KI wird zum neuen Einkaufskanal im US-Handel
Künstliche Intelligenz verändert das Einkaufsverhalten in den USA deutlich. Laut einer Umfrage der Marketingagentur LDWW unter 2.000 Erwachsenen nutzen inzwischen nahezu sieben von zehn US-Konsumenten KI, um Produkte und Dienstleistungen zu suchen, zu bewerten oder zu kaufen. 71 Prozent der Befragten erwarten, künftig noch stärker auf KI beim Einkaufen zu setzen. Damit entwickelt sich KI von einem unterstützenden Recherchewerkzeug zu einem eigenständigen Shopping-Kanal.
Der Einfluss auf Kaufentscheidungen ist bereits messbar: Fast zwei Drittel der Befragten geben an, dass KI eine jüngste Kaufentscheidung beeinflusst hat. 30 Prozent haben einen Kauf bereits vollständig über KI abgewickelt – teilweise, ohne die Website eines Händlers überhaupt zu besuchen. Diese Entwicklung verweist auf den Aufstieg des sogenannten agentic commerce, bei dem KI-Systeme zunehmend im Auftrag der Konsumenten handeln.
Trotz der schnellen Verbreitung bleibt Vertrauen ein entscheidender Faktor. Zwar bezeichnet knapp jeder fünfte Befragte KI-Tools als vertrauenswürdigste Quelle beim Shopping, und 43 Prozent vertrauen den von KI bereitgestellten Markeninformationen. Gleichzeitig prüfen mehr als die Hälfte der Konsumenten aktiv die angegebenen Quellen. Fast 60 Prozent halten es für wichtig zu wissen, welche Quellen KI-Antworten zugrunde liegen. Das zeigt eine Haltung des „Vertrauens mit Kontrolle“, ähnlich wie sie sich bei Online-Bewertungen etabliert hat.
Auch weitere Marktdaten stützen den Trend. Adobe Analytics verzeichnete im ersten Quartal 2026 einen Anstieg des durch KI vermittelten Traffics auf US-Retail-Websites um 393 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bereits während der Holiday Season 2025 war dieser Traffic um 693 Prozent gewachsen. Zugleich verbesserte sich die Qualität der Besuche: Während KI-vermittelte Visits im März 2025 noch schlechter konvertierten als andere Kanäle, lagen sie ein Jahr später 42 Prozent über dem Vergleichswert. Der Umsatz pro Besuch lag 37 Prozent höher als bei Nicht-KI-Traffic.
Die wirtschaftliche Dimension ist entsprechend groß. McKinsey geht davon aus, dass bis 2028 Konsumausgaben in Höhe von 750 Milliarden US-Dollar über KI-gestützte Suche laufen könnten. Zugleich zeigt sich eine Grenze beim Vertrauen: Laut einer Studie von Cognizant und Oxford Economics sind 75 Prozent der Konsumenten weiterhin nicht bereit, KI hochpreisige Käufe vollständig autonom abschließen zu lassen.
Für Modehändler und Marken ist der Wandel besonders relevant. Eine Untersuchung von Rithum und Studio ID zeigt, dass 37 Prozent der Shopper KI bereits beim Kauf von Kleidung, Schuhen oder Schmuck genutzt haben. KI-Empfehlungen können zudem Markenloyalität verändern: Fast jeder fünfte Käufer erwarb auf Empfehlung einer KI ein Produkt einer zuvor unbekannten Marke. Fehlerhafte Produktinformationen können jedoch direkt auf die Marke zurückfallen. 58 Prozent der Konsumenten verlieren in diesem Fall Vertrauen in die Marke, 16 Prozent brechen den Kauf ab.
Für Händler wird damit sichtbar, dass KI-optimierte Produktdaten und technisch zugängliche Inhalte zur Wettbewerbsfrage werden. Adobe zufolge ist rund ein Drittel der Produktseiteninhalte von Retailern für große Sprachmodelle nicht lesbar. Wer für KI-Systeme unsichtbar bleibt oder ungenaue Informationen liefert, riskiert Reichweite, Vertrauen und Umsatz. KI wird damit nicht nur zum Suchinstrument, sondern zunehmend zu einer neuen digitalen Verkaufsfläche.

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
Alle Beiträge