Amazons Preisversprechen trifft auf ein wachsendes Werbeproblem
Amazon reklamiert für 2025 erneut die niedrigsten Online-Preise unter großen US-Händlern. Nach Angaben des Konzerns lagen die eigenen Preise im Schnitt 14 Prozent niedriger als bei vergleichbaren Wettbewerbern. Grundlage sei ein Vergleich von mehr als 10.000 identischen Produkten. Weltweit hätten Kundinnen und Kunden durch Deals und Coupons zudem mehr als 50 Milliarden US-Dollar gespart. Darüber berichtet auch Haendlerbund.de.
Die Zahlen sind für den Konzern werbewirksam, bleiben aber erklärungsbedürftig. Die von Amazon zitierte Analyse wird nicht namentlich genannt; eine unabhängige Prüfung liegt nicht vor. Auch bei den ausgewiesenen Ersparnissen bleibt offen, welcher Vergleichswert für die Berechnung zugrunde gelegt wurde. Damit steht die Preisbilanz zwar als starke Unternehmensbotschaft im Raum, sie ist aber nicht unabhängig belegt.
Amazon verweist darauf, eigene Einzelhandels- und Lebensmittelpreise fortlaufend mit denen der Konkurrenz zu vergleichen und entsprechend anzupassen. Diese Zusage betrifft jedoch nur Preise, die der Konzern selbst kontrolliert. Mehr als 60 Prozent der auf der Plattform verkauften Artikel stammen nach Unternehmensangaben von unabhängigen Drittanbietern. Für diese Händler gilt: Sie bestimmen ihre Preise selbst, konkurrieren aber innerhalb eines Marktplatzes, dessen Sichtbarkeit zunehmend von weiteren Faktoren abhängt.
Der zentrale Diskussionspunkt für den E-Commerce liegt deshalb weniger in der reinen Sparsumme als im Umfeld, in dem sie kommuniziert wird. Amazons Werbegeschäft ist binnen vier Jahren von 29 Milliarden US-Dollar auf 68,6 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 gewachsen und nähert sich damit der Marke von 69 Milliarden US-Dollar. Je stärker gesponserte Platzierungen Suchergebnisse prägen, desto dringlicher wird die Frage, ob der prominenteste Treffer auch tatsächlich der günstigste ist.
Für Händlerinnen und Händler entsteht daraus ein strategischer Zielkonflikt. Niedrige Preise und gute Bewertungen bleiben wichtig, reichen aber nicht zwingend aus, wenn Wettbewerber zusätzlich in Anzeigen investieren. Ein Agenturvertreter soll ein bezahltes Amazon-Projekt für eine Handelsmarke abgelehnt haben, weil generische Produkte selbst mit Werbebudget kaum gegen Anbieter mit bis zu 40 Prozent niedrigeren Preisen und umfangreichen Bewertungen bestehen könnten. Sichtbarkeit hängt damit zunehmend vom Werbebudget ab — ein Punkt, den Amazons Preisbilanz nicht adressiert.
Für Seller auf Amazon oder Ebay bedeutet das: Wer auf großen Marktplätzen wachsen will, muss Preise, Bewertungen, Ranking-Mechaniken und Marketing zusammendenken. Genau hier setzt der Händlerbund SellerDay am 29.10.2026 in Leipzig an. Dort geben erfolgreiche Seller praxisnahe Einblicke in Ranking, Ads und Skalierung auf den großen Marktplätzen — relevant für alle, die ihre Angebote nicht nur günstig, sondern auch sichtbar positionieren wollen.

Redakteur
David Wöllenstein ist Redakteur bei etailment und „Der Handel“. Er schreibt über E-Commerce, Retail-Technologie und digitale Geschäftsmodelle — zuletzt intensiv über Agentic Commerce und den Einsatz von KI im Handel.
Alle Beiträge