Amazon öffnet Schnelllieferung für Gebote von FBA-Händlern
Amazon will sein besonders schnelles Lieferangebot stärker mit Ware von Drittanbietern ausbauen. Nach Informationen von Business Insider fordert der Konzern ausgewählte Verkäufer, die Fulfillment by Amazon nutzen, dazu auf, Gebote für die Teilnahme an der „Sub-Same-Day“-Zustellung abzugeben. Diese Lieferoption soll Bestellungen teils schon zwei Stunden nach Kauf beim Kunden ankommen lassen.
Das Modell ist als freiwillige Zusatzoption angelegt. Verkäufer legen ein Gebot pro Einheit fest und zahlen laut Amazon nur für Artikel, die tatsächlich über Sub-Same-Day versendet werden. Mehr als der selbst gesetzte Stückpreis werde nicht berechnet. Amazon verweist zugleich auf mögliche Mehrerlöse: Produkte mit dieser Liefergeschwindigkeit hätten im Durchschnitt 12 Prozent höhere Verkäufe erzielt als Artikel im regulären FBA-Service.
Die Reichweite ist bereits beträchtlich. Nach Unternehmensangaben steht Sub-Same-Day in 2.300 Metropolregionen zur Verfügung. In einzelnen Städten testet oder bietet Amazon zudem Lieferungen innerhalb von 30 Minuten für bestimmte Lebensmittel und wichtige Alltagsprodukte an. Für die Logistik des Marktplatzes bedeutet das: Drittanbieter-Ware muss näher an den Kunden liegen, wenn sie für ultrakurze Lieferfenster infrage kommen soll.
Mehr Sichtbarkeit, mehr Kosten, mehr Komplexität
Berater von Amazon-Verkäufern sehen in dem Bietsystem einen möglichen Kostentreiber. FBA-Händler zahlen bereits für Lagerung, Verpackung und weitere Leistungen. Nun kommt für besonders schnelle Lieferungen ein variabler Preis hinzu, dessen Höhe sie selbst kalkulieren müssen. Amazon will Gebote unter anderem anhand von Faktoren wie Kundenfeedback bewerten.
Für Verkäufer kann das neue Verfahren strategisch relevant werden, weil schnelle Lieferung auf Marktplätzen ein starker Sichtbarkeitsfaktor ist. Die Einschätzung aus dem Händlerumfeld lautet, dass Amazon in Suchergebnissen oder auch in Alexa-Ergebnissen Produkte bevorzugen könnte, die schneller beim Kunden sind. Damit würde Liefertempo im E-Commerce noch stärker zu einem Wettbewerbsinstrument.
Gleichzeitig wächst der operative Aufwand. Schnellere Zustellung setzt meist voraus, dass Händler mehr Bestand vorhalten und Ware auf zusätzliche Amazon-Standorte verteilen. In dem Bericht wird das am Beispiel zweier Städte beschrieben: Ein Lager könne früher mehrere Regionen abdecken, für kürzere Lieferfenster werde jedoch Bestand näher an jedem Zielmarkt benötigt. Amazon gibt an, dass Sub-Same-Day-Standorte rund 100.000 Produkte führen, deutlich weniger als klassische Fulfillment-Zentren.
Amazon betont, die neue Option gebe Verkäufern erstmals mehr Kontrolle darüber, welche zusätzlichen Produkte sie auf Basis eigener Marktkenntnis schneller anbieten. Zugleich sollen weiterhin Artikel unabhängiger Händler ohne Zusatzkosten im Same-Day-Netzwerk platziert werden. Offen bleibt, wie stark sich die Gebote auf Sichtbarkeit, Marge und Sortimentssteuerung auswirken, sobald mehr Verkäufer um die schnellste Zustellung in 2.300 Metropolregionen konkurrieren.

Chefredakteur
Dr. Björn Böer ist Chefredakteur der Wirtschaftsmedien und verantwortet in dieser Rolle „Der Handel“ und das E-Commerce-Portal etailment.de. Zuvor war der promovierte Dipl.-Volkswirt unter anderem Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und leitete von 2001 bis 2003 die Wirtschaftsredaktion des F.A.Z.-Business Radios. Sein journalistisches Handwerk lernte er als Volontär beim Norddeutschen Rundfunk.
Alle Beiträge