Hier drücken Algorithmen die Retouren

Hier drücken Algorithmen die Retouren

Wenn Hose & Co. nicht passen, werden sie zurückgeschickt. Entweder können Modehändler versuchen, Retouren durch Algorithmen am Anfang zu vermeiden, oder sie erheben die Gewichtsschwankungen der Kunden zum Serviceprinzip.

SRSybille RoemerRedakteurin
5 Min.· Aktualisiert am
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Also bestellt man gerne ein bisschen mehr Kleidung, als man eigentlich braucht, sucht das Passende aus und schickt den Rest zurück. Und der Händler hat den Ärger und nicht unerhebliche Kosten mit den Retouren.

Ändern will das unter anderm das deutsche Start-up Dresslife: Die Gründer Julian Hensolt und Djamal Oucherif haben eine Software entwickelt, die Daten von Mode-Onlineshops analysiert und dadurch ganz genau ermitteln will, welche Kleidergröße dem Nutzer beim jeweiligen Anbieter am besten passt.„Durch einheitliches Vermessen und digitale Schnittmuster ist eine marken- und produktübergreifende Vergleichbarkeit von Kleidung möglich, was zu einer erheblich höheren statistischen Masse führt“, heißt es bei venturevilla.de, der Website des neuen Angebots für die hannoversche Gründerszene, die in der gleichnamigen Jugendstil-Villa beheimatet ist.

Das System ist klüger

So nutzen die Gründer die Maße der Kunden und rund 100 Metaparameter zu einzelnen Kleidungsstücken wie Dehnbarkeit, Dämpfung und Dichte. Diese bringen sie dann mit den Kundendaten, um die optimale Größe für jeden Kunden herauszufinden. So will Dresslife sicherstellen, dass die bestellte Jeans beim Anprobieren nicht zwickt, sondern vor allem auch die Retourenraten senken – um bis zu 70 Prozent.

Für den Konsumenten ist das Prozedere nicht so aufwändig: Nach Eingabe von Geschlecht, Größe und Gewicht berechnet Dresslife mit Hilfe einer statistischen Simulation, welche Größe der Kunde wirklich für welches Kleidungsstück benötigt. Nach der ersten Retoure ist das System dann noch klüger: Wenn ein Kunde beispielsweise fünf Kleidungsstücke behält und fünf zurückschickt, weiß der Algorithmus recht genau, welche Modelle dem Kunden passen.
Wenn der Kunde also zwei verschiedene Größen einer Hose in den Warenkorb legt, wird er sehr wahrscheinlich eine der beiden zurückschicken. Mit Dresslife kann der Händler daher im Warenkorb mit Hilfe eines Popups nach Größe, Gewicht und Geschlecht des Kunden fragen. Weil die Software weiß, dass Hosen der einen Marke besonders eng ausfallen oder Größe 38 bei diesem Anbieter eigentlich Größe 40 entsprechen, kann der Händler dem Kunden sagen, dass er die „falsche“ Größe aus dem Warenkorb löschen kann und sich somit nicht um die Rücksendung kümmern muss. Schon länger probieren Onlinehändler, den stationären Vorteil der Anprobe wettzumachen und die Rücksendungen zu vermindern, weil ein Kleidungsstück nicht passt. Doch die meisten versuche waren bisher recht umständlich: Die Technische Universität München hat beispielsweise 2014 im Auftrag des Berliner Personal-Shopping-Services für Männer „Outfittery“ einen Körperscanner für den Online-Modehandel entwickelt. Mittels Infrarot-Technik vermisst der Scanner die Körperoberfläche. Die Daten werden zu einem digitalen 3D-Körpermodell zusammengesetzt, sodass die korrekte Kleidergröße ermittelt wird. Der „Männer-Scanner“ sollte stationär in Flughäfen, Shoppingcentern, Banken und auf öffentlichen Plätzen installiert werden. Gehört hat man seitdem aber nicht mehr viel. Und was ist, wenn der Kunde heute Größe X und morgen Größe Y hat? Da gibt es Modehändler, die ein lebenslanges Umtauschrecht versprechen, zum Beispiel Lands End: "Alle bei uns gekauften Artikel können jederzeit zurückgeschickt werden", heißt es auf der deutschen Website des amerikanischen Unternehmens.In der Praxis funktioniert das aber nicht unbegrenzt: Manche rücksendefreudige Kundinnen mit Jojo-Effekt werden ohne Vorwarnung rausgeworfen, mache bekommen noch einen Brief, dass sie es mit dem lebenslangem Umtauschrecht übertrieben haben. Lands End äußert sich nicht dazu, ab welcher individuellen Retourenquote es in Deutschland welche Methode ergreift und wie viele Kunden der Lieferstop betrifft.Da das mit dem Gewicht bei Frauen immer so eine Sache ist, hat das amerikanische Plus-Size-Bekleidungs-Startup Universal Standard eine Modelinie namens Universal Fit Liberty ins Leben gerufen, bei dem Frauen während des ersten Kaufjahres die Kleidungsstücke ohne zusätzliche Kosten in eine andere Größe umtauschen können. Die Kleidung wird gespendet.Gegründet wurde Universal Standard vor rund zwei Jahren von Alexandra Waldman, der die Mode in großen Größen nicht besonders gefiel, weil sie oft billig war oder zumindest billig aussah. Zwar haben rund 67 Prozent der amerikanischen Frauen haben Größe 14 (Europa: 44) oder größer, aber ihr Anteil an den Bekleidungseinkäufen beträgt nur 18 Prozent. Waldmans Meinung nach ist der Anteil nicht deshalb so gering, weil Plus-Size-Frauen nicht daran interessiert sind, Kleidung zu kaufen. Sondern vielmehr, weil es einen Mangel an guten Optionen gibt.Hinzu kommt, dass viele Frauen, die irgendwann bei einer großen Größe landen, nicht glauben, dass sie bei diesem Gewicht lange bleiben werden und sich Sorgen machen, ob sich die Investitionen in teure Kleidung lohnt – entweder, weil sie planen das Gewicht zu verlieren oder umgekehrt nicht wissen, warum sie zugelegt haben und ängstlich sind, dass die Gewichtszunahme weitergeht.

Dem Teufelskreis ein Ende machen

„Frauen haben sich von sich selbst distanziert, weil sie nicht akzeptieren wollten, was sie im Spiegel sahen“, sagt Waldman. „So kauften sie billige Kleider, die sie vorübergehend tragen wollten, oder sie kauften Kleider, die zu klein waren. Wir wollten eine Lösung finden, die diesem Teufelskreis ein Ende setzt.“

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SR
Geschrieben vonSybille Roemer

Redakteurin

Sybille Roemer kennt als Redakteurin der afz – allgemeine fleischer zeitung die Herausforderungen der Digitalisierung in Metzgerei und Einzelhandel. Der Autorin der Fachbücher "Praxisführer E-Commerce" und "Erfolgsfaktor Online-Handel" und Dozentin an der Philipps-Universität Marburg ist wichtig, stets die Kundenperspektive im Blick zu haben: Digitalisierung sollte kein Selbstzweck sein, sondern Vorteile für alle Beteiligten bringen.

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