Mittelständler warten bei Digitalisierung ab

Mittelständler warten bei Digitalisierung ab

Unternehmern sind Kostenreduzierung und Effizienzsteigerung wichtiger als Investitionen in Wachstum und Innovation, zeigt eine Studie. Sie sollten aber aufpassen, bei entscheidenden digitalen Trends den Anschluss nicht zu verpassen.

SRSybille RoemerRedakteurin
4 Min.· Aktualisiert am
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Bereits jedes sechste Unternehmen in Deutschland zählt sich heute zu den digitalen Pionieren. "Das sind Unternehmen, die überdurchschnittlich stark und erfolgreich auf neue Trends der Digitalisierung setzen, zum Beispiel, um Wertschöpfungsketten zu vernetzen oder um ihre Produkte zu individualisieren", erläuterte Markus Beumer, Vorstand der Commerzbank und verantwortlich für das Mittelstandsgeschäft. "Diese Vorreiter gibt es in allen Branchen und unabhängig von der Unternehmensgröße oder dem Alter der Manager." Allerdings wartet die Mehrheit der Unternehmen noch ab: 63 Prozent der Befragten räumten ein, dass der Mittelstand das Thema Digitalisierung derzeit eher vernachlässige.

Händler besonders betroffen

Den technologischen Wandel spüren Einzelhändler deutlicher als die anderen Branchen: Knapp jede zweite befragte Führungskraft aus dem Handel gab an, dass die digitale Entwicklung das bewährte Geschäftsmodell bedroht. Im Großhandel waren es 36 Prozent, bei den Dienstleistern knapp jeder vierte, im Verarbeitenden Gewerbe jeder fünfte und im Baugewerbe jeder zehnte Befragte. Drei von zehn der befragten mittelständischen Händler gaben zudem an, dass innovative Nischenanbieter dafür sorgen, dass die Karten im Wettbewerb neu gemischt werden, jeder dritte, dass branchenfremde Wettbewerber in den Markt drängen.

Zwei Drittel aller Befragten bewegen sich nach eigenem Bekunden in Märkten, die durch ausgereifte Produkte und Dienstleistungen, starken Verdrängungswettbewerb und immer kürzere Produkt- und Innovationszyklen gekennzeichnet sind. Wichtige Herausforderungen sind aus Sicht der Unternehmer in dieser Situation eher Kostenreduktion (43 Prozent) und Produktivitätssteigerung (40 Prozent) als die Entwicklung von Produkt- und Dienstleistungsinnovationen (37 Prozent) oder die Erschließung neuer Vertriebswege (32 Prozent).

"Der Fokus auf Kosten und Effizienzsteigerung ist sicher nie falsch, aber es erscheint sinnvoll, Digitalisierung nicht in erster Linie unter dem Gesichtspunkt der Kosteneffizienz zu betrachten", sagte Stefan Groß-Selbeck, Partner und Geschäftsführer der Start-up-Einheit des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group, BCG Digital Ventures. "Traditionelle Unternehmen können hier von Start-ups lernen, indem sie neue Technologien nicht nur einsetzen, um Produktivitätsfortschritte zu erzielen, sondern auch ganz neue Wege ausprobieren, um neue Kundengruppen und Vertriebswege zu erschließen und neue Angebote zu schaffen", empfahl er.

Zurückhaltung bei Schlüsseltechnologien

Die Mehrheit der Unternehmen ist unterdessen noch bei vielen aktuell diskutierten digitalen Themen zurückhaltend. So sieht beispielsweise zwar jeder vierte Befragte Big Data als Chance, aber 8 Prozent gaben an, die Technologie rund um die komplexen Datenmengen als Bedrohung zu empfinden. Cloud Computing, bei dem IT-Ressourcen über das Internet oder Intranet zur Verfügung gestellt werden, halten 31 Prozent der Befragten für eine Chance und 7 Prozent als Bedrohung.

"Unternehmen setzen aber selbstverständlich auf Onlinemarketing, optimieren die Administration, ermöglichen Arbeiten aus dem Homeoffice oder bieten Onlineservices an", berichtete Beumer. Der Studie zufolge sehen fast zwei von drei Befragte Onlinemarketing und 61 Prozent das mobile Internet als Chance, während jeweils 2 Prozent diese Technologien als bedrohlich empfinden. Mit 47 Prozent hält fast jeder zweite E-Commerce  für eine bedeutende, positive Schlüsseltechnologie, während 6 Prozent sie als Bedrohung bewertet. Die Sozialen Medien werden von 42 Prozent der Mittelständler als Chance und von 5 Prozent als Bedrohung empfunden.

Management gefragt

Die größten Herausforderungen für die Unternehmen liegen der Studie zufolge in der Komplexität und der Geschwindigkeit der technischen Entwicklung (52 Prozent), im hohen Investitionsbedarf (50 Prozent), in Datenschutzfragen (49 Prozent) und im Fehlen verlässlicher Standards (42 Prozent) – all das führe dazu, dass sich viele Unternehmen in Bezug auf die Digitalisierung erst einmal abwartend verhalten.

"Der Einzug der digitalen Technologien bietet große Chancen, ist aber auch eine gewaltige Managementaufgabe, weil Entscheidungen schnell getroffen werden müssen und es sich heftig rächt, beim entscheidenden Trend den Anschluss zu verpassen", warnte Beumer. "Mit der Komplexität des digitalen Wandels umzugehen, ist eine der wesentlichen Herausforderungen für Manager".

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SR
Geschrieben vonSybille Roemer

Redakteurin

Sybille Roemer kennt als Redakteurin der afz – allgemeine fleischer zeitung die Herausforderungen der Digitalisierung in Metzgerei und Einzelhandel. Der Autorin der Fachbücher "Praxisführer E-Commerce" und "Erfolgsfaktor Online-Handel" und Dozentin an der Philipps-Universität Marburg ist wichtig, stets die Kundenperspektive im Blick zu haben: Digitalisierung sollte kein Selbstzweck sein, sondern Vorteile für alle Beteiligten bringen.

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