
Bio aus der Ferne: Billig für Verbraucher, teuer für die Umwelt
Ein Großteil der Bio-Produkte kommt mittlerweile aus dem Ausland - dort ist die Produktion häufig günstiger als hierzulande. Der heimische Anbau dagegen droht zu stagnieren.
Thomas RehmRedakteurLohnkosten in Deutschland hoch
Warum es nicht deutlich mehr wird? Bauernpräsident Joachim Rukwied formuliert es so: "Die relative Vorzüglichkeit ist nicht so stark ausgeprägt." Will sagen: Es lohnt sich nicht, trotz öffentlicher Beihilfen für den, der seinen Betrieb umstellen will. Wer als Bauer beispielsweise ohne Spritzmittel auskommen muss, braucht mehr Arbeitskräfte, um Unkraut zu bekämpfen. Doch die Lohnkosten in Deutschland sind vergleichsweise hoch, wie Rukwied erläutert. "Bio-Bauern in Rumänien und Bulgarien produzieren deutlich günstiger."
"Verarbeiter und Händler sind gezwungen, ausländische Ware zu kaufen, obwohl sie regionale bevorzugen würden", kritisiert der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Seit Supermärkte und Discounter sowie zunehmend auch Kantinen und reine Bio-Ketten in den Städten Produkte mit dem Öko-Siegel fordern, kommt immer mehr Bioware per Schiff oder Lastwagen über die Grenze: jeder zweite Apfel, jeder dritte Liter Milch und jedes vierte Pfund Butter aus dem nachhaltigen Segment.
Branche fordert mehr Fördermittel
Dass gut die Hälfte des inzwischen mehr als sieben Milliarden Euro schweren Bio-Angebots in den Regalen von Supermärkten und Discountern steht, hat für die Kunden zwar auch einen Vorteil - die effizienten Abläufe der Branchenriesen senken Kosten und damit die Preise.
Der BÖLW verweist aber auf Nachteile: "Die Öko-Bilanz weit gereister Bio-Produkte verschlechtert sich deutlich." Dabei war die Öko-Bilanz den Vätern der Biobewegung ein Kernanliegen. Die Branche fordert vom neuen Agrarminister Hans-Peter Friedrich (CSU) mehr Fördermittel für Betriebe und Forschung, damit sich Kunden wohnortnah eindecken können.
Vorteile für die Natur offensichtlich
Der neue Minister hält sich bislang bedeckt: "Wir schreiben niemandem etwas vor", ließ er sich zum Biomarkt von der "Bild"-Zeitung lediglich entlocken. "Entscheidend ist, dass wir den Verbrauchern eine große Vielfalt an hochwertigen und gesunden Lebensmitteln zur Verfügung stellen, aus der er auswählen kann, was ihm schmeckt." Woher die Ware kommen sollte, ließ Friedrich offen.
Für mehr Tempo beim Ausbau der heimischen Bioproduktion wirbt das Umweltbundesamt. Die Vorteile für die Natur seien offensichtlich, sagt der amtierende Präsident Thomas Holzmann und erinnert an das Ziel der Bundesregierung, auf 20 Prozent der Anbaufläche zu kommen.
"Wenn wir so weitermachen wie bisher, erreichen wir es im Jahr 2078."

Redakteur
Thomas Rehm ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Der erfahrene Fachjournalist schrieb zuvor viele Jahre für Titel der dfv Mediengruppe, darunter das Konsumgüter- und Verpackungsportal packaging-360.com, und begleitet heute die Themen Handel, Konsumgüter und Digitalisierung.
Alle Beiträge