
Von Menschenkäfigen und Abhörpatenten: die 5 gruseligsten Amazon-Ideen
Wenn Roboter Haustüren aufschließen und Alexa intime Gespräche abhört, ist es mit der Privatsphäre der Kunden schnell vorbei. Die scheint im Amazon-Kosmos sowieso ein Störfaktor zu sein - ebenso wie der Mensch im Logistikapparat. Was sich in den Patentschriften des Onlineriesen findet, klingt bisweilen nach Science-Fiction der düsteren Art.
Eines dieser Patente, im Frühjahr 2018 genehmigt, trägt den Titel "Airlift package protection airbag". Um die Zeit, die Lieferdrohnen zum Landen und Wiederabheben brauchen, einzusparen, könnten sie ihre Fracht demzufolge aus einer Höhe von bis zu acht Metern einfach abwerfen - immerhin gespolstert durch eine Art Airbag. Sehr weit entfernt ist das nicht mehr von der Vorstellung der Kanonenlieferung - die Realität hat die Phantasie der "Postillon"-Redaktion offenbar eingeholt.
Riesige Wasserbecken und Luftschiffe als Warenlager, bienenstockähnliche Gebäude als Basis für Lieferdrohnen, Drohnen, die Elektroautos aufladen: es gehört zur Firmenphilosophie von Amazon, die Mitarbeiter zum Experimentieren und Erfinden zu ermuntern. Und vieles von dem, was sich Amazon hat patentieren lassen, wird nie Realität werden. Firmen reichen häufig Patente nur ein, um der Konkurrenz im Fall der Fälle voraus zu sein.
Und dennoch: Solche Patente sind auch Hinweise darauf, wie in einem Unternehmen gedacht und die Zukunft durchgespielt wird. Für das Ziel einer autonomen Lieferkette ist Amazon bereit, weit zu gehen und bisweilen auch Grenzen zu überschreiten. Schaut man sich die Ideen der Amazon-Entwickler an, kann einem bisweilen schon mulmig werden. Wir stellen die fünf gruseligsten Amazon-Patente vor:
1. Der Mitarbeiterkäfig
2. Der Roboter, der Haustüren aufschließt
3. Das Abhörpatent
4. Das Überwachungsarmband
5. Die selbstzerstörende Drohne
Platz 1: "Schlechte Idee": Der Mitarbeiterkäfig
Amazons Patent für einen selbstfahrenden Mitarbeiterkäfig in stark automatisierten Lagerhallen stammt bereits aus dem Jahr 2016, gelangte aber erst vor ein paar Wochen an die Öffentlichkeit.
Laut der Patentschrift sollen Logistikarbeiter sich in diesen Käfigen gefahrlos durch sogenannte "Schutzzonen" bewegen können, die sonst wegen Verletzungsgefahr nicht betreten werden dürfen und in der Praxis von Maschendrahtzaun umgeben sind. Das klingt erstmal gut. Der Hintergrund der Idee dürfte jedoch weniger selbstlos sein: Wenn Menschen die von Maschinen dominierten Bereiche dennoch betreten müssen, etwa um einen aus dem Regal gefallenen Artikel aufzuheben oder eine defekte Maschine zu reparieren, muss Amazon die Produktion nicht mehr einstellen, wenn der Mitarbeiter im Käfig zu seinem Ziel gebracht wird.
Die Patenunterlagen zeigen einen schmalen, vergitterten Kasten, in dem ein Mensch gerade so stehen kann. Der Käfig bewegt sich auf Rollen fort oder sitzt auf einem der Transportroboter auf, die Tag und Nacht durch die Amazonlager fahren. Gesteuert wird er nicht durch den Insassen, sondern durch eine Kontrolleinheit.
Für das Käfigpatent ist Amazon, das ohnehin wegen seiner Arbeitsbedingungen in der Dauerkritik steht, in den US-amerikanischen Medien scharf kritisiert worden. Ein "außergewöhnliches Beispiel für die Entfremdung in der Arbeit" nennt es Kate Crawford, die an der New Yorker Universität über künstliche Intelligenz und die gesellschaftlichen Folgen von Technologie forscht. "Der Mitarbeiter wird Teil eines Maschinenballets, er wird aufrecht in einem Käfig gehalten, der seine Bewegungen vorschreibt und einschränkt."
Tatsächlich beschreibt Amazon in dem Patentantrag Szenarien, in denen menschliche Mitarbeiter quasi von Maschinen gesteuert werden: So könnte zum Beispiel ein Roboter im Schadensfall eine Meldung an das Computersystem geben, das wiederum einen Reparaturbefehl absetzt. Der Auftrag könnte dann dem nächsten verfügbaren "human transport device" zugewiesen werden, also dem "Käfig", der sich entweder räumlich am nächsten befindet oder dessen Insasse die entsprechenden Kenntnisse für die Reparatur besitzt. Das "Menschentransportmittel" könnte dann automatisch zum schadhaften System bewegt werden.
Nach massiver Kritik an dem Patent distanzierte sich im September 2018 Dave Clark, Senior Vice President of Operations bei Amazon, per Twitter davon. Er schrieb: "Manchmal werden sogar schlechte Ideen zum Patent angemeldet." Es gebe keine Pläne, den Entwurf in der Zukunft zu nutzen. Inzwischen habe Amazon spezielle Westen entwickelt, die Mitarbeiter vor Kollisionen mit Maschinen schützten, indem sie diese automatisch anhielten.
Dennoch: Dass es diese "schlechte Idee" über den Skizzenblock hinaus geschafft hat - und sogar patentiert wurde - lässt erahnen, wie schnell aus dunkelster Science-Fiction Wirklichkeit werden kann.
2. Der Roboter, der Haustüren aufschließt
3. Das Abhörpatent
4. Das Überwachungsarmband
5. Die selbstzerstörende Drohne
2. Wenn der Roboter die Haustür aufschließt
Würden Sie einem Roboter Zutritt zu Ihrer Wohnung gewähren? Amazon geht offenbar davon aus. Um dem Ziel einer komplett automatisierten Lieferkette näher zu kommen, hat der Konzern Anfang dieses Jahres ein Patent für "autonome Bodenfahrzeuge" eingereicht, die Haustüren aufschließen und Pakete in der Wohnung des Kunden abstellen können. Sogar mit einem Kühlfach für Lebensmittel könnten die Roboter ausgestattet sein.
Die Skizzen in der Patentschrift zeigen ein kleines, kastenförmiges Gefährt, das an die Lieferroboter von Starship Technologies erinnert, die unter anderem für Hermes durch Hamburg und London rollen.
Die letzte Meile ganz ohne menschliche Mitarbeiter zu überwinden ist einer von Jeff Bezos' Lieblingsträumen. Es ist eine Weiterentwicklung des "Amazon-Key"-Dienstes, bei dem Paketboten Wohnung öffnen, um Lieferungen abzulegen. Wie bei Key, das 2017 eingeführt wurde, würden Kunden ein spezielles Schließ- und Kamerasystem installieren, das es erlaubt, zum Beispiel vom Arbeitsplatz aus zu "überwachen", wie der Lieferroboter ihre Haustür öffnet und auch wieder schließt.
In diesem Werbevideo preist Amazon die praktischen Vorteile des Key-Dienstes an: Der jungen Frau am Büro-Schreibtisch bricht der Schweiß aus, als ihr einfällt, dass am Abend die Mutter zu Besuch kommt und zu allem Überfluss auch noch Geburtstag hat. Mit zwei, drei Klicks ist nicht nur eine Putzkolonne in die Wohnung, sondern auch gleich ein Geschenk bestellt. Als die Büroangestellte abends mit ihren Eltern die Wohnung betritt, ist alles picobello und Mutters Geschenk liegt im Flur bereit.
Nicht nur Fragen der Privatsphäre sind hier angebracht. Experten äußern auch ernste Sicherheitsbedenken. Einbrecher etwa könnten sich die niedlichen Lieferdroiden, die laut Amazon auch nachts ihren Dienst verrichten könnten, zunutze machen. Da biete auch die Kameraüberwachung durch den Kunden keine Sicherheit. Für Hacker wäre es ein Leichtes, nach einer erfolgten Lieferung das Bild der geschlossenen Haustür "einzufrieren", während ihre Komplizen in aller Ruhe die Wohnung ausraubten.
1. Der Mitarbeiterkäfig
3. Das Abhörpatent
4. Das Überwachungsarmband
5. Die selbstzerstörende Drohne
3. "Alexa, belauschst du mich...?"
Intelligente Lautsprecher polarisieren, seit es sie gibt. Gerüchte, Sprachassistenten überwachten private Konversationen ihrer Nutzer, halten sich hartnäckig - nicht zu Unrecht, wie eine Reihe neuer Patente zeigt.
Wer im Beisein seines Echo-Lautsprechers Sätze wie "Ich liebe Pralinen" äußert, könnte künftig umgehend Konfiserie-Werbung angezeigt bekommen. Wer einer Freundin beim Kaffeeplausch erzählt, wie schön es vergangenen Sommer in Südtirol war, erhält kurz darauf Werbung für Bergurlaub und Wanderausrüstung. Soweit die Zukunftsvision, die schon stark an George Orwells "1984" denken lässt.
Ein im Frühjahr 2018 aufgetauchtes Patent dokumentiert, wie Amazon über seine intelligenten Lautsprecher persönliche Vorlieben der Nutzer analysieren und für die eigene Werbung ausspielen könnte. Es beschreibt unter anderem einen Algorithmus, der in Echtzeit auf Schlüsselworte wie "lieben", "mögen" oder "kaufen" reagiert. Wer also seinem Partner zu Hause eine Liebeserklärung macht, müsste demnach damit rechnen, dass Alexa sofort die Ohren spitzt.
Um es gleich vorweg zu sagen: Amazon steht nicht alleine im Verdacht, Privatgespräche seiner Nutzer abzuhören und für Werbezwecke zu verwerten. Neben dem Konzern aus Seattle haben auch Google und Facebook Patentanträge eingereicht, die deutlich machen, welche Möglichkeiten sich durch Smartphone-Mikrofone und Sprachassistenten ergeben. Kritiker dürften sich bestätigt fühlen.
An Retargeting sind Kunden ja schon gewöhnt. Wer heute seine Tageszeitung online liest und dabei plötzlich Werbung für Artikel sieht, die er kurz zuvor in einem Onlineshop angeklickt hat, wundert sich kaum noch. Wenn aber die Informationen über die eigenen Vorlieben und Interessen aus persönlichen Gesprächen in den eigenen vier Wänden stammen, dürfte das den meisten Menschen wohl einen Schritt zu weit gehen.
Amazon wie auch Google betonen zwar unermüdlich, dass Sprachaufnahmen in der Praxis nur dann erfolgen, wenn der Nutzer die Stichworte "Hey, Alexa" oder "Ok Google" ausspricht. Laut der nun eingereichten Patente könnten smarte Lautsprecher oder Handys aber auch ohne einen solchen Sprachbefehl - also ständig - überwachen, was Nutzer gerade tun. Google stellt sich sogar vor, den Gesundheitszustand eines Nutzers anhand von Husten oder Nase putzen zu analysieren und dann entsprechende Angebote (Taschentücher, Nasenspray) zu unterbreiten.
Klar ist: Auch Amazon verarbeitet schon jetzt alle Daten, an die es kommen kann. Und das Wissen, was im heimischen Wohnzimmer besprochen wird, ist wertvoll. Letztlich geht es darum, Kundenprofile, wie sie auf Basis von Bestellhistorie und Suchverhalten längst erstellt werden, immer weiter zu verfeinern. Die Frage ist: Wie weit wird Amazon dafür gehen?
Als das neue "Abhörpatent" publik wurde, fühlte sich Amazon bemüßigt, umgehend zu betonen, dass Stimmaufnahmen der Kunden nicht für gezielte Werbung genutzt würden. Die Technik dafür hat der Konzern sich indes patentieren lassen. Und: Technisch möglich ist es schon heute.
1. Der Mitarbeiterkäfig
2. Der Roboter, der Haustüren aufschließt
4. Das Überwachungsarmband
5. Die selbstzerstörende Drohne
4. Das Überwachungsarmband - wenn der Mensch zum Roboter wird
Amazon hat sich ein elektronisches Armband patentieren lassen, das Logistikmitarbeitern helfen soll, Waren schneller zu sortieren und zu scannen - und das jede ihrer Bewegungen registriert.
Im Patentantrag, der Anfang dieses Jahres von Geekwire öffentlich gemacht wurde, preist Amazon die Erfindung als zeitsparende Innovation. Das System, das aus drei Teilen - den Armbändern, mit Ultraschallsensoren ausgestatteten Regalen und einer Überwachungseinheit - besteht, ist laut Amazon kostengünstiger als die Kamera- und Sensorentechnik, die der Konzern in den Amazon-Go-Läden einsetzt.
Allerdings könnten die Armbänder dem Amazon-Management auch ganz neue Möglichkeiten der Mitarbeiterüberwachung eröffnen. Wer Zeit verschwendet, weil er sich zu oft kratzt oder die Hände zu lange ruhig hält, wäre rasch identifiziert. Die Produktivität einzelner Lagerarbeiter könnte so in Echtzeit kontrolliert werden - und das in einer Arbeitsumgebung, die ohnehin in der Dauerkritik steht. 15 Sekunden Zeit sollen Amazon-Mitarbeiter laut Insiderberichten haben, um einen Artikel einzuscannen und richtig einzusortieren.
Schon jetzt wertet Amazon die Leistung der Logistikmitarbeiter konsequent aus. Die "Überwachungsarmbänder" wären da nur ein weiterer Schritt. Dass sie allerdings die Bewegungen des Trägers nicht nur dokumentieren, sondern auch steuern oder zumindest lenken, wirft weitere, grundsätzliche Fragen über das Konzept von Arbeit im Amazon-Kosmos auf. Der Mensch, der in den Auslieferungslagern bereits vielfach vor allem mit Robotern interagiert, wird damit quasi selbst zum Roboter.
Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen in einer irritierenden Zukunftsvision: Schlecht bezahlte Mitarbeiter verrichten als "menschliche Roboter" in Amazon-Lagern monotone Arbeiten immer schneller, um auf Displays vorgegebene Zeiten einzuhalten - bis Roboter sie irgendwann ganz ersetzen können.
1. Der Mitarbeiterkäfig
2. Der Roboter, der Haustüren aufschließt
3. Das Abhörpatent
5. Die selbstzerstörende Drohne
5. "Ihr Paket ist beim Nachbarn detoniert" - Explosionen für mehr Sicherheit
Lieferdrohnen stehen im Mittelpunkt von Jeff Bezos' logistischer Zukunftsvision. Ihrer Zulassung stehen aber bislang Sicherheitsbedenken entgegen. Glücklicherweise haben die Amazon-Techniker nun eine Lösung für die Gefahr abstürzender Drohnen gefunden: explodierende Drohnen.
Klingt wie ein Witz, ist es aber nicht: Um im Fall eines drohenden Absturzes Schäden an Mensch und Fracht gering zu halten, hat Amazon ein System zur Selbstzerstörung von Lieferdrohnen entwickelt. Der Begriff "Explosion" kommt in dem Amazon-Patent natürlich nicht vor. Stattdessen ist die Rede von "zielgerichteter Fragmentierung des unbemannten Luftfahrzeugs", die erfolgen soll, wenn die Flugparameter auf einen Fehler hindeuten.
Das Patent für die selbstzerstörende Drohne hat der Konzern bereits Ende vergangenen Jahres erhalten. Es beschreibt, wie einzelne Komponenten bei Fehlfunktionen nach und nach abgestoßen und abgeworfen werden. Auf diese Weise sollen die herabstürzenden Teile klein gehalten werden und der Absturz möglichst glimpflich ablaufen.
Die Drohnen wären entsprechend modular aufgebaut. Verschiedene Komponenten wie einzelne Motoren, Batterien oder Sensoren könnten per Haken, Federn - oder eben durch kleine Sprengladungen - gelöst werden. Also doch Explosionen.
Eine Grafik in der Patentschrift illustriert, wie Amazon sich den idealen Absturz vorstellt: Die Drohne entledigt sich verschiedener Einzelteile in einen See und auf ein Feld, der Rest stürzt schließlich in einen Baum.
Ob das mit der "kontrollierten Fragmentation" in der Praxis so klappen würde, wer weiß. Jedenfalls soll eine Kontrolleinheit, die die Flugparameter kontinierlich auf Unregelmäßigkeiten überprüft, die Selbstzerlegung steuern. Sie analysiert ständig das umgebende Terrain und berechnet, welches Teil wo abgeworfen werden muss, um den geringstmöglichen Schaden anzurichten.
Die Reihenfolge, in der die Einzelteile dann abgeworfen werden, berechnet sich unter anderem danach, ob zum Beispiel Wasserflächen oder bewohntes Gebiet überflogen werden. Neben der Sorge um Mensch und Tier hat Amazon aber auch in dieser Situation das eigene Geschäft im Blick: Auch der Preis oder die Reparaturkosten der einzelnen Komponenten werden berücksichtigt.
1. Der Mitarbeiterkäfig
2. Der Roboter, der Haustüren aufschließt
3. Das Abhörpatent
4. Das Überwachungsarmband
Redakteurin
Ulrike Sanz Grossón schreibt seit 2017 auf etailment.de über die digitalen Konzepte großer und kleinerer Einzelhandelsunternehmen. Die studierte Germanistin und Amerikanistin war journalistisch zunächst als freie Mitarbeiterin in der Lokalredaktion der "Taunus-Zeitung" (Frankfurter Neue Presse) und bei "Horizont" tätig. Es folgte das Volontariat bei der "Lebensmittel Zeitung". Seit 2003 schreibt sie als Redakteurin für verschiedene Publikationen des Deutschen Fachverlags.
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