
Amazon Echo & Alexa: Die nächste Revolution beginnt jetzt
„Was steht auf dem Grabstein einer Putzfrau?“ „Sie kehrt nicht wieder“. Das ist die humoristische Fallhöhe, die man von den Witzen von Amazon Echo derzeit erwarten kann. Doch das Lachen könnte all jenen schnell vergehen, die die sprechende Dose unterschätzen. Es wäre nicht der erste folgenschwere Irrtum der jüngeren digitalen Geschichte.
Als 2007 das erste iPhone auf den Markt kam, da hielt es mancher für einen teuren Hype und nicht für den wohl wichtigsten Baustein der mobilen Revolution. Ähnlich geht es heute den digitalen Assistenten wie Google Home und Amazon Echo samt Software Alexa: Viel Häme und noch mehr mangelnde Vorstellungskraft über die Folgen. Ein kapitaler Fehler, weil die nächste Revolution verschlafen wird.
Schlechte Witze, aber folgenschwere Technik
„Was steht auf dem Grabstein einer Putzfrau?“ „Sie kehrt nicht wieder“. Das ist die humoristische Fallhöhe, die man von den Witzen von Amazon Echo derzeit erwarten kann.
Vielleicht hätte Amazon das besser lassen sollen. Sonst würden auch geschätzte Digital-Experten die Software Alexa vielleicht nicht „ziemlich doof“ finden.
Das stimmt natürlich ein bisschen. Echo und die Software Alexa sind zuweilen noch so bockig wie ein Kleinkind und häufig intelligent wie eine Cola-Dose.
Allzu viel, und der Kollege Frank Puscher beschreibt das in der Absatzwirtschaft amüsant, kann gerade die deutsche Dose des digitalen Assistenten noch nicht. Doch wer die Zukunft nach der Gegenwart beurteilt, der macht einen kapitalen Fehler und verpasst die vielleicht wichtigste Revolution seit dem ersten iPhone.
Dabei müssen wir nur die Meldungen dieser Tage ein wenig weiter denken, um zu erkennen, dass die digitalen Sprachassistenten und vor allem ihre Software unseren Alltag und damit auch den Handel so etwa ab 2020 derart massiv verändern werden, wie es zuletzt das Smartphone getan hat.
Alexa ist bald überall
Ein paar aktuelle Beispiele:
Bei Ford werden die Autos alsbald Alexa an Bord haben. Dann lässt sich das Entertainment-System per Sprache steuern und der Wagen in der Garage per Sprachbefehl vorwärmen. Umgekehrt lassen sich vom Auto aus vernetzte Geräte im Haus ansteuern.
In Deutschland ist BMW der erste Automobilhersteller, der mittels Alexa die Steuerung von Fahrzeugfunktionen von zu Hause per Sprachsteuerung ermöglicht. Natürlich dirigiert uns Alexa auch zur nächsten Pizzeria oder zum Shopping-Center.
Whirlpool, Hersteller von Küchengeräten, Waschmaschinen und Co, will die derzeit noch semi-schlaue Sprach-Software Alexa von Amazon in seine Elektrogeräte einbauen. Dann kann man den Herd fragen, wann die Nudeln al dente sind – oder den Kühlschrank um Rezepte bitten, so wie das Microsoft heute schon in seinem Innovationslabor in Seattle mit der Software Cortana vorführt.
Auch LG baut einen Kühlschrank mit dem man via Alexa kommunizieren kann. Er kann auch einkaufen und seinen Inhalt via Alexa mitteilen.
Samsung schickt einen Staubsauger ins Rennen, der aufs Wort gehorcht.
Amazon selbst bringt zusammen mit Herstellern den ersten Fire-TV-Fernseher mit Alexa-Unterstützung auf den Markt und der chinesische Smartphone-Hersteller Huawei baut Alexa in seine Taschentelefone ein.
Anders gesagt: Alexa ist bald überall.Die digitalen Assistenten lernen täglich dazu
Das bedeutet zweierlei:
- Wir werden uns schnell daran gewöhnen, dass wir digitale Geräte sinnvoll per Sprache steuern können.
- Je mehr Nutzungssituationen für die Sprachsteuerung existieren, desto mehr Programme werden Entwickler für die digitalen Assistenten entwickeln, die tatsächlich sinnvolle Aufgaben auf intelligente Art lösen.
Schon jetzt hat sich die Zahl der Mini-Programme (Skills) für Alexa verzigfacht. Mike George, Vice President für Echo und Co, spricht von inzwischen über 7000 Skills, die externe Entwickler umgesetzt haben. Derlei Skills helfen dann dabei, seine Pizza per Sprache zu bestellen, Rezepte zu finden, Bundesliga-Ergebnisse abzurufen, das TV-Programm oder Börsenkurse abzufragen.
Und immer und überall sammelt Alexa dabei Daten. Über Wünsche, Ziele, Vorlieben Verhaltensweisen und Pläne - und lernt mit jeder Eingabe mehr dazu.
Das neue Betriebssystem des Alltags
Amazon päppelt damit sein Öko-System zu einer Super-Intelligenz auf und macht zugleich auch Alexa immer schlauer, das damit zu einem tatsächlich bequemen Alltagshelfer heranwächst.
Alexa hat damit das Zeug, zum neuen Windows, zum neuen Betriebssystem der vernetzten Welt zu werden.
Ben Thompson, einer der vielleicht analytischten Köpfe der digitalen Welt, schreibt dazu:
“Amazon is building the operating system of the home — its name is Alexa — and it has all of the qualities of an operating system you might expect: All kinds of hardware manufacturers are lining up to build Alexa-enabled devices, and will inevitably compete with each other to improve quality and lower prices.Even more devices and appliances are plugging into Alexa’s easy-to-use and flexible framework, creating the conditions for a moat: appliances are a lot more expensive than software, and lot longer lasting, which means everyone who buys something that works with Alexa is much less likely to switch.
Amazon, meanwhile, doesn’t need to make a dime on Alexa, at least not directly: the vast majority of purchases are initiated at home; today that may mean creating a shopping list, but in the future it will mean ordering things for delivery, and for Prime customers the future is already here. Alexa just makes it that much easier, furthering Amazon’s goal of being the logistics provider — and tax collector — for basically everyone and everything."
Natürlich passiert all das nicht heute. Und ebenso wie man nicht unbedingt jetzt schon ein Amazon Echo daheim haben muss, das noch kaum mehr als ein unterhaltsames Küchenradio ist, so muss man auch heute noch keine eigenen Shopping-Skills entwickeln, damit der Kunde sein Katzenfutter via Echo kaufen kann.
Nimmt man aber die Entwicklung beim iPhone und im Mobile-Markt als Richtschnur, dann wird sich spätestens mit der 3. Generation der Geräte (zumal Anbieter wie Lenovo eigene Modelle angekündigt haben) ein auch für den Handel alltagstauglicher und relevanter Markt etabliert haben.
Dabei spielt auch noch ein anderer Faktor eine Rolle: Nämlich die externen und freien Entwickler, die dort tüfteln, wo sie gute und neue Geschäfte wittern. Das hat einst auch die Entwicklung des Mobil-Segments mit seinen Legionen an Apps beschleunigt.
Da kommt nun Alexa, angesichts des abflauenden App-Marktes gerade recht. Wo aber die Entwickler sind, da entwickelt sich die Zukunft. Rasant. Und vermutlich weit fundamentaler, als wir uns das heute selbst für 2020 vorstellen können.
Denken Sie nur einmal daran, was Sie mit dem ersten iPhone alles noch nicht getan haben - aber heute wie selbstverständlich erledigen.
Dazu eine kleine Hilfestellung, über die Dinge, die es in dem Jahr VOR dem ersten iPhone noch nicht gab:
Chefredakteur
Olaf Kolbrück, 48, war lange Jahre Reporter Internet und E-Business bei Horizont. Seine Karriere bei Horizont, Fachmagazin für Marketing und Medien, startete er 2000 als Redakteur für Marketing, Web 2.0 und E-Commerce. Daneben gründete er den renommierten Marketing-Blog Off-the-Record.de und zählt zu den profiliertesten Bloggern für digitale Werbung und Marketing. Im Juli 2013 erschien sein Fachbuch "Erfolgsfaktor Online-Marketing - So werben Sie erfolgreich im Netz / E-Mail, Social Media, Mobile & Co. richtig nutzen" (Deutscher Fachverlag, Frankfurt). Anschließend ist von ihm der Kurzgeschichten-Band "Gebete an die Cloud - 5 phantastische digitale Geschichten" erschienen. (Printversion) 2009 gewann er den Innovationspreis des Deutschen Fachverlags. 2011 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Zu seiner früheren redaktionellen Tätigkeit zählen Positionen bei der Handelsgruppe Rewe in Köln und bei der Neue-Rhein-Zeitung. Nebenbei schreibt er Krimis. Sie finden den Autor bei Twitter unter dem Namen @OlafKolbrueck oder auch auf Facebook sowie bei Google+. Kolbrück bloggt auch noch hier. Mehr über Olaf Kolbrück als Autor gibt es auf kolbrueck.de.
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