Techniker geht durch modernen europäischen Rechenzentrumsflur mit GPU-Serverracks
© Black Forest Labs / Flux

Milliarden für Rechenzentren, 15 Prozent Marktanteil: Wo Europas Cloud wirklich steht

Die Schwarz Gruppe kündigt ein Rechenzentrum für bis zu 5,6 Milliarden Euro bei Rostock an. Die Telekom hat mit Nvidia eine KI-Fabrik in München gebaut, SAP eine Behörden-Cloud auf Microsoft-Technik, und Brüssel schlägt vier Souveränitätsstufen vor. Trotzdem halten europäische Anbieter im eigenen Markt nur 15 Prozent. Eine Bestandsaufnahme.

David WöllensteinDavid WöllensteinRedakteur
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Es wird gebaut. Die Unternehmen der Schwarz Gruppe und die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern haben am 27. August eine Investition von bis zu 5,6 Milliarden Euro bis 2033 angekündigt: 240 Megawatt in Dummerstorf bei Rostock, perspektivisch ein Gigawatt bis 2045. Vorbehaltlich der Genehmigungen, wie es in der Mitteilung heißt; das Grundstück steht bislang nur „in Aussicht“, das Projekt befinde sich „in einem frühen Stadium“. Es ist das zweite Vorhaben dieser Art nach dem 200-Megawatt-Rechenzentrum in Lübbenau, dessen Spatenstich der Konzern als Meilenstein des Geschäftsjahres 2025 führt.

Es ist nicht das einzige Projekt dieser Größenordnung in Deutschland. Die Deutsche Telekom kündigte im November 2025 gemeinsam mit Nvidia eine Industrial AI Cloud in München an: bis zu 10.000 Blackwell-GPUs, 0,5 Exaflops Rechenleistung, rund eine Milliarde Euro Investitionsvolumen. Die KI-Rechenleistung in Deutschland steige dadurch um etwa 50 Prozent, so die Telekom. Buchbar sei die Kapazität seit dem ersten Quartal 2026. Als Technologieplattform nennen die Partner einen gemeinsam mit SAP entwickelten „Deutschland-Stack“.

Was der Markt trotzdem sagt

Auf die Marktanteile hat das bisher wenig Wirkung. Nach Daten von Synergy Research – veröffentlicht im Juli 2025 für das Jahr 2024 – halten europäische Anbieter rund 15 Prozent des europäischen Cloud-Markts. 2017 waren es 29 Prozent. Amazon, Microsoft und Google kommen zusammen auf 70 Prozent. Größte europäische Anbieter sind SAP und Deutsche Telekom mit je 2 Prozent, dahinter OVHcloud, Telecom Italia und Orange.

Der Markt selbst wächst kräftig: Für 2025 erwartete Synergy ein Plus von rund 24 Prozent. Die europäischen Anbieter wachsen mit – nur eben langsamer als der Markt. Synergy-Chefanalyst John Dinsdale begründet das mit der Kapitalintensität: US-Anbieter investierten rund zehn Milliarden Euro pro Quartal in europäische Kapazitäten, europäische Anbieter hätten sich überwiegend auf lokale Kundengruppen eingerichtet, teils als Partner der großen US-Anbieter.

Was Unternehmen wollen – und was sie zahlen

Auf der Nachfrageseite hat sich die Stimmung deutlich gedreht. Für den Cloud Report 2026 hat Bitkom Research zwischen KW 14 und KW 20 2026 repräsentativ 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten telefonisch befragt. 85 Prozent halten Deutschland demnach für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern, nach 78 Prozent im Vorjahr. 64 Prozent der Cloud-Nutzer sehen sich durch die Politik der US-Regierung gezwungen, ihre Cloud-Strategie zu überdenken – 2025 waren es 50 Prozent.

Zwischen Wunsch und Praxis liegt allerdings eine Lücke: 71 Prozent beziehen Cloud-Angebote aus den USA, bevorzugen würden das 8 Prozent. Deutsche Anbieter nutzen 53 Prozent, vorziehen würden sie 91 Prozent. Und 43 Prozent sagen, für ihre Anforderungen gebe es derzeit keine gleichwertigen europäischen Alternativen.

Die Zahlungsbereitschaft ist entsprechend begrenzt. 37 Prozent würden Nachteile in Kauf nehmen, um Daten ausschließlich in Deutschland verarbeiten zu lassen – 2025 waren es 27 Prozent. Aufgeschlüsselt: 25 Prozent würden längere Wartezeiten auf neue Funktionen akzeptieren, 14 Prozent auf einzelne Funktionen verzichten, 12 Prozent einen um 10 bis 20 Prozent höheren Preis zahlen. 58 Prozent lehnen solche Nachteile ab.

Brüssel definiert Souveränität in vier Stufen

Bislang konnte jeder Anbieter „souverän“ nennen, was er wollte. Das soll sich ändern. Die EU-Kommission hat am 3. Juni 2026 im Rahmen ihres Tech-Sovereignty-Pakets den Cloud and AI Development Act (CADA) vorgeschlagen – bislang ein Entwurf, kein geltendes Recht.

Der Vorschlag definiert vier Souveränitätsstufen, die öffentliche Stellen je nach Risikobewertung anwenden sollen: Stufe 1 verlangt Verarbeitung und Speicherung in der EU. Stufe 2 fordert nachgewiesene Unabhängigkeit von Drittstaaten und Transparenz über die Software-Lieferkette. Stufe 3 verlangt Eigentum und Kontrolle aus der EU sowie zusätzliche Kriterien bis hin zur Staatsangehörigkeit des Personals. Stufe 4 fordert vollständige Kontrolle über die Software-Lieferkette ohne Einflussmöglichkeit eines Drittstaats. Anbieter können sich nach einem Audit von Mitgliedstaaten einstufen lassen.

Daneben stehen im Entwurf infrastrukturelle Ziele: mindestens eine Verdreifachung der EU-Rechenzentrumskapazität in fünf bis sieben Jahren, schnellere Genehmigungen, besserer Zugang zu Energie, Flächen und Finanzierung.

Der Streit dreht sich um die Definition

Wie umkämpft der Begriff ist, zeigt das Beispiel Delos Cloud. Die SAP-Tochter stellt der öffentlichen Verwaltung eine nach eigenen Angaben „vollumfänglich souveräne“ Plattform bereit – technisch auf Basis von Microsoft Azure. Kritiker halten das für einen Widerspruch: Die Open Source Business Alliance warnte, letztlich verwende Delos Microsoft-Software, weshalb Datenabflüsse über Wartungsschnittstellen oder Telemetrie nie auszuschließen seien. Die Linken-Politikerin Anke Domscheit-Berg sprach von einer „Microsoft-Cloud im Delos-Mantel“. Beide Zitate stammen aus dem Jahr 2024, die Debatte ist seither nicht abgeschlossen.

Dieselbe Frage stellt sich bei den neuen Projekten: Die Münchner KI-Fabrik läuft auf Nvidia-Chips, und für Dummerstorf sind die Anforderungen an die Chip-Zusammenstellung laut Mitteilung noch nicht festgelegt. Souveränität ist danach kein Zustand, sondern eine Frage der Ebene – Standort, Betrieb, Eigentum, Lieferkette. Genau diese Ebenen staffelt der CADA-Entwurf.

Hinzu kommt die Zahl der Initiativen. Neben den Unternehmensprojekten laufen die EU-Initiative IPCEI-CIS mit dem Open-Source-Projekt ApeiroRA von SAP und Fraunhofer, das Projekt 8ra mit Telekom, Ionos, Bosch und Siemens sowie das im Februar gestartete European Edge Continuum mehrerer Telekommunikationsanbieter. Die Computerwoche fragt dazu, ob sich die Europäer angesichts der Marktmacht der US-Anbieter verzetteln – und am Ende Absichtserklärungen bleiben, weil Anwender doch zu den Hyperscalern gehen.

Was das für den Handel bedeutet

Für Händler ist die Lage damit übersichtlicher, als die Debatte vermuten lässt. Kurzfristig ändert sich wenig: Die Kapazität in Dummerstorf soll frühestens 2033 vollständig stehen, CADA ist ein Entwurf, und gleichwertige europäische Alternativen fehlen nach Einschätzung von 43 Prozent der Unternehmen bislang.

Mittelfristig verschiebt sich zweierlei. Erstens wird „souverän“ prüfbar: Wenn die vier Stufen kommen, lässt sich eine Anbieterzusage an einer Skala messen statt an einer Marketingaussage. Zweitens ändert sich, wer im Handel als Anbieter auftritt. Schwarz Digits, die IT-Sparte hinter STACKIT, erzielte 2025 einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro, ein Plus von 15,8 Prozent – erwirtschaftet im selben Konzern, der mit Lidl und Kaufland im Wettbewerb zu potenziellen Kunden steht und dessen Marktplatz nach Konzernangaben inzwischen in sieben europäischen Ländern aktiv ist.

Offene Fragen

Ungeklärt ist, wie viel der geplanten Kapazität in Dummerstorf für Dritte vorgesehen ist; die Mitteilung nennt das eigene Ökosystem einerseits und die Skalierung souveräner IT-Lösungen andererseits, ohne Anteile zu beziffern. Offen ist auch der aktuelle Stand der Bundes-Prüfung zur Delos Cloud, der zuletzt öffentlich 2024 dokumentiert war. Und ob aus dem CADA-Entwurf geltendes Recht wird, entscheidet sich erst im weiteren Gesetzgebungsverfahren.

Einzuordnen bleibt die Größenordnung: 240 Megawatt in Dummerstorf, 200 Megawatt in Lübbenau und bis zu 10.000 GPUs in München sind erhebliche Zahlen. Gegen 70 Prozent Marktanteil sind sie bislang vor allem eines – ein Anfang.

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David Wöllenstein
RedaktionDavid Wöllenstein

Redakteur

David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.

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