
Online-Handel unter Zugzwang: Fehlende Barrierefreiheit kostet Kundschaft und Umsatz
Sechs Monate nach Inkrafttreten des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes zeigt sich: Deutsche Online-Shops hinken bei der digitalen Zugänglichkeit hinterher. Jan Stedul vom Anbieter für digitale Barrierefreiheit AccessiWay analysiert, welche wirtschaftlichen Folgen das für den E-Commerce hat und welche konkreten Schritte Händler jetzt gehen müssen, um Kunden zu halten und Umsätze zu sichern.
Jan StedulManaging Director AccessiWay GermanyLaut der Analyse weisen deutsche Websites im Durchschnitt 2,9 Barrieren pro Seite auf. Das sind mehr als in jedem anderen untersuchten Land. Fast die Hälfte aller festgestellten Verstöße entfällt dabei auf die Branchen Retail und Fashion. Während in Ländern wie Frankreich und Österreich bereits rechtliche Schritte gegen Unternehmen eingeleitet wurden, dürfte auch in Deutschland der Druck weiter steigen. In Magdeburg befindet sich die Marktüberwachungsstelle der Länder für die Barrierefreiheit von Produkten und Dienstleistungen im Aufbau.
Barrieren führen zu Kaufabbrüchen und Umsatzverlusten
Noch gravierender als mögliche Bußgelder von bis zu 100.000 Euro sind die wirtschaftlichen Folgen digitaler Barrieren. Eine europaweite Konsumentenbefragung von AccessiWay kommt zu dem Ergebnis: Rund 73 Prozent der befragten Europäer stoßen nach eigenen Angaben regelmäßig auf Barrieren bei der Nutzung von Websites, Apps oder digitalen Inhalten. 68,4 Prozent gaben an, bereits mindestens einen digitalen Prozess wie einen Kauf oder eine Buchung abgebrochen zu haben, weil Angebote nicht verständlich oder bedienbar waren.
Besonders hoch sind die Abbruchquoten laut Umfrage in Italien (84 Prozent), Deutschland (80,7 Prozent) und Österreich (78,6 Prozent). Die häufigsten Stolperfallen: aufdringliche Pop-ups, mangelhafte Lesbarkeit und unklare Seitenstrukturen. Aus Steduls Sicht bedeutet das für den Online-Handel: Jeder unzugängliche Kontaktpunkt kann zum Abbruch führen, mit möglichen Auswirkungen auf Conversion und Umsatz.
Jüngere Nutzer brechen besonders häufig ab
Ein Blick auf die jüngeren Altersgruppen in der Befragung ergibt: Entgegen der verbreiteten Annahme betrifft mangelnde Barrierefreiheit keineswegs nur ältere Personen oder Menschen mit Behinderungen. Gerade die Generation Z und junge Millennials reagieren besonders sensibel auf schlechte digitale Nutzungserlebnisse. In Deutschland gaben knapp 80 Prozent der jungen Nutzer an, digitale Vorgänge aufgrund von Barrieren abgebrochen zu haben. Europaweit zeigt die junge Generation in der Umfrage die geringste Toleranz für schlechte Usability.
Sechs Monate nach Inkrafttreten des BFSG geht es nicht mehr um den Einstieg, sondern um konsequente Umsetzung. Konkrete Verbesserungen entlang der Customer Journey lassen sich bereits mit folgenden Maßnahmen erzielen:
Klare Seitenstrukturen: Übersichtliche Strukturen, logisch aufgebaute Überschriften und eine konsistente Navigation ermöglichen schnelle Orientierung auf allen Endgeräten.
Ausreichende Farbkontraste: Texte, Buttons und Bedienelemente müssen sich deutlich und kontrastreich vom Hintergrund abheben, damit sie gut lesbar und eindeutig erkennbar sind.
Bilder und Videos zugänglich machen: Alternativtexte für Bilder und Untertitel für Videos stellen sicher, dass Inhalte für alle Nutzer verständlich bleiben.
Bedienbarkeit ohne Maus: Alle Funktionen müssen vollständig per Tastatur- und Sprachsteuerung bedienbar sein.
Verständliche Inhalte: Einfache Sprache, klare Feldbeschriftungen und verständliche Rückmeldungen verbessern die Nutzbarkeit und reduzieren Frustration.
Barrierefreiheit erfordert kontinuierliche Prüfung
Digitale Barrierefreiheit lässt sich jedoch nicht einmalig abhaken. Websites und Shops verändern sich kontinuierlich und mit jeder neuen Anpassung können neue Barrieren entstehen. Deshalb muss Barrierefreiheit als dauerhafter Prozess verstanden werden, vergleichbar mit Datenschutz oder IT-Sicherheit. Regelmäßige Prüfungen, klare Zuständigkeiten und geschulte Teams sind dafür entscheidend.
Fazit: Barrierefreiheit wird zum Wettbewerbsfaktor
Sechs Monate BFSG zeigen deutlich: Digitale Barrierefreiheit ist weder Kür noch Zukunftsthema. Sie ist Pflicht, Wettbewerbsfaktor und wirtschaftlicher Hebel zugleich. Der regulatorische Rahmen steht. Die Konsequenzen sind absehbar. Entscheidend ist, wie der Handel jetzt reagiert. Meine Einschätzung: Wer Barrieren abbaut, reduziert Reibung. Wer Reibung reduziert, hält Kunden im Prozess. Und wer Zugänglichkeit ernst nimmt, stärkt seine Position im Markt. Digitale Barrierefreiheit ist kein Verzicht – sie ist ein Gewinn. Für Nutzer, Marken und den Handel insgesamt.

Managing Director AccessiWay Germany
Jan Stedul ist Managing Director von AccessiWay Germany, einem europäischen Anbieter für digitale Barrierefreiheit. Er leitet den Aufbau der deutschen Niederlassung und verantwortet die Geschäftsentwicklung in weiteren europäischen Märkten wie Dänemark, dem Vereinigten Königreich, Irland und den Niederlanden.
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