Finanzexpertin prüft KI-Ergebnisse akribisch mit Papierunterlagen im Büro
© Black Forest Labs / Flux

Die Verifizierungssteuer: KI frisst die eigene Effizienz

Der Prüfaufwand für KI-Ergebnisse zehrt die versprochenen Effizienzgewinne in Finanzabteilungen wieder auf, zitiert Heise.de eine Studie von Sage. Fast jeder dritte deutsche Finanzentscheider validiere wöchentlich 15 bis 29 Stunden lang KI-Ergebnisse, weitere 18 Prozent sogar über 30 Stunden. Im Gesamtdurchschnitt fließe gut ein Viertel der eingesparten Zeit zurück in die Kontrolle. Der Grund sei selten ein Irrtum, sondern die fehlende Nachvollziehbarkeit der Angaben: 68 Prozent misstrauten einem undurchsichtigen Tool selbst bei 99 Prozent Trefferquote.

David WöllensteinDavid WöllensteinRedakteur
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KI in Finanzabteilungen: Effizienzgewinn mit Kontrollaufwand

Künstliche Intelligenz soll Finanzabteilungen entlasten: durch automatisierte Buchhaltung, schnellere Berichte und präzisere Prognosen. Eine von Heise.de zitierte Studie des Analystenhauses IDC im Auftrag von Sage zeigt jedoch, dass der praktische Nutzen vieler KI-Anwendungen durch hohen Prüfaufwand deutlich geschmälert wird. Statt vollständig autonomer Prozesse entsteht in vielen Unternehmen eine zusätzliche Kontrollinstanz.

Für die Untersuchung wurden im Februar 2026 weltweit 2.275 hochrangige Finanzentscheider aus kleinen und mittleren Unternehmen befragt. Die Stichprobe umfasst 17 Branchen in Nordamerika, Europa und dem Nahen Osten, darunter Deutschland. IDC beschreibt die Ergebnisse als Hinweis auf eine neue „Verifizierungssteuer“: Gemeint ist die Arbeitszeit, die Finanzverantwortliche aufwenden müssen, um KI-generierte Daten manuell auf Plausibilität, Richtigkeit und Nachvollziehbarkeit zu prüfen.

Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt in Deutschland. Fast jeder dritte Finanzentscheider validiert wöchentlich 15 bis 29 Stunden lang KI-Ergebnisse. Weitere 18 Prozent benötigen dafür sogar mehr als 30 Stunden pro Woche. Im Durchschnitt fließen hierzulande 28 Prozent der durch KI eingesparten Zeit wieder in die Kontrolle der Ergebnisse zurück. Damit wird ein erheblicher Teil jener Effizienzgewinne aufgezehrt, die KI-Systeme eigentlich ermöglichen sollen.

Transparenz wird zum entscheidenden Kriterium

Das Kernproblem liegt laut Studie weniger in offensichtlichen Fehlern als in der fehlenden Nachvollziehbarkeit. Finanzabteilungen können Berichte, Prognosen oder Entscheidungsgrundlagen nicht ohne Weiteres freigeben, wenn Annahmen, Datenquellen und Berechnungswege unklar bleiben. Dieses Misstrauen prägt bereits die Softwareauswahl: 68 Prozent der deutschen Finanzführungskräfte würden ein KI-Tool ablehnen, das seine Ergebnisse nicht transparent begründet – selbst bei einer versprochenen Trefferquote von 99 Prozent. Weltweit liegt der Anteil mit 71 Prozent noch höher.

Die Reaktion des Marktes geht in Richtung sogenannter Glass-Box-Ansätze. Solche Systeme sollen Entscheidungswege, verwendete Quellen und Berechnungen offenlegen. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen wäre bereit, für diese Transparenz einen Aufpreis zu zahlen. Im Durchschnitt liegt die genannte Transparenzprämie bei elf Prozent über den Standard-Lizenzkosten, bei besonders zahlungsbereiten Firmen bei rund 20 Prozent. Besonders ausgeprägt ist die Zahlungsbereitschaft in stark regulierten Branchen wie Gesundheitswesen, Bau und Finanzwirtschaft.

Neue Rolle für Finanzführungskräfte

Die Studie zeigt zugleich, dass sich das Profil von Finanzverantwortlichen verändert. Bei Neueinstellungen gewinnen Risikobewertung, verantwortungsvolle Steuerung und Entscheidungsfähigkeit an Bedeutung. Der CFO entwickelt sich zunehmend zur zentralen Instanz für die unternehmensweite KI-Governance. Knapp 70 Prozent der Befragten erwarten, dass die Fähigkeit, KI-Entscheidungen zu erklären, bis 2030 für CFOs ebenso wichtig sein wird wie das Lesen einer Bilanz.

Der Traum von der vollautonomen Finanzabteilung bleibt vorerst unrealistisch. Nur vier Prozent der Unternehmen sehen sich bereits weitgehend autonom aufgestellt, während 62 Prozent weiterhin auf manuelle oder regelbasierte Prozesse setzen. Absehbar dominieren hybride Modelle: KI beschleunigt Analysen, Datenabgleiche und Berichtsentwürfe, die abschließende Bewertung bleibt jedoch beim Menschen.

Für Softwareanbieter verschiebt sich damit der Wettbewerb. Entscheidend ist nicht allein die Leistungsfähigkeit eines KI-Modells, sondern vor allem die Fähigkeit, Vertrauen zu schaffen und Prüfaufwand zu reduzieren. Transparente, nachvollziehbare Systeme werden für Finanzabteilungen damit zum zentralen Maßstab für den produktiven Einsatz von KI.

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David Wöllenstein
Geschrieben vonDavid Wöllenstein

Redakteur

David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.

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