Zu optimistische Umsatzprognosen
Somit ist es äußerst unwahrscheinlich, dass der Dienstleistungsgigant, der 2012 einen Umsatz in Höhe von 4,45 Mrd. Euro erwirtschaftete, ähnlich schnell kalte Füße bekommt wie der bisherige Netrada-Eigner Apax. Dieser hatte im Oktober 2013 überraschend den Geldhahn zugedreht. Zugegeben: Das bereits vor der Insolvenz geschasste Netrada-Management hat sich mit der – vermutlich vom Investor eingeforderten – Expansion in die USA und nach China sowie dem Bau teurer Logistikzentren etwas übernommen. Auch basierten die Verträge mit den Modemarken meistens auf viel zu optimistischen Umsatzprognosen.
Verträge neu verhandelt
Andernfalls hätten die für ihr solides Wirtschaften bekannten Gütersloher sicherlich die Finger vom Mitbewerber gelassen oder nur Teile des Unternehmens gekauft. Allerdings knüpften sie ihren Einstieg an bestimmte Bedingungen. Vorneweg die vielfach kritisierten Verträge. Diese wurden im Vorfeld bei den sechs größten Kunden neu verhandelt. Weitere sollen folgen. Für die Modehersteller mag das zunächst schmerzhaft sein. Doch langfristig fahren sie damit sicherlich besser. Denn was nützen die besten Konditionen, wenn der Dienstleister daran zugrunde geht?
Die Folgen kämen den Kunden deutlich teurer zu stehen, da eine Migration der IT zu einem anderen Anbieter viel Zeit, Geld und Ressourcen kostet. Außerdem können Vereinbarungen, die das Risiko nicht allein dem Dienstleister aufbürden, das Online-Geschäft auch antreiben.
Der Grund: Ein Online-Shop kann nur dann richtig erfolgreich sein, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Das war bislang nur selten der Fall, da das Online-Geschäft für gewöhnlich komplett outgesourct wurde – mitsamt fast allen Risiken und nahezu jeder Verantwortung. Wenn es schief lief, musste der Dienstleister bluten, nicht aber der E-Commerce-Verantwortliche des Kunden. Ein Grund, warum dieser für gewöhnlich wenig Zeit und Geld in die Verknüpfung der Online- und Offline-Kanäle steckte. Das ist aber in
Zeiten von Multichannel essenziell wichtig, insbesondere beim Marketing.
Aufatmen in der Branche
Die Netrada-Übernahme könnte somit eine Trendwende im E-Commerce-Fulfillment einleiten. Denn wenn auch der neue Marktführer Arvato auf faire Verträge pocht, dann weicht bei den anderen E-Commerce-Dienstleistern der Druck, riskante Vereinbarungen zu unterschreiben. Und vielleicht überlegt sich der eine oder andere Anbieter künftig zweimal, ob er einen ungeduldigen Investor ins Boot holt, der zunächst kräftig aufs Tempo drückt, dann aber bei der ersten Leckage panikartig ins Wasser springt. Daher atmete die Online-Branche auch erleichtert auf, als klar wurde, dass Apax Netrada nicht an einen anderen Investor weiterreicht.
Ähnliches gilt für Alternative Nummer zwei, den Verkauf von Netrada an ein Kundenkonsortium. Dieses wäre vermutlich früher oder später an den unterschiedlichen Interessen der Vertragspartner und dem hohen Abstimmungsbedarf gescheitert. Somit kennt der Netrada-Deal fast nur Gewinner. Größter Verlierer ist Apax: Laut Insidern hat die Wagniskapitalgesellschaft bei ihrem norddeutschen E-Commerce-Abenteuer mehr als 700 Mill. Euro in den Sand gesetzt. Arvato wird das sicherlich nicht passieren.
Redakteur
Bert Rösch berichtet für die Fachzeitschrift TextilWirtschaft über E-Commerce, Logistik und IT in der Modebranche. Davor schrieb der 41-jährige studierte Historiker bei den Marketing-und Medienfachtiteln "HORIZONT", "ONEtoONE" und "text intern" über verschiedene Aspekte der Internetwirtschaft, unter anderem Online-Marketing, Web-Agenturen und Content-Angebote. Er bloggt unter anderem noch unter Medienkracher.
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