
Warum wir uns in Verlagen und Sendern getäuscht haben (E-Commerce-Studie)
Als Verleger Hubert Burda auf seinem eigenen Digital-Kongress DLD 2009 den legendären Satz von den "Lousy Pennies on the Web" prägte, da war der Verlag zwar längst an Zooplus beteiligt, doch das galt noch als exotisches Hobby. Wer an E-Commerce und Medien dachte, der bewegte sich eher in der Kategorie "Bratpfanne zum Rezeptheft" oder dachte an Contentportale. Inzwischen bewegen Medienmanager jedwede Ware, die nur irgendwie auf eine Euro-Palette passt, beteiligen sich an Start-ups und sind ein...
Doch letztlich geht es im Onlinehandel auch nur um Touchpoints, Prozesse, Vertriebswege, die richtige Kalkulation und Reichweite. Und da können gerade Verlage mit einer geschickten Clusterbildung und der Ansprache ähnlicher Zielgruppen wie die Printtitel Vorteile generieren.
Über 100 Beteiligungen im E-Commerce
Online-Shops und Marktplätze bilden denn auch mit über 100 Beteiligungen das mit Abstand größte Format alle digitaler nicht-markenbezogenen Online-Beteiligungen (376) von klassischen Medienunternehmen.
Mit 16 Zugängen bei den E-Commerce Shops und 13 bei den Marktplätzen haben die Medienunternehmen ihre Beteiligungen in diesen Bereichen erneut erweitert, registriert OC&C Strategy Consultants in der Studie „Neues Kerngeschäft“. Digital wird dabei mehr und mehr zum Kerngeschäft: Hubert Burda und Axel Springer verdienen fast 50% bzw. 40% ihres Gesamtumsatzes im ehemals nur ergänzenden Geschäftsfeld.
Gleichzeitig investieren die Medien massiv in Start-ups und Inkubatoren. Axel Springer ist gerade erst mit 30 Millionen Euro beim "Otto-Inkubator" Project A eingestiegen.
Profit und Themennähe
Das Interesse an der Gründerszene liegt aber nicht allein daran, dass die Verlage und Sender nun ihr Umsatzheil vollends im E-Commerce und neuen digitalen Welten suchen oder schlicht Wissen tanken wollen.
Es hängt auch damit zusammen, dass sie so eine neue Generation möglicher Anzeigenkunden aufziehen und sich zum Freund machen. Gemeinsame Geschäfte verbinden. So schaut Epic Companies, der Inkubator von ProSiebenSat.1, bei seiner Bewertung von Start-ups eben nicht nur auf die mögliche Profitabilität, sondern auch auf "Strong benefits from TV media", "Close fit with P7S1 audience" und "Compatibility with SevenOne Media".
Kundengruppenfokussierter E-Commerce
Neu eingestiegen ist der Condé Nast Verlag, der sich E-Commerce-Angebote verschrieben hat und beim Luxus-Online-Juwelier Renesim.com, den Online-Marktplatz für Designerkleidung Farfetch.com und den Online-Shop für Design und Interieur Monoqi.com investierte. Auch Gruner + Jahr hat erstmals signifikant im Bereich E-Commerce investiert: Mit Delinero.de ( Lebensmittel) und tausendkind.de (Kinderbedarf) wurden E-Commerce-nahe Beteiligungen mit hohem Bezug zu den „Communities of Interest“ des Verlags erworben. etailment berichtete im Newsletter.
Solch ein Themen- und Kundengruppenfokussierter E-Commerce, der zu den Titeln des Hauses passt, macht in einem ersten Schritt Sinn. Laut OC&C wollen Condé Nast und Gruner + Jahr entlang dieser Marschroute auch weiter voran gehen. Man sollte sich aber nicht darauf verlassen, dass es dabei bleibt, wenn sich weiteres Knowhow rund um den E-Commerce angesammelt hat.
Denn die Verlage und TV-Sender schauen nicht nur immer gezielter nach neuen Beteiligungen, sondern bewegen sich mit ihren Investments auch mehr und mehr Richtung Profitabilität. Das macht Lust auf mehr. Und das wird vor allem für den stationären Handel und klassischen Direktversender noch zum Problem.
Chefredakteur
Olaf Kolbrück, 48, war lange Jahre Reporter Internet und E-Business bei Horizont. Seine Karriere bei Horizont, Fachmagazin für Marketing und Medien, startete er 2000 als Redakteur für Marketing, Web 2.0 und E-Commerce. Daneben gründete er den renommierten Marketing-Blog Off-the-Record.de und zählt zu den profiliertesten Bloggern für digitale Werbung und Marketing. Im Juli 2013 erschien sein Fachbuch "Erfolgsfaktor Online-Marketing - So werben Sie erfolgreich im Netz / E-Mail, Social Media, Mobile & Co. richtig nutzen" (Deutscher Fachverlag, Frankfurt). Anschließend ist von ihm der Kurzgeschichten-Band "Gebete an die Cloud - 5 phantastische digitale Geschichten" erschienen. (Printversion) 2009 gewann er den Innovationspreis des Deutschen Fachverlags. 2011 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Zu seiner früheren redaktionellen Tätigkeit zählen Positionen bei der Handelsgruppe Rewe in Köln und bei der Neue-Rhein-Zeitung. Nebenbei schreibt er Krimis. Sie finden den Autor bei Twitter unter dem Namen @OlafKolbrueck oder auch auf Facebook sowie bei Google+. Kolbrück bloggt auch noch hier. Mehr über Olaf Kolbrück als Autor gibt es auf kolbrueck.de.
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