Amazon und der große Platscher

Amazon und der große Platscher

Huihui, was für eine Aufregung. Ralf Kleber hat mal wieder von deutschen Amazon-Läden gesprochen. Naja, so richtig gesprochen hat er ja nicht. Eher ein bisschen mit dem Kopf gewackelt. Reicht schon, damit das Land aufgeschreckt ist. Dabei gehts bei den stationären Präsenzen um ganz andere, wichtige Dinge. Aber das muss ja nicht das Ende sein.

Steffen GerthSteffen GerthRedakteur Der Handel und etailment
5 Min.· Aktualisiert am
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Die Aussage war so schwammig, wie es nur eben geht. Aber schon sind alle nervös. "Ob und wann wir den Onlinehandel wie und wo ergänzen, sagen wir, wenn es so weit ist. Fakt ist: Wir wissen, dass Kunden offline einkaufen und dass sie Vielfalt mögen", hatte Ralf Kleber letztens der "Welt am Sonntag" mitgeteilt.
"Kommen Amazon-Läden bald nach Deutschland?" fragte daraufhin "Werben & Verkaufen" sehr aufgeregt. Und die "Welt" wurde schon etwas konkreter in der Vermarktung des Interviews mit dem Deutschland-Chef des Onlinekaufhauses: "Amazon denkt über Läden in deutschen Fußgängerzonen nach." Nun, auch unser einer denkt über so manches nach. Nicht wenig davon kommt leider über dieses Stadium nicht hinaus.
Dass Amazon über Läden nicht erst seit vorigem Sonntag nachdenkt, daran erinnerte in der Woche auch unser "Morning Briefing" mit weitem Blick zurück, denn schon 2015 war es "eine Option". 2017 war es "keine Frage des Ob, sondern des Wann". Immerhin gab es Pop-up-Store-Versuche, etwa mit einem Laden 2018 in Berlin. Das verbuchen wir unter der Rubrik "Nachdenken". Denn wer Klebers Antwort auf Inhalt abklopft, muss annehmen, dass auch weiterhin nicht viel passieren wird. Dabei hätten Amazon-Läden Sinn, weil sie die Marke noch weiter stärken würden. Mit stationären Präsenzen würde das Unternehmen dann nicht mehr so ein "Internethändler" sein, sondern einer zum Anfassen, und dort könnten dann auch die Leute einkaufen, die sich dem Web bisher noch verweigern. Amazon könnte in den Läden auch ein Click&Collect-System installieren, eigene Abholboxen und noch viel mehr Service.

Die Paketmengen in den Griff bekommen



Und um diesen Service dürfte es zuerst gehen bei den "Läden", weniger um den Verkauf von Ware über den Ladentisch, schon gar nicht Lebensmittel, mit denen Amazon gegen das Quartett Edeka, Rewe, Aldi und Lidl chancenlos ist. Es ist vielmehr dringlicher, die immer schwieriger werdende Zustelllogistik zu optimieren.

"Amazon erweitert derzeit auch auf internationaler Ebene massiv das Logistiknetzwerk, um dem schnell wachsenden Paketvolumen Rechnung tragen können und noch schneller auf die dynamischen Marktveränderungen reagieren zu können", sagt Daniel Kroppmanns, Director Retail Agency beim Immobiliendienstleister Savills, im Gespräch mit etailment. "Grundsätzlich spielt Amazon zusätzlich mit dem Gedanken, kleinere innerstädtische Paketstores mit ausreichend Parkplätzen als Unterstützung zu den großen Logistikzentren anzumieten und damit den Paketservice für die Konsumenten stetig zu optimieren." Immobilienmenschen haben ihre Ohren eng am Markt, denn wer Flächen braucht, muss zu ihnen kommen. Daher muss man Kroppmans' Analyse richtig einordnen: Das "Nachdenken über Läden in den Fußgängerzonen" ist offenbar zuerst ein Nachdenken über ein großes Logistik-Kapillarsystem - mit eigenen Autos, eigenen Mitarbeitern und eben eigenen Abholläden. Den gesamten Bestell- und Retourenprozess in den eigenen Händen halten, das kann nur das Ziel von Amazon sein.

Da war doch was mit Real?



Dass eigene "richtige" Läden aber auch Sinn ergeben würden, darf nicht verschwiegen werden. Doch stationärer Einzelhandel will eben gelernt sein (Mieten, Ladenbau, Personal...), genauso wie stationäre Händler sich das Onlinethema erst erarbeiten müssen. Beides sind eben nicht nur Vertriebskanäle, sondern eigene Geschäftsmodelle.

Dass es für Amazon viele gute Gründe gibt, sich zumindest einige der zum Verkauf stehenden Real-Märkte anzueignen, hatten wir hier schon erläutert. Und je länger das Gezerre um neue Eigentümer der abgewirtschaftete SB-Warenhaus-Kette dauert, umso günstiger könnten die Immobilienpreise werden. Auch Boris Planer kann sich mit der Vision anfreunden, dass Amazon eines Tages neuer Herr im alten Real-Haus sein könnte. "Real wäre für Amazon eine seltene Chance, ins Becken zu springen und in Sachen physischer Greifbarkeit einen dicken Platscher zu machen", sagt der Deutschlandchef des internationalen Handels-Analyseunternehmens Edge by Ascential zu etailment. Oh ja, der Platscher wäre in der Tat dick. Real wird zu Amazon. Was für eine Story. Was für ein kluger Schachzug auch, weil ja die Häuser eben Platz für alles bieten: Verkauf von Waren sowie große Abholflächen. Darüber hinaus auch Platz für Erlebnis in einer neuen, großen realen (haha) Amazon-Welt. Planer spricht von "Amazon-Devices zum Anfassen und Ausprobieren" und meint damit etwa Kochkurse nur für Mitglieder des Prime-Dienstes.
Was spricht noch Amazon-Läden?
Jede Menge:

  • Amazon tastet sich in den Omnichannel vor und testet international verschiedene Formate.
  • Amazon sucht nach dem Lebensmittel-Baustein für sein Ökosystem (Fresh ist ja vorerst in Berlin, Potsdam, München steckengeblieben).
  • Amazon wird wissen, dass Convenience ein unterbedientes Wachstumssegment ist.
  • Physische Läden bringen Kunden mit Amazon-Devices in Kontakt, und die erlebbar zu machen und weiter zu verbreiten ist ein wichtiger Baustein in der Ökosystem-Strategie.
  • Physische Läden könnten durch Events als Prime-Promoter benutzt werden (Exklusive Events für Mitglieder).
  • Amazon wäre aufgrund seiner gewaltigen Datenmenge wie kein anderer Händler in der Lage, lokalisierte Sortimente anzubieten.

Solche Läden sollten, ja müssten an hochfrequentierten Standorten eingerichtet werden, etwa direkt an Pendlerbahnhöfen, zentralen U-Bahn-Stationen, "dort, wo fast jeder fast jeden Tag vorbeikommt", sagt Handelsanalyst Planer.

Jetzt würde man nur noch gerne wissen, welche Meinung Ralf Kleber dazu hat.

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Steffen Gerth
Geschrieben vonSteffen Gerth

Redakteur Der Handel und etailment

Steffen Gerth ist Redakteur bei Der Handel und etailment. Für das Digital-Commerce-Magazin der dfv Mediengruppe schrieb er unter anderem die wöchentliche Kolumne "Die Woche im Handel" mit Analysen zum Strukturwandel im deutschen Einzelhandel.

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