"Wir sind der falsche Adressat"

"Wir sind der falsche Adressat"

Nach der Kritik von Bauernpräsident Sonnleitner wehrt sich der Einzelhandel. Und die neue Bundeslandwirtschaftsministerin signalisiert Hilfe für die Bauern.

Björn BöerBjörn BöerChefredakteur
3 Min.· Aktualisiert am
Teilen
Der Einzelhandel wies die Kritik zurück. "Wir haben einen Einbruch bei der Nachfrage nach Milch und Molkereiprodukten und ein deutliches Überangebot", sagte der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands (HDE), Stefan Genth, der dpa. Die Folge sei, dass der Preis im Einkauf sinke.

Einzelhandel fühlt sich zu fairen Preisen verpflichtet

Der Handel sieht sich daher zu Unrecht an den Pranger gestellt. "Wir sind der falsche Adressat", sagte Genth zur Kritik von Sonnleitner. "Nur 13 Prozent der in Deutschland erzeugten Milch landen in den Regalen von Supermärkten und Discountern."

Der Einzelhandel fühle sich verpflichtet, die Vereinbarung des Milch-Spitzengesprächs vom Juli beim damaligen Agrarminister Horst Seehofer (CSU) einzuhalten. Damals hatte sich der Handel zu fairen Preisen bekannt. Mehrere Discounter und Supermärkte (Aldi, Penny, Lidl, Edeka) hatten die Frischmilchpreise zum Wochenbeginn um bis zu einem Fünftel gesenkt.

"Wir fordern einen Milchfonds"

Die Landwirtschaftsministerin Aigner rief die EU-Kommission zu Unterstützung auf. "Ich kann einem Auslaufen der Milchquote 2015 nicht zustimmen, wenn dies nicht mit Ausgleichsmaßnahmen flankiert wird", sagte Aigner der dpa. "Deswegen fordern wir einen Milchfonds. Es gibt Signale, dass sich eine Lösung abzeichnet."

Mit dem Fonds soll das Ende der Mengenbeschränkung 2015 gemildert werden. Die Agrarminister der Europäischen Union (EU) beraten in der übernächsten Woche darüber.

Appell an die Bundesländer

Der Bundesrat entscheidet an diesem Freitag über die Forderung der Milchviehalter, die Milchmenge über bestimmte Aktionen zu senken. Die Milchbauern hoffen, dass dann die Preise steigen. Aigner appellierte an die Länder, im Bundesrat nicht dagegen zu stimmen.

Eine Mehrheit der Agrarexperten der Länder hatte die Maßnahmen allerdings abgelehnt - ebenso der Bauernverband. "Ein Alleingang Deutschlands würde nur bedeuten, dass wir überflutet würden mit Milchprodukten von anderen Ländern", sagte Sonnleitner.

Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter hält die Kritik des Bauernverbands (DBV) für "scheinheilig". Angesichts des Preisrutsches wäre eine flexible Regelung der Milchmenge nötig, sagte der Vorsitzende Romuald Schaber der Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung. "Der DBV torpediert aber alle Maßnahmen zur Mengenregulierung". Schaber rechnet mit weiteren "dramatischen" Preiseinbrüchen bei Milchprodukten.

Milchviehhalter drohen mit Boykott der Bundestagswahl

Der BDV droht angesichts der sinkenden Milchpreise mit Stimmverlusten für Union und SPD bei der Bundestagswahl 2009. Er fordert höhere Erzeugerpreise. Bei einem Milch-Spitzengespräch des damaligen Agrarministers Seehofer hatten Bund, Länder, Bauern, Molkereien und Handel vereinbart, Aktionen zur Senkung der Milchmenge zu prüfen.

Teilen
Björn Böer
Geschrieben vonBjörn Böer

Chefredakteur

Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.

Alle Beiträge
Morning Briefing

Alles, was heute zählt — jeden Morgen in Ihrem Postfach.

Das Morning Briefing kuratiert die wichtigsten News aus E-Commerce und Handel. Kompakt, einordnend, werktäglich ab 7 Uhr.

  • 10.800+ Abonnenten
  • Werktäglich ab 7 Uhr
  • Jederzeit abbestellbar

Mit der Anmeldung stimmen Sie unserer Datenschutzerklärung zu. Abmeldung jederzeit möglich.