In Europa deckelt die Interchange, was Stablecoins in den USA einsparen
Das häufigste Argument für Stablecoins im Handel ist das Kostenargument. Stripe bietet Stablecoin-Akzeptanz zu einer Pauschale von 1,5 Prozent je Transaktion an – gegenüber dem US-Standardtarif von 2,9 Prozent plus 30 Cent eine spürbare Ersparnis. In Europa greift diese Rechnung nur eingeschränkt.
Die EU-Verordnung über Interbankenentgelte (EU) 2015/751 deckelt seit Dezember 2015 die Interchange bei in der EU ausgegebenen Karten auf 0,2 Prozent (Debit) und 0,3 Prozent (Kredit). Die Interchange ist nur ein Bestandteil des Händlerentgelts – Scheme Fees und Acquirer-Marge kommen hinzu –, aber sie ist der größte regulierte Block, und sie sorgt dafür, dass Kartenakzeptanz in der EU strukturell günstiger ist als in den USA. Eine Stablecoin-Pauschale von 1,5 Prozent unterbietet den europäischen Kartenstandard nicht automatisch, sondern liegt in vielen Konstellationen darüber.
Der deutsche Zahlungsmix gibt wenig her
Nach der EHI-Studie „Online-Payment 2026" entfielen 2025 auf PayPal 28,7 Prozent und auf den Rechnungskauf 26,1 Prozent des Onlineumsatzes. Beide Verfahren verbindet, dass sie dem Kunden Zahlungssicherheit oder Zahlungsaufschub bieten.
Eine Stablecoin-Zahlung ist final und nicht rückbuchbar – für den Händler ein Vorteil bei Chargebacks, für den Kunden der Verlust eines Schutzmechanismus, den der deutsche Onlinehandel seit Jahren als Standard etabliert hat. Wer das Verfahren im B2C-Checkout anbieten will, ersetzt damit nicht einfach eine Zahlart durch eine günstigere, sondern verändert die Risikoverteilung zwischen Käufer und Verkäufer.
Ein zweiter Punkt betrifft das Treasury: Artikel 50 MiCA untersagt Emittenten und Dienstleistern, auf E-Geld-Token Zinsen oder zinsähnliche Vergütungen zu gewähren (für wertreferenzierte Token gilt Artikel 40 entsprechend). Ein Euro-Stablecoin-Guthaben im Firmenbestand erwirtschaftet also nichts – anders als ein Tagesgeldkonto. Die EU-Kommission hat das Verbot in ihrer seit Mai 2026 laufenden MiCA-Konsultation zur Diskussion gestellt – entschieden ist nichts.
Wo die Rechnung anders aussieht
Grenzüberschreitende Zahlungsflüsse, Marktplatz-Auszahlungen an Händler außerhalb der Eurozone, B2B-Settlement in Korridoren mit teuren Korrespondenzbanken sowie Auszahlungen außerhalb der Bankgeschäftszeiten: Dort ist der Vergleichsmaßstab nicht die Kartengebühr, sondern die Auslandsüberweisung und der Abstand ist erheblich.
Der realistische Integrationspfad läuft ohnehin nicht über die eigene Wallet-Infrastruktur. Shopify hat im Juni 2025 USDC-Zahlungen auf Base in Shopify Payments integriert, zunächst im Early Access; Händler erhalten die Auszahlung nach Angaben des Unternehmens standardmäßig in Landeswährung. Das Muster dürfte prägend sein: Der Stablecoin läuft im Hintergrund als Abwicklungsschiene, der Händler sieht Euro auf dem Konto. Wer heute etwas prüfen will, prüft in der Regel nicht „Stablecoin ja/nein", sondern ob der eigene PSP das Verfahren anbietet und zu welchen Konditionen.
Offene Fragen
Vier Punkte lassen sich aus heutiger Sicht nicht beantworten:
- Wer liefert die Nachfrage? Der bisherige Euro-Stablecoin-Umsatz stammt überwiegend aus Handels- und Settlement-Anwendungen, nicht aus Endkundenzahlungen. Revolut bringt mit über 80 Millionen Kunden erstmals einen Massenkanal ins Spiel – ob daraus Zahlungsvolumen im Handel wird, ist eine Verhaltensfrage, keine technische.
- Wie verhält sich der digitale Euro zum privaten Angebot? Beide zielen auf denselben Anwendungsfall. Eine Koexistenz ist möglich, eine Verdrängung in beide Richtungen ebenfalls.
- Fällt das Zinsverbot? Es entscheidet mit darüber, ob Stablecoin-Guthaben für Unternehmen mehr sein können als ein Durchlaufposten.
- Setzt sich ein Sicherheitsstandard oberhalb von MiCA durch? Nach dem Exploit beim maltesischen Emittenten StablR im Mai 2026 – nachzulesen in Teil 1 dieser Standortbestimmung – ist das eine Frage der Anbieterauswahl, nicht der Regulierung. [Link auf Teil 1 nachtragen]
Für Händler heißt das vorerst: Der Markt ist zu klein, um im deutschen Checkout eine Rolle zu spielen, und zu ernsthaft finanziert, um ihn zu ignorieren. Die naheliegende Vorbereitung ist ein Gespräch mit dem eigenen Payment-Dienstleister über Roadmap und Konditionen – nicht ein eigenes Integrationsprojekt.

Redakteur
David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.
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