Wie Stadtplaner Bürgerwillen berücksichtigen

Wie Stadtplaner Bürgerwillen berücksichtigen

Um Proteste wie bei Stuttgart 21 zu vermeiden, werden ­Einwohner vielerorts in Entscheidungen zur Stadtentwicklung einbezogen - auch bei größeren Einzelhandelsvorhaben.

Björn BöerBjörn BöerChefredakteur
3 Min.· Aktualisiert am
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Wenige hundert Meter vom Standort des einstigen Konsumtempels entfernt ringt die örtliche Karstadt-Filiale mit ähnlichen Fragen, die jedoch die Zukunft betreffen: Wie soll das Kaufhaus nach dem geplanten Umbau aussehen? Und wie wirken sich die Baumaßnahmen auf den Einzelhandel in der Domstadt aus?

Schlüsselrolle für die Stadtentwicklung

Der Karstadt-Umbau hat eine Schlüsselrolle für die Weiterentwicklung der Mainzer City. Wer das Warenhaus sucht, findet es etwas verborgen hinter unansehnlichen Pavillons, die die Fassade verstecken. Das soll sich bald ändern.

Immobilienentwickler wollen anstatt des grauen Betonklotzes ein Einkaufszentrum mit 30.000 Quadratmetern Verkaufsfläche bauen, Karstadt soll als Ankermieter die Hälfte der Fläche belegen. Damit verknüpft ist jedoch die Zukunft einer der prominentesten Lagen der Mainzer Innenstadt, der Einkaufsmeile Ludwigsstraße.

Protesten vorbeugen

Bei einer Entscheidung von solcher Tragweite und einer Investition von geschätzten 300 Millionen Euro gerät eine Stadt schnell auf allen Ebenen in Unruhe. In Mainz will die Stadtverwaltung jedenfalls Proteste von Wutbürgern vermeiden: Die Stimmen der Mainzer Bürger sollen gehört werden, um auszuloten, welche Wünsche es bei der Neugestaltung gibt.

Fünf "Ludwigsstraßen-Foren" sind geplant, das erste findet am Dienstag kommender Woche (21.Juni) statt. Die Ergebnisse sollen in den städtebaulichen Vertrag mit dem Immobilienentwickler einfließen.

Umdenken seit Stuttgart 21

Seit Stuttgart 21 sind die Stadtplaner vorsichtiger geworden: Das Protestpotenzial gegen bauliche Vorhaben, die die Innenstädte verändern, ist groß. "Wir merken, dass die Politiker sich jetzt endlich stärker mit dem Thema Bürgerbeteiligung befassen", sagt Mario Mensing von der namhaften Beratung für Stadt- und Regionalentwicklung Cima. "Die Botschaft ist endlich angekommen."

Mensing nennt als Beispiel für gelungene Bürgerbeteiligung die norddeutsche Stadt Bad Schwartau: Dort haben in einer ersten Phase die wichtigsten Innenstadtakteure wie Händler, Gastronomen und Stadtverwaltung fünf Szenarien für die künftige Ausrichtung der Innenstadt entwickelt - sie reichen von "Wellness-Gesundheits-Ort" bis hin zum "liebenswürdigen Kleinstadt-Idyll".

In einer zweiten Phase kann nun die breite Bevölkerung dazu Stellung nehmen. So werden die Bürger in die Entscheidung involviert - und haben eine Chance, ihren Unmut über einzelne Prozessschritte loszuwerden.

Transparenz für alle

Mensing warnt jedoch ausdrücklich davor, alte uneffektive Rituale wiederzubeleben - etwa offene Diskussionsrunden, in denen jeder Bürger seine Vorschläge ungefiltert einbringen kann. "Solche Wunschzettel-Werkstätten bringen nichts. Man muss den Prozess schon ein wenig lenken, damit er zielführend abläuft", betont der Innenstadtexperte.

Neben Präsenzterminen wie Bürgerforen gehört die Diskussion, mit allen Plänen, Dokumenten und Stellungnahmen - offen für alle - ins Internet, betont Mensing.

Wenn bei solchen Prozessen die Legitimierung fehlt, fühlen sich die Bürger verschaukelt - und das kann erst recht zu Protesten führen. Beispiel Neumünster: 2009 wurde hier das Votum einer Einwohnerversammlung beim Umbau des örtlichen Karstadt schlichtweg ignoriert.

Das sorgt bis heute für Unmut: "Die Abstimmerei war eine Farce", lautet ein Kommentar auf der Website der Lokalzeitung. Nach Stuttgart 21 überlegt nun der Stadtpräsident, einer Bürgerinitiative doch noch Gehör zu schenken. Wenn Lokalpolitiker vor etwas panische Angst haben, dann vor dem modernen Wutbürger.

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Björn Böer
Geschrieben vonBjörn Böer

Chefredakteur

Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.

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