Frau shoppt entspannt zuhause auf Tablet mit personalisierten Empfehlungen im Onlineshop — Variante B
© Higgsfield / Soul

Personalisierung ohne Creepy-Effekt: Warum Händler ihre Kunden nicht besser kennen sollten als deren beste Freunde

Personalisierung kippt genau dann, wenn Kunden sich beobachtet statt bedient fühlen. Michael Witzenleiter, Gründer von Pryvet und Mitglied des Etailment-Expertenrats, argumentiert, warum die entscheidende Kennzahl im Handel künftig nicht Conversion heißt, sondern Vertrauen.

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Es gibt diesen einen Moment, in dem Personalisierung plötzlich kippt.

Wenn Spotify dir am Montagmorgen genau den Song vorschlägt, den du gerade hören möchtest, fühlt sich das intelligent an. Wenn Netflix nach zwei Folgen die nächste Lieblingsserie findet, spricht niemand über Datenschutz. Im Gegenteil. Wir nennen das Komfort.

Doch derselbe Nutzer reagiert völlig anders, wenn ein Onlineshop ihm mitteilt, dass die Sneaker, die er gestern Abend um 22:43 Uhr angesehen hat, inzwischen wieder in Größe 43 verfügbar sind. Obwohl technisch betrachtet kaum ein Unterschied besteht, fühlt sich das plötzlich nicht mehr nach Service an. Sondern nach Überwachung.

Genau diese Grenze wird den E-Commerce in den kommenden Jahren beschäftigen.

Denn noch nie war es so einfach, Kunden individuell anzusprechen. Künstliche Intelligenz analysiert Suchverhalten, Kaufhistorien, Warenkörbe und Interessen in Echtzeit. Sie entscheidet, welche Produkte wir zuerst sehen, welche Bilder uns angezeigt werden, welche Reihenfolge Kategorien haben und welche Angebote im Newsletter landen. Zwei Besucher betreten denselben Shop und erleben inzwischen oft zwei völlig unterschiedliche Einkaufserlebnisse.

Die Technologie ist längst nicht mehr die Herausforderung. Die eigentliche Frage lautet heute: Wie viel Personalisierung fühlt sich noch hilfreich an und ab wann wird sie unangenehm?

Viele Händler beantworten diese Frage noch immer mit einem simplen Reflex. Mehr Daten müssen automatisch bessere Personalisierung bedeuten. Also wird getrackt, segmentiert und analysiert, was technisch möglich ist. Dabei wird häufig übersehen, dass Personalisierung kein Selbstzweck ist. Sie soll dem Kunden Arbeit abnehmen und keine Demonstration der eigenen Datenkompetenz sein.

Amazon zeigt seit Jahren, dass diese Balance funktionieren kann. Kaum ein Unternehmen personalisiert stärker. Produktempfehlungen, Suchergebnisse, Startseiten und selbst Bundles unterscheiden sich von Nutzer zu Nutzer. Trotzdem dürften die wenigsten Kunden Amazon als aufdringlich empfinden. Der Grund ist erstaunlich einfach. Amazon stellt nicht die Daten in den Vordergrund, sondern den Nutzen. Der Kunde denkt nicht: Amazon weiß unglaublich viel über mich. Er denkt: Praktisch, genau das habe ich gesucht.

Diese Erkenntnis wird für viele Händler wichtiger sein als die nächste KI-Funktion.

Besonders spannend wird das Thema beim Preis. Technisch ist personalisiertes Pricing längst keine Zukunftsmusik mehr. Algorithmen könnten heute problemlos berechnen, welcher Kunde bereit wäre, für denselben Artikel zehn Euro mehr zu bezahlen als ein anderer. Betriebswirtschaftlich klingt das zunächst verlockend. Doch genau hier verläuft eine rote Linie.

Kunden akzeptieren schwankende Flugpreise oder Hotelpreise, weil sie die Mechanismen dahinter verstehen. Vieles spricht dafür, dass sie kaum akzeptieren, dass zwei Menschen denselben Pullover zu unterschiedlichen Preisen kaufen, nur weil ein Algorithmus ihre Zahlungsbereitschaft unterschiedlich bewertet. Der kurzfristige Margengewinn dürfte in den meisten Fällen deutlich kleiner sein als der langfristige Vertrauensverlust. Hinzu kommt eine rechtliche Transparenzpflicht: Seit 2022 müssen Verbraucher vor Vertragsschluss darauf hingewiesen werden, wenn der Preis auf Grundlage automatisierter Entscheidungsfindung personalisiert wurde.

Dabei liegt die eigentliche Chance der Personalisierung ohnehin woanders.

Nicht jeder Kunde muss denselben Einstieg in einen Shop sehen. Der passionierte Läufer erwartet andere Inhalte als die junge Familie. Ein Stammkunde möchte möglichst schnell zum Produkt gelangen, während ein Neukunde Orientierung benötigt. Genau hier spielt künstliche Intelligenz ihre Stärken aus. Sie kann Inhalte, Reihenfolgen, Produktbeschreibungen oder Empfehlungen dynamisch anpassen, ohne dass sich der Kunde dabei beobachtet fühlt. Personalisierung wird dann zum Service und nicht zum Selbstzweck.

Interessanterweise wird genau das zur neuen Herausforderung im Zeitalter generativer KI. Denn erstmals lassen sich nicht nur Produktempfehlungen personalisieren, sondern komplette Einkaufserlebnisse. Produkttexte können unterschiedlich formuliert werden, Banner individuell entstehen und Landingpages sich innerhalb von Sekunden an den jeweiligen Besucher anpassen. Die Versuchung, immer persönlicher zu werden, wird entsprechend groß sein.

Umso wichtiger wird eine Eigenschaft, über die im E-Commerce bislang erstaunlich wenig gesprochen wird: Zurückhaltung.

Nicht alles, was technisch möglich ist, verbessert auch das Kundenerlebnis. Im Gegenteil. Manche Personalisierung entfaltet ihre größte Wirkung gerade dadurch, dass sie unsichtbar bleibt. Der Kunde soll merken, dass ein Shop ihn versteht. Er sollte aber möglichst nie das Gefühl bekommen, dass ein Shop ihn beobachtet.

Vielleicht verschiebt sich deshalb auch die wichtigste Kennzahl im digitalen Handel. Jahrelang drehte sich alles um Conversion Rates, Warenkörbe und Klickpfade. Künftig könnte Vertrauen zur eigentlichen Erfolgskennzahl werden. Denn mit jeder neuen KI-Anwendung steigt auch die Verantwortung, sie klug einzusetzen.

Am Ende werden nicht die Händler gewinnen, die ihre Kunden am detailliertesten analysieren. Gewinnen werden diejenigen, die den schmalen Grat zwischen Relevanz und Aufdringlichkeit beherrschen. Denn die beste Personalisierung ist nicht die, die am meisten über den Kunden weiß.

Sondern die, die ihm das Gefühl gibt, verstanden zu werden, ohne sich jemals beobachtet zu fühlen.

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Michael Witzenleiter
Geschrieben vonMichael Witzenleiter

etailment Experte

Michael Witzenleiter beschäftigt sich seit mehr als 17 Jahren mit Analytics, Generative AI und Conversion-Optimierung. Als Geschäftsführer des Experimentation- und Personalisierungsanbieters Kameleoon verantwortete er den Aufbau der Marke im DACH-Raum. Zuletzt gründete er mit Conversion Maker und pryvet.ai zwei Start-ups im Bereich KI-Lösungen für den Enterprise-Einsatz. Er ist Autor mehrerer Fachbücher und hat nach eigenen Angaben mehr als 250 E-Commerce-Unternehmen beraten.

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