
Britischer Angriff auf die Businessklasse
Mit dem XE ist Jaguar in die Mittelklasse zurückgekehrt. Die neue Limousine gibt sich, der Tradition des Hauses entsprechend, sportlich-dynamisch - was im Alltagsbetrieb für Vielfahrer gelegentlich hinderlich ist.
Björn BöerChefredakteurDrei Jahre Garantie inklusive Inspektionen
Es ist nach der langen Abstinenz also noch ein weiter Weg für die Traditionsmarke von der Insel, um im umkämpften Segment Fuß zu fassen. Und das gelingt ohnehin nur, wenn Jaguar mehr Zugang zu gewerblichen Flotten findet. Basis hierzu ist die Drei-Jahres-Garantie inklusive aller Insepktionsarbeiten in den ersten drei Jahren (bis 60.000 Kilometer). Damit fallen während der üblichen Laufzeit des Leasingvertrages praktisch keine außerplanmäßigen Kosten an.
Ganz aktuell erweitert die Marke mit einem eigenen Versicherungsdienst die Palette der Serviceleistungen. Unabhängig von Schadenfreiheits- und Regionalklasse bietet der Hersteller über seine Handelsbetriebe monatliche Flatrate-Tarife für Haftpflicht- und Kaskoschutz an.
Achtgang-Automatik und zahlreiche Assistenten
Im Bemühen um die gewerbliche Kundschaft versteht es sich fast von selbst, dass die Optionsliste alle relevanten Zutaten für Vielfahrer bereithält. Vom empfehlenswerten Achtgang-Automatikgetriebe (2.500 Euro Aufpreis gegenüber dem Sechsgang-Handschalter), über Navigation, Sitz- und Lenkradheizung bis hin zur Einparkhilfe mit Rundumüberwachung und Rückfahrkamera, die vor allem beim Rangieren hilft, Schäden zu vermeiden. Dazu zählt auch eine Heerschar an Assistenzsystemen - alles in der Regel einzeln bestellbar, zumeist aber in günstigere Pakete verschnürt.
Und wie fährt sich der XE, den der Hersteller mit viel Pathos als "Sportlimousine" lanciert? Eigentlich ganz unaufgeregt. Zumindest, wenn die Wahl auf die Diesel-Varainte mit 132 kW/180 PS und nicht auf die S-Version mit mächtigen 250 kW/340 PS gefallen ist. Der stärkere der beiden angebotenen Selbstzünder im XE 20 d zieht erwartungsgemäß kräftig an und bringt die, dank Aluminiumbauweise, 1.565-Kilogramm-Limousine mühelos bis zur Höchstgeschwindigkeit von 228 km/h. Angenehm unterstützt durch den Schaltautomaten aus dem Hause ZF. Selbst acht Jahre nach der Premiere im größeren XF ist der Drehregler für das Getriebe, der sich nach dem Druck auf den farblich pulsierenden Startknopf gediegen aus der Mittelkonsole erhebt, noch immer ein besonderes Erlebnis.
Unrealistischer Normverbrauch
Wie bei allen Herstellern und wie in der aktuellen Diskussion um die geschönten Verbrauchswerte bei Volkswagen deutlich wird, ist auch Jaguar mit der Angabe seines Normverbrauchswertes ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. 4,2 Liter sind mit diesem leistungsstarken Aggregat in der Praxis beim besten Willen nicht zu erzielen. Wer vorsichtig mit Rückenwind den Berg hinunter fährt, kann sich über Verbräuche im Fünf-Liter-Bereich freuen. Der realtistische Alltagswert dürfte sich indes bei 6,5 Litern einpendeln. Der 180-PS-Diesel kann übrigens nun auch mit Allradantrieb (2.900 Euro) kombiniert werden. Die Auslieferung dieser Modelle beginnt im März 2016.
Im Kampf um mehr Marktanteile in der Mittelklasse zitiert das Jaguar-Design seine Historie als Sportwagenmarke. Das macht optisch natürlich viel her, erfordert aber manchen Kompromiss. Die Sicht nach hinten ist vom Fahrerplatz aus stark eingeschränkt und macht die Rückfahrkamera fast schon unverzichtbar. Auf den hinteren Plätzen geht es eng zu und der Kofferraum setzt mit einem Knick in der Ladefläche und lediglich 410 Litern Volumen keine Maßstäbe. Ein Kombi ist nicht in Sicht. Wohl aber der erste Geländewagen der Traditionsmarke. Für April 2016 ist der F-Pace angekündigt.
Bernd Nusser

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
Alle Beiträge