
Minus 30 Prozent - Wie gefährlich ist die Amazon-Logistik wirklich?
Dramatisch scheinen die Folgen des vor wenigen Monaten eröffneten Verteilerzentrums von Amazon in Olching bei München zu sein. Amazon liefert von dort in Eigenregie in der Metropolenregion aus. Ohne DHL und Co. Die Deutsche Post habe "fast ein Drittel des Marktanteils verloren", schreibt heute das "Handelsblatt". Doch Vorsicht ist bei solchen Zahlen angebracht.
Doch Vorsicht. Da ist etwas viel Interpretationsspielraum in der Meldung. Sehr viel. Aus diesem Satz herauszulesen, die Deutsche Post habe fast ein Drittel des Marktanteils verloren, ist ein bisschen gewagt.
Das klingt alles weitaus weniger dramatisch, wenn man weiß, dass der Dienstleister Mail Professionals bundesweit Poststellen für Firmenkunden betreibt. Er bildet also nur einen kleines Teilsegment im Markt ab (Umsatz von Mail Professionals 2013; 6,9 Millionen Euro). Analysten schätzten den Anteil von Amazon-Paketen in der gesamten Post-Zustellung auf bis zu 30 Prozent und beziffern den Anteil am Jahresumsatz auf rund 600 Millionen Euro und rund 50 Millionen Euro beim Ebit.
Aus der Detailbeobachtung bei Poststellen für Firmenkunden schon die große Krise für DHL auszurufen, wäre also ungefähr so, als würde man das Zalando-Wachstum auf der Basis der Lieferzahl pinkfarbener Badelatschen nach Moabit hochrechnen. Im Winter.
Hinzu kommt: In Olching und potenziellen Nachfolgern geht es Amazon vor allem darum, die Services Next Day - und Same Day-Delivery (in 14 Städten) sowie künftig Prime Now noch Metropolen-tauglicher und tempo-kompatibler zu machen.
Die Zahlen klingen andererseits aber umso dramatischer, wenn man weiß, dass Amazon erst gerade einmal 240 Lieferwagen von sechs Subunternehmen im Einsatz hat. Da geht also noch so einiges. Zumindest im KEP-Geschäft und bei Auftragsspitzen werden den Logistikern also auf Sicht Aufträge verloren gehen.
Also sollten Logistiker wie DHL durchaus gewarnt sein.
Der britische Paketlieferant Royal Mail musste seine Wachstumhoffnungen bereits eindampfen. Wegen Amazon. Bei Tamebay kursiert die Statistik von einem Händler, der im Februar 1000 Sendungen über FBA abgewickelt hat. Danach werden in Großbritannien bereits knapp 80 Prozent der Bestellungen direkt von Amazon verschickt. Auf Platz 2 folgt Royal Mail mit 15,21 Prozent, DPD auf Platz 3 schafft gerade noch auf 4 Prozent. Auch das aber ist nur ein Fingerzeig.
Einen anderen Finger zeigt Amazon den Logistikern mit Plänen, die die Branche gleichfalls aufschrecken. Amazon plant in Deutschland eigene Abholstationen für Pakete, hieß es in der "SZ". Damit würde sich Amazon noch unabhängiger machen. In den USA und Großbritannien pflanzt der Onlineriese seine Paketstationen namens "Amazon Locker" bereits seit einigen Jahren in Serie in Einkaufszentren oder an Supermärkten.
DHL und Mitstreiter haben also durchaus Gründe, gewarnt zu sein. Denn Amazon verleibt sich jeden Markt mit Babyschritten ein. Der 30-Prozent-Warnschuss aus der Firmen-Poststelle ist vielleicht also etwas überlaut, er zielt aber schon in die passende Richtung.
Mehr zum Thema: Amazon und die lokalen Verteilzentren: Störend für DHL und Co, aber toxisch für den lokalen Handel
Chefredakteur
Olaf Kolbrück, 48, war lange Jahre Reporter Internet und E-Business bei Horizont. Seine Karriere bei Horizont, Fachmagazin für Marketing und Medien, startete er 2000 als Redakteur für Marketing, Web 2.0 und E-Commerce. Daneben gründete er den renommierten Marketing-Blog Off-the-Record.de und zählt zu den profiliertesten Bloggern für digitale Werbung und Marketing. Im Juli 2013 erschien sein Fachbuch "Erfolgsfaktor Online-Marketing - So werben Sie erfolgreich im Netz / E-Mail, Social Media, Mobile & Co. richtig nutzen" (Deutscher Fachverlag, Frankfurt). Anschließend ist von ihm der Kurzgeschichten-Band "Gebete an die Cloud - 5 phantastische digitale Geschichten" erschienen. (Printversion) 2009 gewann er den Innovationspreis des Deutschen Fachverlags. 2011 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des Vereins D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt. Zu seiner früheren redaktionellen Tätigkeit zählen Positionen bei der Handelsgruppe Rewe in Köln und bei der Neue-Rhein-Zeitung. Nebenbei schreibt er Krimis. Sie finden den Autor bei Twitter unter dem Namen @OlafKolbrueck oder auch auf Facebook sowie bei Google+. Kolbrück bloggt auch noch hier. Mehr über Olaf Kolbrück als Autor gibt es auf kolbrueck.de.
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