Filiale oder virtuelle Welt: Gegensätzliche Zukunftsbilder für 2036 liegen gleichauf
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Filiale oder virtuelle Welt: Gegensätzliche Zukunftsbilder für 2036 liegen gleichauf

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Die Filiale als Abhol-, Retouren- und Versorgungsknoten: Dieses Zukunftsbild halten Fachleute aus Handel, Logistik und Wissenschaft in einer EHI-Szenariostudie für das Jahr 2036 am ehesten für realistisch. Fast gleichauf liegt ein Szenario, in dem Läden an Bedeutung verlieren. Und eine Entwicklung erwarten die Beteiligten, obwohl sie sie kaum wollen.

Wie könnte die Handelslogistik in zehn Jahren organisiert sein? Das EHI Retail Institute hat dazu mit dem Methodenpartner Scenario Management International (ScMI) neun Szenarien entwickelt und in der Studie „Die Zukunft der Handelslogistik 2036“ veröffentlicht. Beteiligt waren laut Studie Verantwortliche aus 16 großen Handelsunternehmen, darunter dm, Rewe, Hornbach, Douglas und die Otto Group, dazu Technologie- und Logistikdienstleister sowie Hochschulen. Das Team leitete aus 24 Schlüsselfaktoren, von Konsum und Regulierung bis Automatisierung, neun in sich schlüssige Zukunftsbilder ab.

Anschließend bewerteten die Teilnehmenden jedes Szenario auf einer Skala von 0 bis 100: wie nah es der heutigen Lage ist, wie sehr es der erwarteten und wie sehr der gewünschten Entwicklung bis 2036 entspricht. Die Werte seien „keine statistischen Eintrittswahrscheinlichkeiten“, betonen die Autoren.

Filiale vorn, virtuelle Welt dicht dahinter

Die höchste Übereinstimmung mit der erwarteten Zukunft erreicht mit 62 Punkten das Szenario „Stationäre Anker“. Darin bleiben Filialen zentral, werden aber zu Übergabe-, Service- und Versorgungsknoten in einem integrierten Netz. Das Lager ist hoch automatisiert, die Filiale deutlich weniger. Voraussetzung sind laut Studie unter anderem eine stärker konzentrierte Handelslandschaft und ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte.

Mit 61 Punkten folgt die „Virtuelle Erlebniswelt“. Hier entstehen Kaufentscheidungen vor allem in digitalen Räumen, die Bedeutung stationärer Geschäfte ist „stark reduziert“, die Logistik soll für die Kundschaft möglichst unsichtbar arbeiten. Zwei gegensätzliche Rollen der Filiale gelten damit als nahezu gleich plausibel. Die Studie selbst hält fest, die Erwartungen folgten „keiner einheitlichen Digitalisierungslogik“.

Erwartet, aber nicht gewollt

Am deutlichsten klaffen Erwartung und Wunsch beim Szenario „Dominante Logistiker“ auseinander: Wenige große Netzwerke steuern Warenströme, Daten und Schnittstellen, Handel und Industrie hängen von ihnen ab. Die Teilnehmenden erwarten diese Entwicklung mit 58 Punkten, gewünscht wird sie mit 19 Punkten, dem niedrigsten Wert aller Szenarien. Ähnlich fällt die Bewertung der „Vertikalen Händler“ aus, integrierter Konzerne, die Wertschöpfung und Kundenzugang kontrollieren: 54 Punkte bei der Erwartung, 23 beim Wunsch.

Am meisten gewünscht sind „Regionale Kreisläufe“ mit kooperativen, regionalen Netzen (71 Punkte) und die „Stationären Anker“ (68). Umgekehrt verhält es sich bei der „Gebremsten Innovation“, geprägt von Preisbewusstsein und Stabilität: Sie kommt der heutigen Lage laut Bewertung am nächsten (68 Punkte), als erwartete Zukunft erreicht sie mit 41 Punkten den niedrigsten Wert.

Kaufende KI-Agenten bleiben eine Randnotiz

Agentic Commerce, also KI-Agenten, die im Auftrag der Kundschaft suchen, vergleichen und bestellen, spielt in den Szenarien kaum eine Rolle. Im Anhang tauchen „agentenbasierte Kaufentscheidungen“ einmal auf: als eine von fünf denkbaren Entwicklungen des Faktors Kaufverhalten, auf den 2,8 Prozent der im Workshop codierten Nennungen entfielen. In den Beschreibungen der neun Szenarien findet sich diese Variante nicht wieder. Künstliche Intelligenz behandelt die Studie vor allem als Werkzeug im Betrieb, für Steuerung, Automatisierung und den Ersatz von Arbeitskraft. Die KI-Durchdringung ist dabei mit 8 Prozent der Nennungen der meistgenannte Einzelfaktor.

Die Workshops fanden im Frühjahr 2026 statt. Im Juli und August befragte das EHI für ein Whitepaper zu Agentic Commerce, erstellt im Auftrag des IT-Dienstleisters Softserve, 218 Personen aus dem Handel. Dort sahen 81,3 Prozent der Antwortenden für das Thema in fünf Jahren eine hohe Relevanz für den Einzelhandel.

„Technologie und KI werden die Handelslogistik bis 2036 weiter verändern. Entscheidend ist, wie schnell daraus tragfähige Anwendungen für Prozesse, Beschäftigte und Kunden entstehen“, sagt Tobias Röding, Lead Research Methodology beim EHI.

Was die Vorgängerstudie erwartete

Die Studie knüpft ausdrücklich an ein EHI-Projekt von 2016 an. Damals entwarfen EHI und ScMI ebenfalls neun Szenarien, für die Handelslogistik 2025. Das extremste, „Deserto“, beschrieb einen Handel ohne Läden, dominiert von Online-Pure-Playern mit eigener Logistik. So weit ist es nicht gekommen: Laut HDE-Online-Monitor 2026 lag der Onlineanteil am Einzelhandelsumsatz 2025 bei 13,5 Prozent. Die Neuauflage verweist selbst darauf, wie stark schwer vorhersehbare Ereignisse wie die Coronakrise die Branche seither geprägt haben.

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David Wöllenstein
RedaktionDavid Wöllenstein

Redakteur

David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle - zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von Kl im Handel. Zuvor war er beim Werbemagazin Campaign Germany tätig.

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