dann mit einem Preisvorteil zügiger abzuverkaufen. In einem Gastbeitrag für Etailment wirft Matthias Guffler, Partner in der Strategieberatung EY-Parthenon, einen genaueren Blick auf die Möglichkeiten, mit Hilfe von KI Lebensmittelverschwendung zu vermindern.
"Traditionelle" AI
Dem Handel stehen zwei grundsätzliche AI-Instrumente für die Optimierung von Einsteuerung und Abverkauf von Lebensmitteln zur Verfügung: AI und Generative AI (GenAI). “Traditionelle“ AI löst spezifische Aufgaben, basierend auf klar strukturierten Regeln und Daten. Sie unterstützt den Handel beispielsweise dabei, die Nachfrage und Zahlungsbereitschaft der Konsumenten besser vorherzusagen und wirtschaftlichere Entscheidungen zu treffen.AI-basierte Standardsoftware ist bereits verfügbar und wird beim Pricing oder in der Mengensteuerung genutzt: Wie viele Becher Vanillejoghurt 200g der Marke XY werden am kommenden Montag abverkauft, wie viele nächsten oder übernächsten Montag? Welchen Einfluss hat die Werbeaktion des Wettbewerbs? Wie hoch ist der Einfluss des vorhergesagten Regenwetters auf den Absatz von Grillfleisch am kommenden Wochenende? Um wie viel Prozent müssen zehn Kirschjoghurts im Preis gesenkt werden, damit diese bis zum Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums in zwei Tagen abverkauft werden? Welche Preissenkung ist margenoptimal, welche reduziert den Bestand auf null und eliminiert die Lebensmittelverschwendung?
Hier kann AI die Lebensmittelverschwendung deutlich weiter reduzieren und bis zu 10% EBITDA zusätzlich für das Handelsunternehmen sichern. Allerdings ist gerade bei verderblicher Ware noch viel Verbesserungspotenzial bei den oft noch händischen Prozessen vorhanden.
Generative AI: Die nächste Stufe der künstlichen Intelligenz
Die nächste Stufe der künstlichen Intelligenz, GenAI, ist nicht nur in der Lage, vollkommen neue Inhalte wie Texte und Bilder zu erstellen, sondern kann auch bei der Vermeidung von Lebensmittelverschwendung helfen. Generell sind die Möglichkeiten schier endlos und der derzeitige Hype darum auch.Viele Handelsunternehmen experimentieren bereits mit ersten Piloten, etwa bei skalierbareren Kundeninteraktionen wie der Call-Center-Beratung und der Automatisierung von Unterstützungsprozessen. Anstelle eines „dummen“ Chat-Bots, der aufwendig auf jede Frage-Antwort-Kombination programmiert werden muss und Kunden mit seinen begrenzten Einsatzmöglichkeiten häufig verärgert, tritt nun echte, menschenähnliche Kommunikation mit der „intelligenten“ GenAI, in Chatform.
Noch natürlicher ist die Interaktion in Form von gesprochener Sprache (Voice) – die Kundin fragt, der Bot antwortet. Menschliche Mitarbeiter kümmern sich dann um die komplexeren Fälle im sogenannten Second-Level-Support.
Ein weiteres Einsatzfeld ist die Unterstützung kurzfristiger Abverkaufsaktionen für verderbliche Lebensmittel, inklusive der Erstellung SEO/SEA-optimierter Texte. Beispielsweise können GenAI-Modelle an heißen Sommertagen erste kreative Bild- und Videovorschläge für Eiscremewerbung in den Sozialen Plattformen erstellen. Die Mitarbeiter werden erheblich entlastet und können sich auf andere Aufgaben konzentrieren. Schon im ersten Schritt sind dabei bis zu 30% Kostenreduktion möglich.
Rezeptideen aus der App
Auch für Konsumenten sind bereits erste GenAI-Anwendungen in der Entwicklung. So kann GenAI beispielsweise per Bilderkennung mit dem Handy erkennen, welche Lebensmittel im Kühlschrank lagern, und passende Rezeptideen liefern. Aus alternden Zucchini, Paprika, Tomaten und Auberginen wird so ein leckeres Ratatouille. Händler, die Teil eines solchen App-Ökosystems werden, können deutlich davon profitieren, wenn über die Apps beispielsweise zusätzliche Zutaten geordert und per Instant-Delivery ausgeliefert werden können.
AI und GenAI bieten Händlern also nicht nur die Möglichkeit, Verschwendung zu reduzieren und dadurch Kosten zu senken, sondern auch umfassende Chancen, die Umsätze zu erhöhen. Und da die Systeme noch nicht alle fertig zur Verfügung stehen, gilt umso mehr: Die Zeit zum Handeln ist jetzt.
Gastautor
Dr. Matthias Guffler ist Partner der Strategieberatung EY-Parthenon. Er unterstützt seit mehr als 15 Jahren Unternehmen im Handels- und Konsumgüterbereich mit Schwerpunkt auf Strategy & Data-Science-Transformationen.
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