Der neue EU-Pauschalzoll auf Kleinsendungen zeigt in den offiziellen Importzahlen Wirkung, kommt bei vielen deutschen Online-Händler:innen aber bislang kaum an. Seit Anfang Juli erhebt die EU drei Euro pro Warenkategorie auf Sendungen unter 150 Euro. Ziel ist es, die Flut sehr günstiger Direktimporte über Plattformen wie Temu, Shein und AliExpress einzudämmen. Nach Angaben des französischen Zolls ist die Zahl der importierten Billigpakete seit Einführung der Regelung um 30 bis 40 Prozent gesunken; bei Temu soll der Rückgang sogar bei rund der Hälfte liegen, berichtet Händlerbund.de.
Offizielle Entlastung, verhaltene Händlerreaktionen
Für den deutschen Onlinehandel ergibt sich daraus bisher kein einheitliches Bild. In Diskussionen im Sellerforum berichten mehrere Händler:innen, dass sie in ihren Nischen keine spürbare Verbesserung sehen. Die Verkäufe lägen weiter konstant unter dem Vorjahresniveau, teils seien lediglich Preise gesunken. Auch ein Nutzer, der eine chinesische Firma vertritt, meldet keinen Rückgang im Tagesgeschäft. Die zentrale Frage bleibt damit, ob sinkende Paketmengen tatsächlich in mehr Nachfrage bei heimischen Anbieter:innen münden.
Eine Erklärung für den schwachen Effekt liegt aus Sicht mehrerer Forumsteilnehmer in veränderten Lieferwegen. Statt viele kleine Einzelpakete direkt an Endkund:innen zu schicken, könnten Anbieter ihre Ware zunehmend in sortenreinen Sammelcontainern bündeln und per Bahn oder Schiff in europäische Lager bringen. Von dort aus erfolgt die Zustellung innerhalb der EU. Diese Verschiebung in der Logistik würde den Pauschalzoll zwar formal berücksichtigen, seine Belastung aber begrenzen. Ein Nutzer schildert dazu eine eigene Bestellung, die über die Niederlande geroutet wurde. Der Wettbewerbsvorteil asiatischer Plattformen könnte sich dadurch in Teilen erhalten, auch wenn die Statistik weniger Kleinsendungen ausweist.
Sorge um kleine Importeure
Kritik richtet sich vor allem gegen die konkrete Ausgestaltung der Gebühr. Da sie pro Warengruppe im Paket anfällt, kann sie bei gemischten Sendungen schnell steigen. Einige Händler:innen befürchten deshalb, dass gerade kleinere deutsche Importeure mit überschaubaren Bestellmengen stärker belastet werden als große Plattformen mit flexiblen Lieferketten. Aus dem Forum stammt die zugespitzte Einschätzung: „Es sollte gegen China gehen, schlussendlich zahlen die heimischen Unternehmen die Zeche.“ Besonders Händler:innen aus preis- und sortimentsintensiven Branchen sehen kaum Handlungsspielraum, wenn sie direkt mit Temu und ähnlichen Anbietern konkurrieren.
Gleichzeitig gibt es einzelne Gegenbeispiele. Ein Händler aus dem stark umkämpften Segment Handyzubehör berichtet von einem Umsatzplus von 200 Prozent gegenüber Juni 2025 und rund 100 Prozent gegenüber 2024. In Großbritannien und den USA seien die Umsätze dagegen weiter rückläufig. Das deutet darauf hin, dass die Wirkung des Pauschalzolls stark von Branche, Preissegment und Anpassungsfähigkeit der Konkurrenz abhängt. Zusätzlich verweist eine Studie im Auftrag des Handelsverbands Österreich auf einen volkswirtschaftlichen Schaden durch Billigplattformen in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro jährlich. Ob die neue Regelung diesen Druck dauerhaft mindert, bleibt offen; belastbar sichtbar ist bisher vor allem der gemeldete Rückgang der Billigpakete um bis zu 40 Prozent.

Redakteur
Thomas Rehm ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Der erfahrene Fachjournalist schrieb zuvor viele Jahre für Titel der dfv Mediengruppe, darunter das Konsumgüter- und Verpackungsportal packaging-360.com, und begleitet heute die Themen Handel, Konsumgüter und Digitalisierung.
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